Wenn Selbstoptimierung zur Last wird

Wenn Selbstoptimierung zur Last wird

Wenn Selbstoptimierung zur Last wird

Es beginnt nicht mit einem Zusammenbruch. Es beginnt mit einem Kalender, der zu voll ist, und dem Gedanken, dass man das ja alles auch noch irgendwie schaffen kann.

Irgendwann steht man morgens auf und funktioniert. Nicht gut, nicht schlecht. Einfach nur funktionieren. Die Zähne putzen, den Kaffee trinken, die erste Aufgabe erledigen. Und dann die nächste. Und irgendwann fragt man sich, wann man eigentlich aufgehört hat, zu leben, und angefangen hat, eine To-do-Liste abzuarbeiten.

Was auf den ersten Blick wie Disziplin aussieht

Von außen betrachtet sieht das Leben oft geordnet aus. Man hat Ziele, Routinen, vielleicht sogar Erfolg. Man liest die Bücher über bessere Gewohnheiten, macht Sport, achtet auf Ernährung, arbeitet an sich selbst.

Das ist nicht falsch. Selbstverbesserung kann etwas Gutes sein.

Aber es gibt einen Moment, in dem sie kippt. In dem aus einer freien Entscheidung eine stille Pflicht wird. In dem man nicht mehr wächst, weil man wachsen will, sondern weil man Angst hat, stehenzubleiben.

Die innere Erschöpfung durch Selbstoptimierung kommt leise. Sie kommt nicht als großes Ereignis, sondern als schleichendes Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, ohne dass man benennen könnte, was.

Infografik Wenn Selbstoptimierung zur Last wird
Infografik Wenn Selbstoptimierung zur Last wird

Die stille Erschöpfung

Es gibt einen Unterschied zwischen Müdigkeit und Erschöpfung.

Müdigkeit geht weg, wenn man schläft. Erschöpfung bleibt.

Sie bleibt auch nach dem Urlaub, nach dem freien Wochenende, nach dem langen Schlaf. Weil sie nicht im Körper sitzt, sondern tiefer. Sie sitzt in der Art, wie man auf sich selbst schaut. In dem ständigen Gefühl, noch nicht genug zu sein.

Man kann nicht mehr funktionieren, und gleichzeitig weiß man nicht, wie man aufhören soll. Weil das Funktionieren das Einzige ist, was einem noch Halt gibt.

Warum Selbstoptimierung kaputt machen kann

Der Psychologe und Autor Viktor Frankl hat einmal beschrieben, dass der Mensch nicht nach Spannungslosigkeit strebt, sondern nach Sinn. Und genau hier liegt das Problem vieler Selbstoptimierungswege.

Sie versprechen ein Leben ohne Reibung. Sie suggerieren, dass man irgendwann an einen Punkt kommt, an dem alles läuft. An dem man mühelos diszipliniert, mühelos gelassen, mühelos erfolgreich ist.

Aber dieser Punkt existiert nicht.

Und weil er nicht existiert, bleibt man in einem Kreislauf aus Anstrengung und Enttäuschung. Man arbeitet an sich selbst, um sich besser zu fühlen. Und fühlt sich schlecht, weil man nicht besser wird.

Die ständige Selbstreflexion überfordert irgendwann. Man beginnt, jeden Gedanken zu analysieren, jedes Gefühl zu bewerten, jede Handlung zu hinterfragen. Man wird zum eigenen Projekt und verliert dabei aus den Augen, dass man ein Mensch ist.

Wie eine Frau in Wien beschloss, nicht mehr zu optimieren

Ich denke an eine Frau, die ich einmal in Wien kennengelernt habe. Sie war Anfang fünfzig, hatte einen anspruchsvollen Beruf, eine erwachsene Tochter, ein gut eingerichtetes Leben.

Sie erzählte mir, dass sie jahrelang jeden Morgen um fünf Uhr aufgestanden war, um zu meditieren, Tagebuch zu schreiben und Sport zu machen. Sie hatte Kurse belegt, Bücher gelesen, sich mit Ernährung beschäftigt. Sie war disziplinierter als jeder Mensch, den ich kannte.

Und irgendwann saß sie in ihrer Küche und weinte. Nicht weil etwas Schlimmes passiert war, sondern weil sie nicht mehr wusste, wofür sie das alles tat.

„Ich habe mich zu einem Projekt gemacht“, sagte sie. „Und irgendwann war das Projekt wichtiger als der Mensch, der es durchführt.“

Sie hörte nicht auf, sich weiterzuentwickeln. Aber sie hörte auf, es als Pflicht zu sehen.

Sie begann, Dinge zu tun, die keinen Zweck hatten. Spaziergänge ohne Schrittezähler. Lesen ohne Notizen. Gespräche ohne Ziel. Und sie merkte, dass sie sich dabei zum ersten Mal seit Jahren wieder wie ein Mensch fühlte und nicht wie eine Baustelle.

Die unausgesprochene Frage: Wer bin ich ohne die Optimierung?

Wenn man anfängt, sich selbst ständig zu verbessern, steckt oft eine tiefere Angst dahinter. Die Angst, nicht genug zu sein. Die Angst, dass das eigene Leben nicht ausreicht. Die Angst, dass man selbst nicht ausreicht.

Und die Selbstoptimierung ist dann der Versuch, diese Angst zu kontrollieren. Man arbeitet an sich, um sich sicherer zu fühlen.

Aber das funktioniert nicht. Weil die Angst nicht durch Leistung verschwindet, sondern durch Annahme.

Das ist keine neue Erkenntnis. Aber es ist eine, die man schwer leben kann. Weil sie bedeutet, sich selbst zu akzeptieren, ohne sich verdient zu haben.

Warum man trotz allem unzufrieden ist

Es gibt Menschen, die erreichen, was sie sich vorgenommen haben. Und trotzdem fühlen sie sich leer.

Das ist kein Widerspruch. Es ist ein Zeichen dafür, dass Erfolg allein keinen Sinn erzeugt.

Der französische Philosoph Albert Camus hat einmal geschrieben, dass man sich den Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen muss. Nicht, weil die Aufgabe sinnlos ist, sondern weil er sich in der Aufgabe selbst bejaht.

Das ist ein radikaler Gedanke. Es bedeutet nicht, dass man aufhören soll, sich zu bemühen. Es bedeutet, dass man den Wert nicht an das Ergebnis knüpft, sondern an den Prozess.

Man tut die Dinge, weil man sie tun will. Nicht, weil man dann jemand anderes sein kann.

Wie man aus dem Funktionieren herauskommt

Es gibt keinen Schalter, den man umlegen kann. Es gibt keine Fünf-Schritte-Methode, die aus einem funktionierenden Menschen einen lebendigen macht.

Aber es gibt kleine Entscheidungen.

Man kann anfangen, sich zu bemerken. Nicht zu bewerten, sondern zu bemerken. Wie fühlt sich der eigene Körper an? Was denkt man, wenn man nicht gerade versucht, etwas zu verbessern? Was würde man tun, wenn niemand einen beurteilen würde?

Man kann anfangen, Dinge zu tun, die keinen Nutzen haben. Ein Buch lesen, ohne es zu analysieren. Musik hören, ohne dabei etwas zu erledigen. Spazieren gehen, ohne Ziel.

Und man kann anfangen, sich selbst zu erlauben, nicht optimiert zu sein. Einfach nur da zu sein.

Das ist schwer. Weil man sich daran gewöhnt hat, sich selbst als Projekt zu sehen. Aber es ist möglich.

Dein Impuls für heute

Nimm dir heute zehn Minuten Zeit. Geh irgendwohin, wo du allein bist. Und stell dir eine einzige Frage:

Was würde ich heute tun, wenn ich mich nicht verbessern müsste?

Schreib den ersten Gedanken auf, der kommt. Ohne ihn zu bewerten. Ohne zu überlegen, ob er sinnvoll ist. Und dann überleg, ob du ihn tun kannst. Nicht, ob du ihn tun solltest. Nur, ob du ihn tun kannst.

Vielleicht ist es etwas Kleines. Vielleicht ist es etwas, das keine Zeit kostet. Vielleicht ist es einfach nur, dass du dich für einen Moment nicht bewertest.

Dann hast du einen Anfang gemacht.

Schlussgedanke

Die stillste Erschöpfung ist die, die man sich selbst antut. Sie entsteht nicht durch zu viel Arbeit, sondern durch den ständigen Druck, mehr sein zu müssen, als man gerade ist.

Es geht nicht darum, aufzuhören, sich zu entwickeln. Es geht darum, sich selbst nicht länger als Aufgabe zu betrachten. Sondern als Mensch, der sich entwickeln darf, ohne sich dafür zu verurteilen.

Der Weg aus der Erschöpfung beginnt nicht mit einem besseren Plan. Er beginnt mit der Erlaubnis, nicht optimiert zu sein.

Schlusszitat

Nicht alles, was du verbessern kannst, muss du auch verbessern. Manchmal ist das Größte, was du tun kannst, einfach aufzuhören, dich für unfertig zu halten.

Weiterführende Lektüre

Wenn du merkst, dass die innere Erschöpfung nicht nur eine Phase ist, sondern dich dauerhaft begleitet, kann es hilfreich sein, dich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ein Ebook, das sich mit digitaler Balance, Reizüberflutung und der Rückkehr zu einer selbstbestimmten inneren Haltung beschäftigt, ist:

Der digitale Burnout – Das stille Ich

Hinweis

Dieser Beitrag dient der persönlichen Orientierung und Inspiration. Er ersetzt keine professionelle psychologische oder medizinische Beratung. Der Autor ist kein Psychologe oder Therapeut und stellt keine Diagnosen. Wenn du dich in einer schwierigen oder belastenden Lebenssituation befindest, wende dich bitte an eine qualifizierte Fachkraft. In einer akuten Krise oder bei unmittelbarer Gefahr solltest du unverzüglich professionelle Hilfe oder einen geeigneten Notdienst kontaktieren.

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Siehe auch  Wie stille Worte große Ziele entfachen

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