Wünsche schieben Grenzen lautlos auf

Wünsche schieben Grenzen lautlos auf
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Wünsche schieben Grenzen lautlos auf

Der Wind in der engen Gasse hinter dem Bahnhof von St. Gallen trug bereits den ersten Frost des Herbstes mit sich, als Johanna Kern – 34, Logopädin in einer kleinen Praxis für Kinder mit Mehrsprachigkeit – zum dritten Mal innerhalb von elf Minuten auf ihr Handy schaute. Keine Nachricht. Nur das blaue Leuchten, das sich in ihren feuchten Pupillen spiegelte. Sie stand unter dem Vordach eines seit Jahren leerstehenden Ladens für Herrenmode, dessen Schaufensterpuppen noch immer die Anzüge von vor acht Jahren trugen: breite Schultern, schmale Taillen, Farben, die längst nicht mehr modern waren. Der Stoff sah müde aus. Genau wie sie sich fühlte.

Johanna hatte vor vierzehn Monaten einen Zettel an die Innenseite ihrer Schlafzimmerschranktür geklebt. Kein Vision-Board mit Glitzer und Zitaten aus Instagram-Coaches. Nur ein einziger Satz in schwarzem Fineliner, leicht zittrig geschrieben:

„Ich will wieder singen, ohne dass mich jemand fragt, ob das wirklich nötig ist.“

Darunter, kleiner, fast entschuldigend: „Und zwar richtig. Vor Menschen. Nicht nur unter der Dusche.“

Sie sang früher. Nicht professionell, aber ernsthaft. Kammerchor in der Aula des Gymnasiums in Feldkirch, dann Jazz-Combo während des Studiums in Graz, später kleine offene Bühnen in Zürich, als sie noch glaubte, dass das Leben eine Bühne für Mutige sei. Dann kam die erste Festanstellung, die erste feste Miete, die erste Schwangerschaft, die nicht gehalten wurde, der zweite Partner, der „das mit der Musik“ süß fand, solange es nicht den Alltag störte, und irgendwann sang sie nur noch, wenn niemand zuhörte. Die Stimme wurde leiser. Nicht kaputt. Nur stillgelegt. Wie ein Motor, der jahrelang im Stand-by-Modus gelaufen ist und nun nicht mehr anspringt, weil niemand mehr den Schlüssel umdreht.

An diesem Abend in St. Gallen, unter dem Vordach mit dem abbröckelnden Stuck, tippte sie zum ersten Mal seit Jahren eine Suchanfrage ein, die nichts mit Logopädie zu tun hatte:

„Offene Bühne Erwachsene Gesang Schweiz 2025“

Die Ergebnisse waren dünn. Meist Chöre. Ein paar Musical-Workshops. Und dann, ganz unten, ein Eintrag ohne Foto:

„Mutige Stimmen – ein Abend für Menschen, die lange geschwiegen haben. Keine Jury. Kein Voting. Nur ein Mikrofon und wer will, darf singen. Einmal im Monat, immer montags, immer kostenlos. Ort wird per Mail bekannt gegeben. Keine Anmeldung. Komm einfach.“

Absender: eine Adresse bei ProtonMail. Kein Name. Keine schicken Grafiken. Nur dieser eine Satz: „Wir fangen um 19:30 Uhr an. Wer zu spät kommt, singt trotzdem.“

Johanna spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog – nicht vor Angst, sondern vor etwas viel Gefährlicherem: Vorfreude.

Sie schrieb zurück. Eine Zeile.

„Ich komme.“

Zehn Minuten später kam die Antwort. Nur ein Datum, eine Uhrzeit und eine Adresse in einer kleinen Seitenstraße hinter dem Klosterbezirk. Kein „Herzlich willkommen“, kein „Wir freuen uns“. Nur die nackte Information. Genau das brauchte sie.

Die erste Grenze ist die Scham

Drei Wochen später saß sie in einem ehemaligen Gemeindesaal, dessen Wände nach altem Linoleumboden und abgestandenem Kaffee rochen. Zwölf Menschen. Nicht mehr. Die Stühle standen in einem lockeren Kreis, nicht in Reihen. Keine Bühne. Nur ein einfaches Mikrofon auf einem Stativ, ein kleiner Verstärker und eine Stehlampe, die warmes, gelbes Licht warf.

Die Moderatorin – eine Frau Ende fünfzig mit kurzen grauen Haaren und einem dunkelgrünen Wollpullover, der an den Ellenbogen schon dünn wurde – stellte sich als Ruth vor. Kein Nachname. Kein Titel. Sie sagte nur:

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„Hier gibt es keine Bewertung. Keine Punktzahl. Kein ‚Das war aber mutig‘ mit diesem herablassenden Unterton. Wer singt, hat gesungen. Wer nicht singt, hat trotzdem etwas riskiert, indem er hergekommen ist. Das reicht.“

Johanna saß da in ihrer dunkelblauen Steppjacke, die sie eigentlich nur zum Fahrradfahren trug, und spürte, wie ihre Hände schwitzten. Sie hatte ein Lied vorbereitet. „Both Sides Now“ von Joni Mitchell. Nicht zu schwierig, nicht zu einfach. Ein Lied, das sie mit 19 im Wohnzimmer ihrer Eltern gesungen hatte, während draußen Schnee fiel und ihre Mutter in der Küche den Christstollen schnitt.

Als sie an der Reihe war, stand sie auf. Die Beine fühlten sich an wie aus Blei. Sie ging zum Mikrofon. Ruth nickte ihr einmal kurz zu. Kein Lächeln. Nur dieses Nicken: Du bist dran.

Johanna räusperte sich. Dann sang sie.

Die ersten Töne kamen brüchig, unsicher, fast flüsternd. Doch nach der ersten Strophe passierte etwas Seltsames. Ihre Stimme fand sich selbst wieder. Nicht perfekt. Nicht wie früher. Aber echt. Rau an den Rändern, warm in der Mitte. Und plötzlich war da kein Publikum mehr, das urteilte. Nur Menschen, die zuhörten. Wirklich zuhörten.

Als der letzte Ton verklungen war, herrschte drei Sekunden absolute Stille.

Dann klatschte jemand. Nicht frenetisch. Nur einmal, klar, wie ein Punkt am Ende eines Satzes. Und dann klatschten alle. Nicht stehend. Nicht überschwänglich. Einfach nur: anerkennend. Fertig.

Johanna setzte sich wieder. Ihr Herz schlug so stark, dass sie es in den Schläfen spürte. Aber es war kein panisches Schlagen. Es war das Gefühl, lebendig zu sein.

Die zweite Grenze ist die Gewohnheit

Vier Monate später stand sie in einem kleinen Kellergewölbe in Innsbruck. Die Decke war so niedrig, dass der größte Mann im Raum den Kopf einziehen musste. Die Wände waren rau verputzt, der Boden uneben. Es roch nach feuchtem Stein und nach dem frischen Brot, das jemand aus der Bäckerei nebenan mitgebracht hatte.

Diesmal sang sie ein eigenes Lied. Ein Wiegenlied, das sie für die Tochter geschrieben hatte, die nie geboren wurde. Sie hatte es nie jemandem gezeigt. Nicht einmal ihrem Ex-Partner. Die Melodie war einfach, fast kindlich. Der Text dagegen schmerzhaft ehrlich.

„Ich wiege dich im Traum, wo du nie frierst, wo keine Uhr tickt, wo ich nicht versage.“

Als sie fertig war, weinte eine Frau in der ersten Reihe leise. Nicht laut. Nur dieses stille, innere Weinen, das man mehr spürt als hört. Johanna ging danach zu ihr. Sie umarmten sich. Kein Wort. Nur diese eine Umarmung.

Später sagte die Frau – sie hieß Teresa, arbeitete als Stationsleiterin in der Geriatrie – leise:

„Ich habe seit elf Jahren nicht mehr geweint. Nicht richtig. Danke.“

Johanna wusste in diesem Moment: Es ging gar nicht mehr nur ums Singen. Es ging darum, dass jemand den Raum hielt, während ein anderer etwas zeigte, das er sonst nirgendwo zeigen konnte.

Die dritte Grenze ist die Angst vor dem Scheitern

Inzwischen war ein Jahr vergangen. Johanna hatte mittlerweile in fünf verschiedenen Städten gesungen: St. Gallen, Innsbruck, Regensburg, Luzern, einmal sogar in einem kleinen Kulturzentrum in Görlitz. Jedes Mal ein anderes Publikum. Jedes Mal dieselbe Angst vorher. Und jedes Mal dasselbe Gefühl danach: Ich habe es getan.

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Eines Abends, nach einem Auftritt in einem ehemaligen Pferdestall am Stadtrand von Bern, setzte sich ein Mann zu ihr. Er war vielleicht Mitte fünfzig, trug eine abgewetzte Lederjacke und hatte die Hände eines Menschen, der viel mit Holz gearbeitet hat. Er stellte sich als Matthias vor. Kein Nachname.

„Ich bin seit drei Jahren Witwer“, sagte er ohne Einleitung. „Meine Frau hat immer gesagt, ich soll endlich mal Gitarre spielen lernen. Ich habe es nie gemacht. Zu beschäftigt. Zu müde. Zu viel Angst, dass es scheiße klingt.“

Er schwieg einen Moment.

„Heute habe ich zum ersten Mal vor Menschen gespielt. Drei Akkorde. Ein Lied, das ich selbst geschrieben habe. Es war scheiße. Aber ich habe es gemacht.“

Dann sah er Johanna an.

„Du hast heute wieder gesungen. Und du hast wieder diesen Blick gehabt. Als würdest du gleichzeitig fallen und fliegen.“

Johanna lachte leise. Es war das erste Mal seit Langem, dass sie über sich selbst lachen konnte, ohne sich dafür zu schämen.

„Vielleicht“, sagte sie, „ist das der Punkt. Dass man beides gleichzeitig darf.“

Wünsche brauchen keine Erlaubnis

Heute, ein paar Monate später, sitzt Johanna wieder in ihrer kleinen Wohnung am Stadtrand von St. Gallen. Auf dem Tisch steht ein halbvoller Becher Schwarztee mit Milch. Neben dem Becher liegt ein neues Notizbuch. Darin hat sie angefangen, Texte zu schreiben. Keine perfekten Lieder. Nur Fragmente. Gedanken. Wünsche.

Sie weiß jetzt, dass Wünsche keine Genehmigung brauchen. Sie brauchen nur einen Menschen, der sie endlich ausspricht. Und einen anderen Menschen, der zuhört, ohne zu bewerten.

Manchmal, wenn sie abends allein ist, öffnet sie das Fenster. Der Wind kommt vom Bodensee herüber, kalt und klar. Sie singt dann leise. Nicht für jemanden. Nur für sich.

Und manchmal singt sie laut.

Weil sie es kann.

Weil sie es will.

Weil sie endlich aufgehört hat, sich selbst um Erlaubnis zu fragen.

Hat dir der Beitrag etwas in Bewegung gesetzt? Dann schreib mir gern in die Kommentare: Welcher Wunsch liegt bei dir schon lange auf der Zunge – und was hält dich bisher davon ab, ihn laut zu sagen? Teile den Text mit jemandem, der gerade mit sich selbst ringt. Manchmal braucht es nur einen Menschen, der sagt: „Sing trotzdem.“

Über mich – Andreas Schulze

Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.

Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.

Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.

Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.

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Blog Bilder für schöne Bider (4572)

Alles, was du liebst, wird vergehen.
Menschen. Momente. Gefühle.
Auch du.

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Niemand sagt dir das gern ins Gesicht.
Aber dein Leben ist kein unendlicher Raum.
Es ist ein Countdown.

Rein rechnerisch hast du etwa 625.000 bis 700.000 Stunden auf dieser Welt.
Nicht mehr. Nicht weniger.

Ein Großteil davon verschwindet im Schlaf.
Ein weiterer Teil in Terminen, Pflichten, Ablenkung.
Und plötzlich stehst du da und denkst:
Wo ist all die Zeit geblieben?

Das Licht wird nicht langsam dunkler.
Es geht einfach aus.

Genau deshalb ist Zeit das Wertvollste, was du besitzt –
und gleichzeitig das, was die meisten Menschen am achtlosesten verlieren.

Alles, was du liebst, ist endlich.
Darum ist „später“ eine gefährliche Lüge.
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Und dann kommt der Satz, den niemand je hören wollte –
aber fast jeder irgendwann fühlt:

Eines Tages wachst du auf –
und es gibt kein ‚später‘ mehr für das,
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