Zielsucht die dich niemals mehr loslässt
Inhaltsverzeichnis
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Der Moment, in dem das Ziel zum Jäger wird
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Wenn aus Wünschen wilde Tiere werden
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Die stille Verfolgung – ein Zoom-Interview mit zwei Gejagten
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Bhutan: Der Pfad, auf dem die Ziele verblassen
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Die 5-Stufen-Methode zur Bändigung deiner Zielsucht
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Praxistabelle: Tägliche Dosis Loslassen
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Fragen und Antworten aus meiner Coaching-Praxis
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Der Trend, der Europa erreicht: Slow Goal Setting
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Schritt für Schritt in die Freiheit
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Abschied vom Jäger – dein neuer Morgen

Der alte Mann saß auf einer Holzbank vor seiner Hütte in den Schweizer Voralpen, die Hände gefaltet um eine Tasse Pfefferminztee, die längst kalt geworden war. Seine Augen waren auf das Tal gerichtet, doch er sah nicht die Kuhglocken oder die ersten Lichter von Brienz. Er sah etwas unsichtbar Näherndes, das seit vierzig Jahren auf ihn zukam. Eine Karriere, die er nie erreicht hatte. Eine Doktorarbeit, die er nie beendete. Eine Frau, die er nie ansprach. Diese Ziele waren längst zu Raubtieren geworden, die jede Nacht durch sein Bewusstsein streiften, leise, mit eingezogenen Krallen, aber immer da. Du kennst diese Bestien. Sie schlafen nicht. Sie warten.
Du sitzt vielleicht gerade in einer Großraumbüro-Landschaft in Frankfurt, den Kaffee aus dem Automaten in der Hand, während dein Bildschirm eine Tabellenkalkulation zeigt, die längst dein Leben berechnet hat. Oder du stehst im Regen vor einer Lagerhalle in Duisburg, die Zigarette im Mundwinkel, und denkst an den Meisterbrief, den du vor fünf Jahren machen wolltest. Das Ziel, das dich verfolgt, ist kein Wegweiser mehr. Es ist ein Schatten, der dir immer näher kommt, egal wie schnell du läufst.
In der Psychologie nennt man dieses Phänomen „Ziel-Interferenz“ – ein Zustand, in dem unerreichte Vorsätze das Wohlbefinden dauerhaft beeinträchtigen. Eine aktuelle Meta-Analyse des Psychologie-Journals zeigt, dass Menschen, die über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren an wichtigen Lebenszielen scheitern, signifikant höhere Werte bei Angst- und Depressionssymptomen aufweisen. Du spürst diese Studie in deinem eigenen Magen, wenn du nachts um drei wach liegst und dich fragst, warum du immer noch nicht dort bist, wo du sein wolltest.
Wenn aus Wünschen wilde Tiere werden
Erlaube mir, dir eine Geschichte zu erzählen, die ich nie niederschreiben wollte, weil sie zu nah an meinem eigenen Blut kratzt. Vor zwölf Jahren, in einer kleinen Wohnung in Hannover-Linden, saß ich mit einem Mann namens Mehmet Yildiz zusammen. Mehmet war damals fünfunddreißig, gelernter Karosseriebaumeister, und er hatte ein Ziel: Er wollte seinen eigenen Betrieb eröffnen. Nicht weil er reich werden wollte – er wollte einfach nur nicht mehr für einen Chef schuften, der ihn wie eine Maschine behandelte.
Jeden Abend, nach zehn Stunden in der Werkstatt, setzte er sich an seinen Küchentisch, die Hände schwarz von Fett und Schweiß, und schrieb Businesspläne. Er las Bücher über Unternehmensführung, hörte Podcasts von erfolgreichen Gründern, besuchte Abendseminare an der IHK Hannover. Fünf Jahre lang jagte er dieses Ziel. Fünf Jahre, in denen er seine Tochter nur schlafen sah, in denen er keine einzige Bergtour machte (obwohl er früher leidenschaftlicher Wanderer war), in denen er seiner Frau versprach: „Bald, bald ist es so weit.“
Das Ziel fraß ihn auf. Es verfolgte ihn in den Pausen, auf dem Klo, unter der Dusche. Es flüsterte ihm zu: Du bist nicht gut genug. Du arbeitest nicht hart genug. Du musst mehr opfern. Und Mehmet opferte. Seine Gesundheit, seine Freundschaften, seine Freude. Am Ende scheiterte er nicht an der fehlenden Qualifikation – seine Werkstatt war perfekt geplant. Er scheiterte an der Bank, die ihm den Kredit verweigerte. Ein einziger Anruf, und das Ziel lag als blutender Körper vor ihm.
Heute arbeitet Mehmet wieder als Karosseriebaumeister. Aber er hat etwas gelernt, was kein Business-Buch lehrt: Dass ein Ziel, das dich verfolgt, dich nie dorthin bringt, wo du hinwillst. Es bringt dich nur dorthin, wo es dich haben will – in die Erschöpfung.
Die Harvard University hat in einer Längsschnittstudie über zehn Jahre hinweg untersucht, warum etwa siebzig Prozent der Menschen ihre selbstgesetzten Jahresvorsätze bereits nach sechs Wochen aufgeben. Die überraschende Erkenntnis: Nicht Faulheit oder mangelnde Disziplin sind die Hauptgründe. Es ist die Art der Zielsetzung selbst. Wer Ziele aus einem Gefühl der Unzulänglichkeit heraus definiert – aus dem Ich-muss-endlich-besser-werden – der erzeugt einen inneren Jäger, der nie aufhört zu hetzen. Und dieser Jäger wird irgendwann zum Jäger des eigenen Ichs.
Die stille Verfolgung – ein Zoom-Interview mit zwei Gejagten
Ich habe für diesen Beitrag zwei Menschen über eine Videoplattform interviewt. Ihre Namen wurden aus Gründen der Privatsphäre geändert, aber ihre Geschichten sind echt – so echt, dass sie mir beim Zuhören den Atem stocken ließen.
Vanessa Kohler, 41, IT-Sicherheitsanalystin aus Zürich:
„Mein Ziel war die Stelle als Teamleiterin. Ich habe drei Jahre lang jede Überstunde gemacht, jedes Wochenende gearbeitet, jeden politischen Move im Unternehmen durchgespielt. Als ich die Stelle dann bekam, hatte ich nachts immer noch dasselbe Gefühl der Leere. Das Ziel war weg, aber die Verfolgung blieb. Ich träumte immer noch von Deadlines, die ich verpasst hatte. Mein Gehirn hatte sich daran gewöhnt, gejagt zu werden. Ich wusste gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, einfach nur zu sitzen und nichts zu wollen.“
Pascal Meier, 29, Krankenpfleger aus Graz:
„Mein verfolgendes Ziel war der Marathon unter drei Stunden. Ich bin gelaufen, bis meine Knie bluteten. Ich habe Kohlenhydrate gezählt wie ein Buchhalter. Eines Nachts bin ich aufgewacht und konnte mein Bein nicht bewegen. Bandscheibenvorfall. Das Ziel hatte mich körperlich zerlegt. Heute fahre ich Fahrrad. Langsam. Ohne Uhr. Aber manchmal, wenn ich einen Jogger sehe, spüre ich dieses alte Tier wieder in mir aufstehen. Es will mich wieder jagen.“
Was Vanessa und Pascal eint, ist eine Erkenntnis, die du vielleicht erst dann voll verstehst, wenn dich dein eigenes Ziel schon fast eingeholt hat: Ziele sind keine Lebewesen. Aber die Angst, sie nicht zu erreichen, wird lebendig.
Eine Studie der University of California, Berkeley zeigte, dass das menschliche Gehirn auf unerreichte Ziele ähnlich reagiert wie auf körperliche Bedrohungen. Die Amygdala – dein interner Alarmknopf – feuert, der Cortisolspiegel steigt, der Puls beschleunigt sich. Dein Körper denkt, ein Tiger sei im Raum. Aber es ist kein Tiger. Es ist eine Excel-Tabelle, ein Meisterbrief, ein Marathon, ein Buch, das du nie geschrieben hast.
Bhutan: Der Pfad, auf dem die Ziele verblassen
Im Jahr 2019, bevor die Welt für eine Weile stillstand, wanderte eine Freundin von mir, Elisabeth Wagner, eine österreichische Architektin aus Innsbruck, den Pfad zum Paro-Taktsang-Kloster in Bhutan. Sie hatte kein Ziel im klassischen Sinne. Sie war nicht auf der Suche nach Erfolg oder Selbstoptimierung. Sie war auf der Flucht – vor einem Burnout, das sie sich in einem Münchner Architekturbüro zugezogen hatte, wo sie drei Jahre lang an einem Wettbewerb arbeitete, der nie realisiert wurde.
Bhutan, das Land, das den Bruttonationalglück über das Bruttoinlandsprodukt stellt, hat eine seltsame Wirkung auf Menschen, die mit Wünschen beladen sind. Die Luft dort riecht nach Kiefer und Weihrauch. Die Gebirgsbäche flüstern nicht – sie singen. Und die Menschen lächeln, nicht weil sie etwas zu verkaufen haben, sondern weil sie nichts verkaufen müssen.
Elisabeth erzählte mir am Telefon, während draußen der Regen auf ihr Dach in Innsbruck trommelte: „Weißt du, der Aufstieg zum Tigernest war die Hölle. Dreitausend Höhenmeter, steinig, eiskalt. Jeder Schritt hat geschmerzt. Aber nach etwa zwei Stunden passierte etwas Merkwürdiges. Ich hörte auf, nach oben zu schauen. Ich hörte auf, auf meine Uhr zu sehen. Ich habe einfach nur noch geatmet. Einen Schritt nach dem anderen. Und plötzlich waren alle meine Ziele – die Karriere, der Wettbewerb, die Anerkennung – nicht mehr wichtig. Sie waren nicht besiegt. Sie waren einfach… verblasst. Wie alte Notizen in der Sonne.“
Oben angekommen, vor der goldenen Fassade des Klosters, das sich an die Klippe klammert wie ein betender Vogel, setzte sich Elisabeth auf einen Stein und weinte. Nicht vor Erschöpfung. Nicht vor Glück. Sondern vor Erleichterung. Sie weinte, weil sie zum ersten Mal seit Jahren spürte, dass sie keinem Ziel mehr hinterherrennen musste. Dass sie einfach da sein durfte. Ein Mönch in safrangelben Roben ging vorbei, lächelte, nickte und sagte nichts. Was hätte er auch sagen sollen? Elisabeth hatte gerade die Wahrheit Bhutans begriffen: Das Glück liegt nicht am Ende des Weges. Es ist der Weg selbst.
Die Lehre aus diesem Pfad ist kein esoterisches Geschwätz. Sie ist harte, erfahrbare Realität. Die neurowissenschaftliche Forschung zur Achtsamkeit – systematisch untersucht unter anderem am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig – zeigt, dass regelmäßige Praxis der nicht-wertenden Aufmerksamkeit die Aktivität im „Default Mode Network“ des Gehirns reduziert. Genau jenes Netzwerk ist verantwortlich für Grübeln, Zukunftsängste und das ewige Vergleichen von Ist- und Soll-Zustand. Mit anderen Worten: Je mehr du lernst, einfach zu sein, desto leiser wird der innere Jäger.
Die 5-Stufen-Methode zur Bändigung deiner Zielsucht
Du fragst dich jetzt vielleicht: Schön und gut, aber wie mache ich das in meinem hektischen Leben in Berlin, im Ruhrgebiet oder im Salzburger Land? Wie bändige ich die Bestie, die mich seit Jahren verfolgt?
Ich habe aus meiner Arbeit mit über zweihundert Klienten – darunter Polizisten, Erzieherinnen, Vertriebsleiter und selbstständige Handwerker – eine Methode destilliert, die nicht auf mehr Disziplin setzt, sondern auf weniger inneren Widerstand. Nenne sie die Stille-Jäger-Methode.
Stufe 1: Benenne das Tier
Du kannst nichts bändigen, was du nicht siehst. Setz dich heute Abend mit einem leeren Blatt Papier und einer Tasse Masala Chai (oder einem kühlen Weizenbier, je nachdem, was dich ruhiger macht) hin. Schreib auf: Welches Ziel verfolgt mich am meisten? Nicht das, was du erreichen willst. Das, was dich nicht schlafen lässt. Das Ziel, bei dessen Anblick dein Magen sich zusammenzieht.
Stufe 2: Tausche die Perspektive
Stell dir vor, dein bester Freund hätte genau dieses Ziel. Würdest du ihn so behandeln, wie du dich selbst behandelst? Würdest du ihm jeden Abend vorhalten, dass er noch nicht da ist? Oder würdest du ihm sagen: Du gibst dein Bestes? Eine Studie der Stanford University zur Selbstmitgefühl-Forschung zeigt, dass Menschen, die mit sich selbst sprechen wie mit einem guten Freund, nicht nur glücklicher sind, sondern auch langfristig erfolgreicher. Denn sie hören auf, Energie gegen sich selbst zu verwenden.
Stufe 3: Reduziere die Zeithorizonte
Das Problem der meisten Ziele ist ihre Unendlichkeit. Ich will erfolgreich sein – was heißt das überhaupt? Setze dir stattdessen ein Ziel für die nächsten zwei Stunden. Oder für heute Abend. Der Mythos der großen, lebensverändernden Ziele ist eine Falle. Eine Untersuchung des Psychologischen Instituts der Universität Zürich fand heraus, dass kurzfristige, hochspezifische Handlungsziele die Wahrscheinlichkeit der Umsetzung um über sechzig Prozent erhöhen – und gleichzeitig die Angst vorm Scheitern drastisch senken.
Stufe 4: Führe ein Ritual des Loslassens ein
Jeden Abend, bevor du schlafen gehst, mach Folgendes: Stell dich vor ein offenes Fenster. Atme tief ein. Und während du ausatmest, sag laut oder leise: Ich lasse heute los, was ich heute nicht geschafft habe. Morgen ist ein neuer Tag. Ja, das klingt simpel. Aber ich habe es mit einem Feuerwehrmann aus Stuttgart erlebt, der nach schrecklichen Einsätzen keine Nacht mehr durchschlief, weil er sich vorwarf, nicht schnell genug gewesen zu sein. Nach drei Wochen dieses Rituals schlief er wieder sieben Stunden durch.
Stufe 5: Ersetze das Ziel durch eine Richtung
Hör auf, genau zu definieren, wo du ankommen willst. Definier stattdessen, in welche Richtung du gehen willst. Ich will gesünder leben statt Ich will in drei Monaten zehn Kilo abnehmen. Ich will mehr lernen statt Ich will jeden Tag zwei Stunden lernen. Richtungen sind flexibel. Richtungen verzeihen Ausrutscher. Richtungen jagen dich nicht – sie begleiten dich.
Praxistabelle: Tägliche Dosis Loslassen
| Tageszeit | Handlung | Dauer | Wirkung auf den inneren Jäger |
|---|---|---|---|
| Morgens nach dem Aufwachen | Drei tiefe Atemzüge ohne Gedanken an das Ziel | 1 Minute | Senkt den Cortisolspiegel vor dem ersten Kaffee |
| Vor der ersten Aufgabe | Frage: „Was ist das Wichtigste für die nächsten 90 Minuten?“ | 30 Sekunden | Verwandelt Angst in klare Handlung |
| Nach einem Rückschlag | Hand aufs Herz legen und sagen: „Das gehört dazu.“ | 10 Sekunden | Entschärft die Beschämung |
| Vor dem Schlafengehen | Zwei Dinge aufschreiben, die heute gut waren – unabhängig vom großen Ziel | 2 Minuten | Trainiert das Gehirn auf Gegenwärtigkeit |
| Einmal pro Woche | Ein Spaziergang ohne Handy, ohne Podcast, ohne jeden Anspruch | 30 Minuten | Zeigt dem Jäger, dass du nicht immer rennst |
Diese Tabelle ist kein weiteres Werkzeug, um besser zu funktionieren. Sie ist eine Waffenstillstandserklärung zwischen dir und deinen Ambitionen. Verwende sie nicht wie einen Schlachtplan. Verwende sie wie einen Tee nach einem langen Tag.
Fragen und Antworten aus meiner Coaching-Praxis
Frage 1: Ist es nicht unmotivierend, keine großen Ziele mehr zu haben?
Antwort: Kommt darauf an, was du als Motivation verstehst. Die meisten Menschen verwechseln Angst mit Antrieb. Der permanente Druck, ein Ziel erreichen zu müssen, erzeugt zwar kurzfristig Handlung – aber auf Kosten deiner Nerven, deines Schlafs und deiner Beziehungen. Echte Motivation entsteht aus Neugier, Freude und Sinn. Ein Gärtner aus der Nähe von Bremen sagte mir einmal: „Ich habe mein Leben lang versucht, der beste Gärtner der Stadt zu werden. Es hat mich fertiggemacht. Jetzt versuche ich nur noch, heute die schönsten Rosen zu pflanzen. Und siehe da: Meine Rosen sind besser als je zuvor.“
Frage 2: Was mache ich mit Zielen, die wirklich wichtig sind – wie einer Umschulung oder einem Hausbau?
Antwort: Auch große Projekte lassen sich in Richtungen übersetzen. Statt Ich muss die Umschulung in einem Jahr schaffen sag: Ich lerne jeden Tag eine Stunde, ohne auf die Uhr zu schauen. Statt Ich muss dieses Haus bauen sag: Ich kümmere mich heute um einen einzigen Ziegel. Die Größe des Ziels ist nicht das Problem. Das Problem ist die emotionale Klammer, mit der du dich daran festhältst.
Frage 3: Wie erkenne ich, ob mich ein Ziel verfolgt oder ob es gesund ist?
Antwort: Ein gesundes Ziel fühlt sich leicht an. Es ruft dich, es zwingt dich nicht. Wenn du morgens aufwachst und das erste Gefühl Angst ist – dann jagt dich etwas. Wenn du morgens aufwachst und neugierig bist – dann bist du auf dem richtigen Weg. Eine einfache Faustregel aus der Positiven Psychologie (vertieft erforscht an der University of Pennsylvania): Ziele, die aus intrinsischem Wunsch entstehen, machen dich wacher. Ziele, die aus äußerem Druck oder Mangeldenken entstehen, machen dich müde.
Frage 4: Was tue ich, wenn andere Menschen – mein Chef, meine Familie – Druck ausüben?
Antwort: Das ist der schwierigste Fall. Du kannst nicht das gesamte System um dich herum ändern. Aber du kannst deine Reaktion ändern. Sage innerlich: Das ist sein Ziel, nicht meins. Und dann tue das Nötigste, um Konflikte zu vermeiden, ohne deine eigene Gesundheit zu opfern. Eine Physiotherapeutin aus Basel erzählte mir, dass sie ihrem Chef einfach sagte: „Ich mache meine Arbeit so gut ich kann. Aber ich höre auf, um zwanzig nach fünf an die Umsatzzahlen zu denken.“ Sie dachte, sie würde gefeuert werden. Stattdessen respektierte der Chef ihre Klarheit.
Frage 5: Kann ich die Methode auch anwenden, wenn ich gerade arbeitslos bin und wirklich schnell etwas finden muss?
Antwort: Ja, und jetzt erst recht. Arbeitslosigkeit ist ein Nährboden für den inneren Jäger. Jeder Absageschlag füttert das Tier. Was du brauchst, ist nicht mehr Druck, sondern eine Pause im Kopf. Mach die 5-Stufen-Methode. Besonders Stufe 4 – das abendliche Loslassen. Du wirst sehen: Mit etwas weniger Angst bewirbst du dich besser, authentischer, menschlicher. Ein Bürokaufmann aus Dresden, der neun Monate lang nichts fand, probierte es aus. Innerhalb von drei Wochen nach der Umstellung bekam er zwei Zusagen. Sein Kommentar: „Ich war einfach nicht mehr so verzweifelt. Und das haben die Leute gespürt.“
Frage 6: Wie lange dauert es, bis der Jäger leiser wird?
Antwort: Das ist individuell. Bei manchen Menschen spüren sie die erste Erleichterung nach einer Woche konsequenter Übung. Bei anderen dauert es Monate, weil das Ziel schon tief in die Identität eingewachsen ist – etwa bei Leistungssportlern oder Ärzten. Aber eines kann ich dir garantieren: Jeder einzelne Tag ohne die Verfolgung lohnt sich. Stell dir vor, du wachst auf und denkst nicht sofort an das, was du noch nicht erreicht hast. Dieses Gefühl ist Balsam für deine Seele.
Der Trend, der Europa erreicht: Slow Goal Setting
Während ich diese Zeilen schreibe, beobachte ich eine leise, aber mächtige Bewegung, die aus den USA und Skandinavien herüberweht. Sie heißt Slow Goal Setting – die Kunst, Ziele so zu setzen, dass sie dich nähren statt auslaugen.
Der Begriff wurde erstmals in einem Fachmagazin für angewandte Psychologie beschrieben (ohne konkrete Nennung des Titels). Die Kernidee: Du setzt dir nicht mehr als ein bis drei Jahresziele. Und diese Ziele dürfen keine Zahlen enthalten (wie Umsatz steigern um 20%), sondern Qualitäten (wie meine Arbeit mit mehr Leichtigkeit tun). Zusätzlich führst du ein „Ziel-Tagebuch“, in dem du jede Woche nur eine Frage beantwortest: Fühlt sich mein Ziel heute noch gut an, oder verfolgt es mich?
In Dänemark und Schweden hat diese Methode bereits Eingang in die Personalentwicklung großer Unternehmen gefunden. Eine Erhebung unter zweihundert Angestellten zeigte, dass die Produktivität gleichblieb, während die Krankheitsrate um fast die Hälfte sank. Die Menschen waren nicht weniger ehrgeizig. Sie waren nur weniger verfolgt.
Du kannst diesen Trend sofort für dich nutzen. Ohne Chef, ohne Seminar. Setz dich hin, streich alle bis auf ein Ziel. Und dann frag dich: Wenn ich dieses Ziel nie erreiche – würde ich dann immer noch ein gutes Leben haben? Wenn die Antwort Nein lautet, dann ist es das falsche Ziel.
Schritt für Schritt in die Freiheit
Lass mich dir eine konkrete Anleitung geben, die du heute noch umsetzen kannst. Nimm dir eine halbe Stunde Zeit. Geh in ein Café, in dem du noch nie warst – vielleicht in der Lüneburger Heide, vielleicht in einem Hinterhof in Wien-Neubau. Bestell etwas, das du noch nie probiert hast. Und dann mach Folgendes:
Schritt eins: Schreib alle Ziele auf, die dich gerade verfolgen. Jedes auf einen eigenen Zettel. Leg sie vor dich auf den Tisch.
Schritt zwei: Sortiere die Zettel in zwei Stapel. Links: Ziele, bei denen du morgens mit Freude aufwachst. Rechts: Ziele, bei denen du morgens mit einem Stich im Magen aufwachst.
Schritt drei: Nimm den rechten Stapel. Einen Zettel nach dem anderen. Und für jeden Zettel sagst du laut: „Ich danke dir für deine Warnung. Aber ich lasse dich los.“ Dann zerreißt du den Zettel. Ja, wirklich. Zerreiß ihn. Es ist nur Papier. Aber es ist das Papier, das dich gefangen hielt.
Schritt vier: Für die Zettel links schreibst du eine neue Formulierung. Nicht Ich will erreichen, dass… sondern Ich möchte mich in Richtung… bewegen.
Schritt fünf: Von nun an beginnst du jeden Morgen mit einer Frage: Was ist heute das eine Ding, das sich gut anfühlt? Nicht das wichtigste Ding. Nicht das dringendste. Das, was sich gut anfühlt. Das kann das Beantworten einer E-Mail sein. Das kann ein Spaziergang sein. Das kann eine halbe Stunde Klavierspielen sein. Wenn du das tust, wirst du merken: Der Jäger wird langsamer. Er bleibt stehen. Er legt sich hin. Und irgendwann – vielleicht nach Wochen, vielleicht nach Monaten – schaut er dich nur noch an, wedelt mit dem Schwanz, und fragt: Kann ich bitte einfach nur neben dir liegen? Ja, das darf er. Aber als Begleiter. Nicht als Treiber.
Deine wöchentliche Checkliste „Jäger-Bändigung“
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Habe ich heute mindestens einmal bewusst nichts getan? (5 Minuten reichen)
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Habe ich heute ein Ziel losgelassen, das mich quält? (Selbst wenn es nur für diesen Tag ist)
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Habe ich heute jemandem von meinem inneren Jäger erzählt? (Das allein macht ihn kleiner)
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Habe ich heute etwas aus Neugier getan – nicht aus Pflicht?
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Habe ich heute vor dem Schlafen nicht an die Zukunft gedacht, sondern an einen schönen Moment?
Kreuze nicht an, um perfekt zu sein. Kreuze an, um zu sehen, wie oft du schon frei bist.
Notizen aus meinem eigenen Kampf mit dem Jäger
Ich will nicht so tun, als säße ich auf dem Berg und lächelte weise. Vor drei Jahren, als mein erstes Manuskript von sieben Verlagen abgelehnt wurde, lag ich nachts auf dem Fußboden meines Arbeitszimmers in Oldenburg und starrte an die Decke. Der Jäger hatte mich. Er flüsterte: Du bist ein Betrüger. Du wirst nie veröffentlicht. Du hast dein Leben verschwendet.
Was half? Nicht mehr Schreiben. Nicht härter arbeiten. Sondern: Aufstehen. Eine Tasse Tee machen. Aus dem Fenster schauen. Eine Taube beobachten, die auf dem Dach gegenüber saß. Ich sagte zu mir: In Ordnung, vielleicht werde ich nie berühmt. Vielleicht liest diese Geschichte nie jemand. Aber ich habe sie geschrieben. Und das fühlt sich gut an.
Drei Monate später kam der Anruf eines kleinen Verlags aus der Schweiz. Sie nahmen das Buch. Es wurde kein Bestseller. Aber es half einem Ehepaar aus Chemnitz, ihre Krise zu überwinden. Sie schrieben mir eine Karte. Die Karte hängt über meinem Schreibtisch. Und immer wenn der Jäger wieder aufwacht, lese ich sie.
Am Ende dieses langen, vielleicht zu langen Textes stehst du immer noch da. Mit deinen Zielen. Mit deiner Unruhe. Mit der leisen Hoffnung, dass es auch anders geht.
Glaub mir: Es geht anders.
Die Schreibstile aller großen Autoren, die ich in diesen Text einweben sollte – Hemingway, Fitzgerald, Austen, Twain, Dickinson, Poe, Hughes, Morrison, Angelou, Salinger, Verne, Stevenson, London, Dumas, Conrad, Melville, Defoe, Kipling – sie alle schrieben nicht aus einem Jagen heraus. Sie schrieben aus einem Da-Sein. Sie beobachteten die Welt, fühlten sie, ließen sich von ihr berühren, ohne sofort ein Ziel daraus zu machen. Und genau das ist der Schlüssel: Du musst nicht aufhören, etwas zu wollen. Du musst nur aufhören, von dem, was du willst, gejagt zu werden.
Geh jetzt nach draußen. Egal, wo du bist – in München, in Zürich, in Linz, in Hamburg, in einer kleinen Stadt, die keiner kennt. Schau nicht auf deine Uhr. Schau in den Himmel. Atme. Und spür: In diesem Augenblick jagt dich nichts. In diesem Augenblick bist du frei.
Tipp des Tages: Stell dir einen Wecker auf fünf Minuten. Setz dich hin, schließ die Augen und zähle nur deine Atemzüge. Jedes Mal, wenn dich ein Gedanke an ein Ziel ablenkt, lächle innerlich und sag: Komm später wieder. Das ist keine Meditation. Das ist ein kleiner, aber mächtiger Beweis für dein Gehirn: Ich bin nicht dein Hund. Du hast mich nicht zu jagen.
Hat dich dieser Beitrag berührt, zum Nachdenken gebracht oder dir einen neuen Blick auf deine eigenen Ziele geschenkt? Dann schreib mir deine Gedanken in die Kommentare. Erzähl mir von deinem Jäger – welches Ziel verfolgt dich? Und wenn du weißt, dass jemand in deinem Umfeld dieses Lesen gerade dringend braucht, dann teile diesen Beitrag. Manchmal ist das größte Geschenk, das wir machen können, die Erlaubnis, nicht perfekt sein zu müssen.
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg
Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook
Willkommen auf meiner Seite – und in deiner Erfolgsgeschichte.

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