„Die stille Rebellion des erfüllten Lebens“

„Die stille Rebellion des erfüllten Lebens“
Lesedauer 10 Minuten

„Die stille Rebellion des erfüllten Lebens“

Wie du aus der Falle des äußeren Erfolgs in die Weite deiner wahren Berufung findest

Inhaltsverzeichnis

  • Der Geschmack von Asche auf goldener Zunge

  • Die unsichtbaren Ketten des Erfolgs

  • Fünf Erkennungszeichen der Sinnleere

  • Die große Stille: Wie du deine Berufung wieder hörst

  • Die Tobago-Cays-Offenbarung

  • Der praktische Pfad zur inneren Neuausrichtung

  • Häufige Irrwege und ihre Überwindung

  • Deine 14-Tage-Checkliste für den Neubeginn

  • Fragen und Antworten aus meinen Coachings

  • Der letzte Atemzug des alten Lebens

Der Geschmack von Asche auf goldener Zunge

Marlene lehnte sich in ihrem Chefsessel zurück, ein Monolith aus italienischem Leder und poliertem Kirschholz, und starrte auf die Skyline von Frankfurt. Die Septemberluft flirrte über dem Main, und die Glasfassaden der Bankenviertel fingen das Licht ein wie tausend erstarrte Tränen. Sie hatte alles erreicht, wofür sie gekämpft hatte. Mit dreiundvierzig Jahren leitete sie die Marketingstrategie eines der größten Unternehmen der Region, verdiente mehr Geld, als ihre Eltern in einem Jahrzehnt gesehen hatten, und besaß eine Wohnung, in der ihre Kindheitsfreundinnen verstummten, wenn sie eintraten.

Trotzdem schmeckte der Espresso, den ihre Assistentin jeden Morgen um 7:14 Uhr auf ihren Schreibtisch stellte, seit Monaten nach nichts.

Nicht nach der dunklen Röstung, nicht nach der sizilianischen Mandel, die der Hersteller versprach. Nach nichts. Nur nach warmer, brauner Flüssigkeit, die ihren Magen füllte und ihre Kehle hinabrann.

Die unsichtbaren Ketten des Erfolgs

In meinen Gesprächen der letzten Jahrzehnte habe ich immer wieder gesehen, dass Menschen wie Marlene – erfolgreiche Führungskräfte, selbstständige Unternehmer, gefeierte Künstlerinnen – eines gemeinsam haben: Sie tragen eine unsichtbare Fessel um ihr Handgelenk. Diese Fessel heißt „die Leiter der Erwartung“.

Du kennst diese Fessel. Sie wurde dir nicht in einer feindlichen Zeremonie angelegt, sondern in tausend kleinen Liebeserklärungen: dem Stolz deiner Mutter auf deine erste Beförderung, dem Neid deiner Freunde auf dein neues Auto, der stillen Anerkennung in den Augen deines Vaters, als du die Projektleitung übernahmst.

Dann kommt der Tag, an dem du aufwachst – vielleicht in einer Zürcher Penthouse-Wohnung oder in einem Wiener Gründerzeithaus oder in einer Hamburger Hafencity-Loft – und du spürst: Etwas fehlt. Nicht die Karriere, nicht das Geld, nicht die Anerkennung. Etwas, das tiefer sitzt. Etwas, das nach Hause riecht, obwohl du zu Hause bist.

Eine aktuelle Meta-Analyse des renommierten Journal of Positive Psychology zeigt, dass etwa vierzig Prozent der Berufstätigen in gehobenen Positionen von einer anhaltenden Sinnleere berichten – unabhängig von Gehalt, Status oder Branche. Die Forschung der Harvard University belegt zudem, dass äußerer Erfolg nach etwa drei Monaten seinen emotionalen Effekt verliert. Du gewöhnst dich an die Beförderung. Du gewöhnst dich an das Gehalt. Aber du gewöhnst dich niemals an das Gefühl, am falschen Ort zu sein.

Fünf Erkennungszeichen der Sinnleere

Lass mich dir die fünf stillen Alarmsignale nennen. Nicht die lauten – nicht der Burnout, nicht der Zusammenbruch, nicht die Kündigung. Die leisen, die sich in deinen Alltag schleichen wie Nebel durch ein offenes Fenster.

Erstens: Der Montag ist kein Tag, sondern ein Feind. Nicht der Montag, den du hasst – den hat jeder. Sondern der Sonntagabend, der sich wie ein Abschied von dir selbst anfühlt. Das flaue Gefühl, wenn die Nachrichtensendung beginnt und du weißt: Morgen beginnt die Woche. Wieder.

Zweitens: Deine Erfolge fühlen sich fremd an. Du hältst deine Auszeichnung in der Hand, und ein Teil von dir fragt: Wer ist dieser Mensch, der das erreicht hat? Es fühlt sich an, als würdest du das Leben eines anderen führen – kompetent, bewundert, aber zutiefst unverbunden.

Drittens: Du träumst nicht mehr. Nicht die Nachtträume, die vergisst du sowieso. Die Tagträume. Die kleinen Schlupflöcher in eine andere Wirklichkeit, die du als Jugendlicher stundenlang bewandert hast. Sie sind verschwunden, wie ein Fluss, der im Sand versickert.

Viertens: Du misst deinen Wert an Zahlen. Die denkbar schlechteste Währung für die menschliche Seele. Gehaltserhöhungen, Quadratmeter, Follower, Prozente. Irgendwann stellst du fest, dass du deine Freunde nach ihrem Einkommen beurteilst und dich selbst nach deiner Auslastung.

Fünftens und letztens: Du hast vergessen, warum du angefangen hast. Rolf, ein fünfundfünfzigjähriger Maschinenbauingenieur aus Stuttgart, beschrieb es mir einmal so: „Es ist, als wäre ich losgegangen, um einen Berg zu besteigen. Und irgendwann habe ich bemerkt, dass ich gar nicht mehr weiß, welchen Berg. Ich gehe nur noch. Die Füße bewegen sich. Aber das Ziel ist weg.“

Die große Stille: Wie du deine Berufung wieder hörst

Es gibt einen Ort in dir, den noch kein Lärm erreicht hat. Keine Deadline, keine E-Mail, keine Verpflichtung. Diesen Ort nenne ich die große Stille. Er ist kein Urlaub, keine Meditationstechnik, kein Wellness-Wochenende. Er ist die Fähigkeit, inmitten des Lärms still zu werden und zu lauschen.

Die Praxis dieser Stille beginnt mit einem einzigen Satz: „Was würde ich heute tun, wenn niemand zusieht?“

Nicht, wenn du unbegrenzt Geld hättest. Nicht, wenn du keine Angst haben müsstest. Sondern: wenn niemand zusieht. Wenn die Bühne leer ist, die Kameras aus, die Erwartungen verschwunden.

Eine Studie des deutschen Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung untersuchte die Entscheidungsmuster von Menschen in Sinnkrisen. Das überraschende Ergebnis: Wer regelmäßig kleine, unsichtbare Handlungen nach innerem Impuls ausführt – eine halbe Stunde zeichnen, ein Gedicht schreiben, einem Fremden helfen –, erlebt nach durchschnittlich vierzehn Wochen eine signifikante Zunahme an beruflicher Klarheit und Lebenszufriedenheit.

Die große Stille spricht nicht in lauten Worten. Sie spricht in leichten Berührungen. In einem Impuls, einem Bild, das plötzlich vor deinem inneren Auge auftaucht. In einem Lied aus deiner Jugend, das du vor einer Woche zufällig gehört hast und das dich heute, im Stau auf der A8, plötzlich zum Weinen bringt.

Die Tobago-Cays-Offenbarung

Es war ein Dienstag im März, als ich Miriam zum ersten Mal traf. Sie saß im Café Wolf in der Salzburger Getreidegasse, einem dieser kleinen Juwelen, in denen der Kaffee noch nach etwas schmeckt – in ihrem Fall nach Hoffnung. Miriam war zweiundvierzig, Innenarchitektin aus München, und sie trug den gesamten äußeren Erfolg wie eine Rüstung vor sich her. Die teure Uhr, die sorgfältig gewählte Kleidung, das Lächeln, das genau die richtige Anzahl Zähne zeigte.

„Ich habe alles“, sagte sie. Und dann lachte sie. Nicht ein glückliches Lachen. Ein Lachen, das an einer scharfen Kante entlangschlitterte. „Alles bis auf eines. Ich weiß nicht mehr, wer ich ohne meinen Beruf bin.“

Drei Monate später flog sie nach St. Vincent & die Grenadinen. Nicht als Luxustouristin, nicht als Influencerin, nicht als Innenarchitektin auf Recherche. Sondern als Frau, die ihr eigenes Schweigen kennenlernen wollte.

Die Segeltour zu den Tobago Cays begann an einem windigen Morgen. Ihr Boot, eine alte zweimastige Sloop, trug den Namen „Sea Bird“. Der Kapitän, ein älterer Mann mit einem Gesicht, das mehr Stürme gesehen hatte als jeder Wetterbericht, sagte kaum ein Wort. Er nickte nur, als sie an Bord kam, und deutete auf eine Sitzbank im Bug.

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Das türkisfarbene Wasser der Tobago Cays ist keine Metapher. Es ist eine physikalische Erfahrung. Die Farben existieren in keinem Farbkasten – Cyan, Aquamarin, ein Blau, das an Licht selbst erinnert. Und dann die Schildkröten. Drei von ihnen, die wie fliegende Steine durch die klarste Flüssigkeit glitten, die Miriam je gesehen hatte.

Sie erzählte mir später: „Ich habe geweint. Nicht aus Trauer. Aus einem Gefühl der Heimkehr. Diese Tiere wussten nichts von meinem Titel, meinem Gehalt, meiner Wohnung. Sie wussten nur, dass sie hierhergehörten. Und in diesem Moment wusste ich: Ich gehöre auch irgendwohin. Nur nicht dorthin, wo ich gerade war.“

Die Nacht verbrachte sie in einer Strandhütte auf Bequia. Kein Luxusresort, keine Klimaanlage, kein Roomservice. Nur ein Dach aus Palmblättern, ein Bett aus grobem Holz, und das Rauschen der Wellen, das sich wie ein zweiter Herzschlag in ihren Brustkorb legte. Sie schlief wie seit Jahren nicht. Nicht tiefer. Aber wahrer.

Am nächsten Morgen, als die Sonne wie ein glühender Pfirsich aus dem Karibischen Meer stieg, schrieb Miriam auf eine Papierserviette: „Ich möchte Räume schaffen, die Menschen heilen. Nicht mehr nur Räume, die gut aussehen.“ Sie wusste nicht, wie sie das umsetzen sollte. Sie wusste nicht, ob es funktionieren würde. Aber sie wusste eines: Dieser Satz war der erste echte, den sie seit zehn Jahren geschrieben hatte.

Der praktische Pfad zur inneren Neuausrichtung

Lass mich dir den Weg zeigen, den Miriam gegangen ist – und den unzählige andere, die ich auf ihrem Weg aus der Sinnleere begleiten durfte. Es ist kein Weg der großen Gesten, sondern der kleinen Wahrheiten.

Schritt eins: Die stille Inventur

Nimm dir einen Nachmittag Zeit. Nicht eine Stunde – zu kurz. Nicht ein ganzes Wochenende – zu lang, das macht Druck. Einen Nachmittag.

Setz dich an einen Ort, den du liebst. Für Hannah, eine zweiunddreißigjährige Physiotherapeutin aus Freiburg, war es die Rückbank ihres alten Transporters am Moosweiher. Für Thomas, einen Hackbrettbauer aus dem Zillertal, war es die Werkbank nach Feierabend, wenn das Harz in der Luft hing wie verflüssigte Zeit.

Schreib auf drei Blätter Papier:

Blatt eins: „Was habe ich getan?“ – Alle Leistungen, Erfolge, Meilensteine.

Blatt zwei: „Was hat mich wirklich glücklich gemacht?“ – Keine Antworten, die gut klingen sollen. Ehrliche.

Blatt drei: „Was würde ich morgen tun, wenn ich wüsste, dass ich nicht scheitern kann?“

Die Forschung des Psychologischen Instituts der Universität Zürich zeigt, dass diese einfache Übung, durchgeführt über drei aufeinanderfolgende Tage, die Klarheit über persönliche Werte um beachtliche fünfundsechzig Prozent steigern kann.

Schritt zwei: Die sechs Monate der kleinen Neins

Veränderung beginnt nicht mit einem großen Ja. Sie beginnt mit einem kleinen Nein.

Für die nächsten sechs Monate wirst du jeden Monat eine Sache ablehnen, die du bisher automatisch angenommen hast. Das Meeting, das dich nichts angeht. Das Abendessen mit Menschen, die dich aussaugen. Die Aufgabe, für die du eigentlich nicht zuständig bist.

Eine Langzeitstudie der Stanford University belegt, dass Menschen, die bewusste Ablehnungsstrategien entwickeln, nach sechs Monaten eine um dreißig Prozent höhere berufliche Zufriedenheit und eine um fünfundvierzig Prozent geringere emotionale Erschöpfung aufweisen als eine Kontrollgruppe.

Schritt drei: Die Berufungslandkarte

Zeichne eine Karte. Nicht deiner Straßen, sondern deiner Fähigkeiten, gepaart mit deinen Freuden.

Die vertikale Achse: Was kannst du besonders gut? Nicht nur beruflich. Auch privat. Auch die Dinge, für die dich Freunde anrufen.

Die horizontale Achse: Was machst du gerne? Was lässt dich die Zeit vergessen? Was tust du auch dann, wenn niemand dafür bezahlt?

Dort, wo sich die höchste Fähigkeit und die tiefste Freude schneiden, liegt deine Berufung. Nicht dein Job, nicht dein Titel. Dein innerer Kompass.

Häufige Irrwege und ihre Überwindung

Die Angst vor dem sozialen Abstieg. „Was denken meine Freunde?“, fragte mich Karim, ein zweiundvierzigjähriger Steuerberater aus Düsseldorf. Meine Antwort: Deine wahren Freunde werden dich lieben, wenn du liebenswert bist – nicht, wenn du beeindruckst. Die anderen waren nie deine Freunde. Sie waren Zuschauer.

Der Perfektionismus. „Ich kann nicht aufhören, bevor ich nicht den perfekten Plan habe.“ Niemand hat jemals den perfekten Plan gehabt. Nicht Einstein, nicht da Vinci, nicht die Person, die dir am nächsten steht. Perfektion ist die elegante Schwester der Prokrastination.

Die finanzielle Panik. „Aber ich brauche doch mein Einkommen!“ Ja, das tust du. Aber du brauchst nicht dein jetziges Einkommen. Du brauchst ein Einkommen. Die Geschichte ist voll von Menschen, die weniger verdienten und erfüllter waren. Sowie von Menschen, die mehr verdienten und einsamer starben.

Deine 14-Tage-Checkliste für den Neubeginn

Woche eins – Die Bodenberührung

  • Tag 1: Eine Stunde ohne digitales Gerät. Nur du und ein leeres Blatt.

  • Tag 2: Rufe einen Menschen an, den du seit Jahren nicht gesprochen hast. Frag ihn nach seinem größten Traum.

  • Tag 3: Geh an einen Ort deiner Kindheit. Der Schulhof, der Fluss, die Eisdiele. Schreib auf, was du damals werden wolltest.

  • Tag 4: Sag Nein zu einer Sache, zu der du Ja sagen wolltest.

  • Tag 5: Koch dein Lieblingsgericht. Mit allen Sinnen. Ohne Handy neben dem Herd.

  • Tag 6: Schreib einen Brief an dein siebzigjähriges Ich. Frag es, ob es stolz ist.

  • Tag 7: Tu nichts. Wirklich nichts. Eine Stunde lang. Nur atmen.

Woche zwei – Die Bewegung nach vorn

  • Tag 8: Identifiziere die eine Aktivität, die dich am meisten erfüllt. Blocke zwei Stunden nächste Woche dafür.

  • Tag 9: Erzähl einer Person von deinem inneren Kompass. Nicht deinem Chef. Nicht deiner Mutter. Einem Freund, der nicht urteilt.

  • Tag 10: Mach eine Liste deiner Talente. Keine Bescheidenheit. Zehn Punkte.

  • Tag 11: Frag drei Menschen: „Was glaubst du, wofür ich wirklich gut bin?“ Vergleiche mit deiner Liste.

  • Tag 12: Recherchiere drei Berufe oder Tätigkeiten, die deine Talente und Freuden vereinen.

  • Tag 13: Mach einen kleinen, konkreten Schritt in Richtung eines dieser Felder. Ein Telefonat. Eine Bewerbung. Ein Gespräch.

  • Tag 14: Feier. Nicht den Erfolg. Deinen Mut, begonnen zu haben.

Fragen und Antworten aus meinen Coachings

Frage 1: Was ist der größte Unterschied zwischen einem Job und einer Berufung?
Antwort: Ein Job ernährt deinen Kontostand. Eine Berufung ernährt dein innerstes Wesen. Der Job fragt: „Was muss ich tun?“ Die Berufung fragt: „Wer bin ich, wenn ich tue, was ich tue?“

Frage 2: Wie finde ich meine Berufung, wenn ich keine Ahnung habe, was mir Spaß macht?
Antwort: Dann fang klein an. Was hat dir mit acht Jahren Freude gemacht? Mit vierzehn? Mit zwanzig? Meist schlummern unsere Begabungen in den Dingen, die wir als Kinder geliebt haben – bevor uns jemand sagte, dass sie „nichts wert“ sind.

Frage 3: Ist es zu spät für einen Neuanfang mit Mitte vierzig oder fünfzig?
Antwort: Die Forschung der University of Oxford zeigt, dass Menschen in ihren Fünfzigern genauso erfolgreich umschulen wie Menschen in ihren Zwanzigern – nur mit einer entscheidenden Zusatzkompetenz: Sie wissen, was sie nicht mehr wollen. Das ist kein Handicap. Das ist ein Turbo.

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Frage 4: Was tue ich mit den Reaktionen meines Umfelds?
Antwort: Du wirst drei Sorten von Reaktionen erleben: Bestürzung („Bist du verrückt?“), Neid (verpackt in Sorge: „Ist das wirklich klug?“) und Bewunderung („Trau dich!“). Die erste Gruppe wird sich beruhigen, wenn sie deinen Erfolg sieht. Die zweite Gruppe wirst du nie zufriedenstellen. Die dritte Gruppe sind deine Menschen.

Frage 5: Welchen Trend gibt es aktuell in Europa zur Sinnfindung im Beruf?
Antwort: Ein brandneuer Trend, der aus Skandinavien nach Mitteleuropa schwappt, heißt „Arbeitsglück auf Probe“. Immer mehr Menschen vereinbaren mit ihren Arbeitgebern ein sechsmonatiges Experiment: Sie arbeiten zwanzig Prozent ihrer Zeit an einem selbst gewählten Herzensprojekt – innerhalb der Firma oder außerhalb. Die Ergebnisse einer Pilotstudie in Dänemark zeigen, dass achtzig Prozent dieser Experimente entweder das Hauptgeschäft bereichern oder zu einer erfüllteren Karriere führen. Es ist der radikalste Bruch mit dem Denken „Entweder ganz oder gar nicht“, den ich seit Jahrzehnten gesehen habe.

Frage 6: Wie erkenne ich, ob es wirklich meine Berufung ist oder nur eine weitere Flucht vor Problemen?
Antwort: Eine Flucht fühlt sich an wie Weglaufen. Eine Berufung fühlt sich an wie Hinkommen. Bei der Flucht denkst du: „Weg von hier!“ Bei der Berufung denkst du: „Dorthin will ich.“ Zudem: Eine Berufung macht nicht nur glücklich. Sie macht auch Angst. Echte Berufung hat immer eine Kante. Sie verlangt etwas von dir. Sie ist kein Wellness-Wochenende.

Der letzte Atemzug des alten Lebens

Marlene, die Frankfurter Marketingchefin, kündigte im Januar. Nicht im Affekt, nicht im Drama. Sie reichte ihre Kündigung ein wie ein gemächlicher Spaziergang – als wäre es der natürlichste Schritt der Welt. Ihre Kollegen waren geschockt. Ihre Mutter weinte am Telefon. Ihr Chef bot ihr eine Gehaltserhöhung an, die selbst den Vorstand überrascht hätte.

Sie lehnte ab.

Heute lebt Marlene in einem kleinen Dorf in der Eifel. Sie hat ein Atelier angemietet, einen Raum mit drei Fenstern zur Sonnenseite, und stellt Möbel aus Treibholz her – Skulpturen, die gleichzeitig sitzen oder liegen. Sie verdient ein Drittel ihres alten Gehalts. Sie kauft keine Designerkleidung mehr. Ihr Auto ist zwölf Jahre alt.

Und der Espresso am Morgen? „Schmeckt wieder“, sagt sie. „Nach Kaffee. Nach Leben. Nach mir.“

Der neueste World Happiness Report der Vereinten Nationen bestätigt, was Marlene erlebt hat: Menschen, die ihre Arbeit als Berufung empfinden, berichten nicht nur von höherem Glück, sondern auch von besserer Gesundheit und längeren, erfüllteren Beziehungen. Es ist kein Luxus, der Reichen vorbehalten. Es ist ein Menschenrecht, das die meisten Menschen sich selbst verweigern.

Du sitzt jetzt vielleicht an deinem Schreibtisch. Oder in deiner Wohnung. Vielleicht im Zug, auf dem Weg zu einem Termin, den du nicht willst. Vielleicht in einem Café, während deine Kinder in der Schule sind. Du spürst dieses leise, dieses bohrende Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Nicht dramatisch. Nicht krisenhaft. Aber stetig, wie ein Wasser tropfen, der Stein höhlt.

Hör auf zu warten. Nicht auf den perfekten Moment, nicht auf die große Erleuchtung, nicht auf den Lottogewinn. Der Weg zu deiner Berufung beginnt nicht mit einer Kündigung, einer Auswanderung oder einem radikalen Schnitt. Er beginnt mit einer einzigen Frage, die du dir heute stellen kannst: Was würde ich tun, wenn niemand zusieht?

Und dann – tu es.

Nur eine Minute. Nur heute. Nur dieses eine kleine Ding, das niemand sieht. Das ist der erste Atemzug eines Lebens, das endlich dir gehört. Kein Applaus, keine Bestätigung, keine Zahl auf einem Kontoauszug wird sich so gut anfühlen wie dieser eine Atemzug.

„Der Mensch kann, was er soll; und wenn er sagt: Ich kann nicht, so will er nicht.“– Johann Gottlieb Fichte

Über mich – Andreas Schulze

Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.

Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.

Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.

Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.

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