Anwesend, aber nicht erreichbar
Er sitzt am Kopfende des Tisches, sein Weinglas ist noch halb voll, seine Familie lacht über eine Geschichte, die er selbst gerade erzählt hat. Und mitten in diesem Lachen, mitten in diesem warmen Raum, denkt er einen einzigen Satz: Keiner von euch weiß, wie es mir wirklich geht.
Das ist keine Ausnahme. Das ist ein Muster, das sich still durch die Leben vieler Menschen zieht, die tagsüber Verantwortung tragen, Entscheidungen treffen, funktionieren müssen – und abends spüren, dass Nähe und Verstandenwerden zwei verschiedene Dinge sind.
Inhaltsverzeichnis
- Der Unterschied zwischen Anwesenheit und Resonanz
- Warum Smalltalk zur Schutzmauer wird
- Die Maske, die niemand sieht
- Tipp des Tages
- In den nächsten 10 Minuten

Der Unterschied zwischen Anwesenheit und Resonanz
Anwesenheit ist einfach. Ein Raum, ein Termin, ein Abendessen – der Körper ist dort, wo die anderen sind. Resonanz ist etwas anderes. Resonanz entsteht erst, wenn jemand nicht nur zuhört, sondern etwas in einem selbst berührt. Wenn ein Blick sagt: Ich sehe dich, auch das, was du nicht aussprichst.
Viele Menschen in verantwortungsvollen Positionen haben gelernt, Anwesenheit perfekt zu simulieren. Sie hören zu, sie fragen nach, sie sind höflich präsent. Und trotzdem bleibt am Ende des Abends dieses leise, unangenehme Gefühl: Niemand hat mich heute wirklich erreicht.
Das ist keine Undankbarkeit gegenüber den Menschen, die einen umgeben. Es ist ein Hinweis darauf, wie tief die eigene Rolle inzwischen sitzt.
Warum Smalltalk zur Schutzmauer wird
Smalltalk hat eine unterschätzte Funktion: Er hält die Oberfläche glatt. Wetter, Projekte, der letzte Urlaub – all das lässt sich sagen, ohne etwas von sich preiszugeben. Für jemanden, der beruflich täglich Fehler ausschließen, Schwäche verbergen und Kontrolle behalten muss, ist das keine Nebensächlichkeit. Es ist Übung.
Eine Ärztin in leitender Funktion beschrieb es einmal so: Sie könne in Sekunden zwischen fünf verschiedenen Gesprächsebenen wechseln – mit Patienten, mit dem Team, mit der Klinikleitung. Nur mit sich selbst wechsle sie nie die Ebene. Dafür fehle die Zeit. Und irgendwann auch die Übung.
Wer sinnvoll fragen möchte, ob das eigene Leben noch Tiefe hat, kommt an einer unbequemen Frage nicht vorbei: Wann habe ich das letzte Mal jemandem etwas erzählt, das mich tatsächlich etwas gekostet hat?
Die Maske, die niemand sieht
Führungskräfte, Unternehmerinnen, Juristen, Pädagogen in leitender Funktion – sie alle eint eine bestimmte Erwartung: kompetent wirken, souverän bleiben, nie zu viel zeigen. Diese Erwartung kommt selten von außen in reiner Form. Meist hat sie sich längst mit dem eigenen Selbstbild verschmolzen.
Das erzeugt einen stillen Widerspruch: Man umgibt sich mit vertrauten Menschen – einem Partner, engen Freunden, der eigenen Familie – und hält trotzdem die professionelle Fassade aufrecht, weil man sie gar nicht mehr als Fassade erkennt. Sie fühlt sich an wie man selbst.
Hier lohnt sich ein Perspektivwechsel: Nicht die anderen verstehen einen nicht. Man selbst lässt sich nicht verstehen. Das ist ein Unterschied, der weh tun kann – aber auch der Punkt, an dem sich etwas verändern lässt.
Eine ehrliche Frage dazu: Was würde es kosten, heute Abend einen einzigen Satz auszusprechen, der nicht geglättet ist?
Tipp des Tages
Wähle heute ein Gespräch – eines, das ohnehin stattfindet – und ersetze eine höfliche Standardantwort durch einen ehrlichen Satz. Nicht dramatisch, nicht ausführlich. Nur wahr. Zum Beispiel statt „Alles gut” einfach: „Ehrlich gesagt bin ich gerade erschöpfter, als ich zugebe.” Beobachte, was danach passiert.
In den nächsten 10 Minuten
- Schreibe den Namen einer Person auf, bei der du dich in letzter Zeit besonders unverstanden gefühlt hast – trotz Nähe.
- Formuliere einen Satz, den du dieser Person eigentlich sagen möchtest, aber bisher zurückgehalten hast.
- Entscheide, ob und wann du diesen Satz in den nächsten Tagen tatsächlich aussprichst.
Manche Nähe entsteht nicht durch mehr Zeit miteinander. Sondern durch einen einzigen Moment, in dem jemand aufhört, sich vorsichtig zu zeigen, und anfängt, sich wirklich zu zeigen.
„Man ist nicht dort verstanden, wo man am meisten anwesend ist – sondern dort, wo man aufhört, sich zu verstecken.”
Für alle, die diesen Gedanken vertiefen möchten
Wenn dich die Frage beschäftigt, wie du aus der ständigen Rolle des Funktionierens wieder zurück zu dir selbst findest, passt besonders Fokus auf dich selbst als weiterführende Lektüre.
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg
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