Wenn Alter schmez dich loslässt
In manchen Nächten, wenn der Wind über die Dächer von Görlitz streicht und die Neiße leise gegen die Ufermauern murmelt, spürst du es plötzlich: etwas Altes, Schweres, das sich langsam von deinen Schultern löst – wie nasser Schnee, der von einem überhängenden Ast rutscht. Es schmerzt nicht laut. Es schmerzt still, fast höflich. Und genau in diesem stillen Schmerz liegt die erste winzige Öffnung, durch die neues Licht fällt.
Du kennst das Gefühl vielleicht. Dieses leise Knirschen im Brustkorb, wenn du merkst, dass die Rolle, die du jahrelang gespielt hast – die Starke, die Vernünftige, die immer-weiter-Machende –, plötzlich zu eng geworden ist. Nicht weil du schwächer geworden bist. Sondern weil du größer geworden bist.
Die unsichtbare Last des „erwachsenen“ Ichs
Stell dir vor, du sitzt in einer kleinen Wohnung in der Oberlausitz, draußen regnet es schräg, drinnen dampft ein starker Schwarztee mit einem Hauch Zimt. Vor dir sitzt Hanna Wegener, 41, gelernte Orthopädietechnikerin, die seit fünfzehn Jahren Prothesen und Orthesen anpasst. Sie erzählt, wie sie eines Morgens in den Spiegel schaute und plötzlich nicht mehr die Frau erkannte, die sie zu sein glaubte.
„Ich habe immer gedacht, Altern bedeutet Verlust“, sagt sie und dreht die Tasse langsam zwischen den Händen. „Aber in Wirklichkeit war es umgekehrt. Ich habe mich selbst verloren, indem ich mich gegen das Altern gewehrt habe.“
Hanna beschreibt einen Moment, der viele von uns kennen: Sie stand in der Werkstatt, ein junger Mann mit Unterschenkelamputation saß vor ihr, sie maß, modellierte, passte – und plötzlich spürte sie eine Welle von Neid. Nicht auf seine Jugend. Sondern auf seine Erlaubnis, verletzlich zu sein.
Der Punkt, an dem die Rüstung bricht
In vielen Gesprächen, die ich in den letzten Jahren geführt habe – in Hinterhöfen von Innsbruck, in stillen Küchen in Emmenbrücke, in verrauchten Kneipen in Flensburg –, taucht immer wieder derselbe Wendepunkt auf: der Moment, in dem die alte Strategie des „Funktionierens“ nicht mehr trägt.
Du hast vielleicht jahrelang geglaubt, dass Stärke bedeutet, keine Gefühle zu zeigen. Dass Reife bedeutet, keine Fragen mehr zu stellen. Dass Erwachsensein heißt, sich mit weniger zufriedenzugeben.
Und dann kommt ein Tag – manchmal nach einer Trennung, manchmal nach einer Kündigung, manchmal einfach nach einem ganz gewöhnlichen Mittwoch –, an dem du merkst: Die Rüstung, die dich früher geschützt hat, schneidet jetzt ein.
Was wirklich altert – und was niemals altert
Das Erstaunliche ist: Nicht dein Körper altert am schmerzhaftesten. Sondern die Geschichten, die du dir über dich selbst erzählt hast.
- Die Geschichte „Ich bin nur wertvoll, wenn ich nützlich bin.“
- Die Geschichte „Wenn ich Schwäche zeige, verliere ich die Kontrolle.“
- Die Geschichte „Ich hätte längst alles erreicht haben müssen.“
Diese Geschichten altern. Sie werden brüchig. Und wenn sie brechen, tut es weh – aber genau dort, in den Rissen, beginnt die Befreiung.
Ein neuer Anfang in einer kleinen Stadt an der Neiße
Vor einigen Monaten traf ich in Görlitz auf Kilian Rausch, 38, Lokführer bei der Regionalbahn. Er trägt meist dunkelgraue Fleecejacke, die schon bessere Tage gesehen hat, und riecht immer ein bisschen nach warmem Metall und Diesel. Kilian erzählte mir von dem Abend, an dem er nach 14 Stunden Dienst nach Hause kam, sich auf die Couch fallen ließ und plötzlich weinte – ohne zu wissen, warum.
„Ich hab mich geschämt“, sagte er. „Ein erwachsener Mann, Lokführer, heult wie ein Kind. Aber dann dachte ich: Vielleicht ist das gar nicht schwach. Vielleicht ist das das erste ehrliche Ding seit Jahren.“
Von da an änderte sich etwas. Er begann, kleine Dinge aufzuschreiben, die ihn berührten: der erste Schnee auf den Dächern der Altstadt, das Lachen seiner Tochter, das Gefühl, wenn die Lok sich in Bewegung setzt und die Schienen unter ihm singen. Er nannte es „die Liste der lebendigen Momente“.
Warum Loslassen oft erst nach dem Schmerz beginnt
Der Schmerz, den du gerade fühlst, ist kein Zeichen, dass etwas kaputtgegangen ist. Er ist das Zeichen, dass etwas Neues entstehen will.
Eine sehr präzise Beobachtung aus der modernen Neuropsychologie lautet: Das Gehirn lernt besonders stark in Momenten emotionaler Intensität. Wenn du also gerade traurig, wütend oder verwirrt bist – genau dann bist du in einem besonders lernfähigen Zustand.
Der Schmerz ist kein Gegner. Er ist ein Lehrer mit sehr lauter Stimme.
Aktueller Trend: „Aging Forward“ – aus den USA nach Mitteleuropa
In den letzten zwei Jahren kommt aus den USA und Kanada ein Ansatz herüber, der hier noch kaum einen Namen hat: Aging Forward. Im Kern geht es darum, das Altern nicht als Abwärtsbewegung zu sehen, sondern als Aufwärtsspirale in Richtung größerer Authentizität und geringerer Selbstverurteilung.
Menschen, die nach diesem Prinzip leben, fragen sich bewusst: „Was darf jetzt endlich sterben in mir?“ „Was möchte jetzt endlich geboren werden?“
Tabelle: Was du loslassen darfst – und was du dafür gewinnst
| Was du loslassen darfst | Was du stattdessen gewinnst | Konkretes Beispiel aus dem Alltag |
|---|---|---|
| Die Vorstellung, perfekt sein zu müssen | Raum für echte Nähe | Du sagst beim Abendessen „Heute war ich richtig überfordert“ – und plötzlich erzählt dein Partner auch etwas |
| Die Angst vor dem Urteil anderer | Innere Freiheit | Du ziehst das Kleid an, das dir wirklich gefällt, obwohl es „nicht mehr altersgerecht“ ist |
| Das ständige Vergleichen mit Jüngeren | Ehrliche Dankbarkeit für deinen Weg | Du freust dich über deine Lachfalten, weil sie von echten Lachmomenten zeugen |
| Das Gefühl, immer stark sein zu müssen | Erlaubnis zur Weichheit | Du lässt dich nach einem langen Tag einfach mal in den Arm nehmen, ohne etwas leisten zu müssen |
| Die Illusion, alles kontrollieren zu können | Tiefes Vertrauen ins Leben | Du sagst Ja zu einer Einladung, ohne zu wissen, wie der Abend endet – und es wird wunderschön |
Mini-Übung: Der Brief an das alte Ich
Nimm dir 10 Minuten. Schreibe einen Brief an die Version von dir, die du loslassen möchtest. Beginne mit: „Liebe/r …, ich danke dir, dass du mich so lange beschützt hast. Du hast …“ Und dann sag ihm/ihr sanft Lebewohl.
Viele Menschen weinen bei dieser Übung. Das ist normal. Tränen sind das Bad, in dem alte Haut abgelöst wird.
Frage-Antwort-Runde – die häufigsten Fragen zum Thema
- Tut Loslassen immer weh? Ja – aber nur so lange, wie du dich dagegen wehrst. Sobald du sagst „Okay, es darf gehen“, wird der Schmerz meist kleiner.
- Was, wenn ich Angst habe, dass danach nichts mehr übrig ist? Das ist die größte Illusion. Was geht, ist nur die Maske. Darunter kommt das echte Gesicht zum Vorschein – meist viel lebendiger, als du dachtest.
- Kann man das allein schaffen? Man kann vieles allein beginnen. Aber die tiefsten Wandlungen passieren meist in ehrlichen Gesprächen mit anderen.
- Wie merke ich, dass ich wirklich loslasse? Du atmest leichter. Du lachst wieder über kleine Dinge. Du hast plötzlich Lust, etwas Neues auszuprobieren, ohne dich rechtfertigen zu müssen.
- Was ist das Schönste, das danach kommt? Die Rückkehr zu einer Art kindlicher Neugier – nur mit dem Wissen und der Tiefe eines erwachsenen Menschen.
Ein letztes Bild aus Görlitz
Hanna und Kilian sitzen jetzt manchmal zusammen am Ufer der Neiße. Sie trinken aus einer Thermoskanne starken Assam-Tee, schauen auf die polnische Seite hinüber und reden wenig. Manchmal lachen sie über etwas Dummes aus ihrer Jugend. Manchmal sind sie einfach still.
Und in dieser Stille spürt man es: Das Alter hat aufgehört, ein Feind zu sein. Es ist ein Begleiter geworden. Einer, der dir mit jedem Jahr mehr erlaubt, du selbst zu sein.
„Man wächst nicht, indem man alt wird. Man wächst, indem man sich traut, das Alte loszulassen.“ – Hélène Cixous
Hat dich dieser Text berührt oder an etwas in deinem Leben erinnert? Dann schreib mir gerne deine Geschichte oder deinen wichtigsten Satz in die Kommentare – ich lese jedes Wort.
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg
Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook
Willkommen auf meiner Seite – und in deiner Erfolgsgeschichte.

Alles, was du liebst, wird vergehen.
Menschen. Momente. Gefühle.
Auch du.
Niemand sagt dir das gern ins Gesicht.
Aber dein Leben ist kein unendlicher Raum.
Es ist ein Countdown.
Rein rechnerisch hast du etwa 625.000 bis 700.000 Stunden auf dieser Welt.
Nicht mehr. Nicht weniger.
Ein Großteil davon verschwindet im Schlaf.
Ein weiterer Teil in Terminen, Pflichten, Ablenkung.
Und plötzlich stehst du da und denkst:
Wo ist all die Zeit geblieben?
Das Licht wird nicht langsam dunkler.
Es geht einfach aus.
Genau deshalb ist Zeit das Wertvollste, was du besitzt –
und gleichzeitig das, was die meisten Menschen am achtlosesten verlieren.
Alles, was du liebst, ist endlich.
Darum ist „später“ eine gefährliche Lüge.
Nicht irgendwann.
Nicht wenn es ruhiger wird.
Nicht wenn du mehr Zeit hast.
Jetzt.
Heute.
In diesem Moment.
erfolgsebook.com existiert aus genau einem Grund:
Dir zu helfen, aus begrenzter Lebenszeit ein bewusstes Leben zu machen.
Nicht mit Druck.
Nicht mit leeren Parolen.
Sondern mit Klarheit.
Impulse, die dir zeigen:
– warum Genuss ohne Richtung dich leer zurücklässt
– warum Erfolg ohne Sinn dich trotzdem müde macht
– und wie aus bloßer Existenz ein Leben mit Tiefe wird
Keine Theorien.
Keine Motivationsfloskeln.
Sondern Gedanken, die dich dein Leben neu sehen lassen.
Viele Leser sagen danach:
„Ich renne meiner Zeit nicht mehr hinterher.
Ich entscheide, wofür ich sie einsetze.“
Und dann kommt der Satz, den niemand je hören wollte –
aber fast jeder irgendwann fühlt:
Eines Tages wachst du auf –
und es gibt kein ‚später‘ mehr für das,
was dir wirklich wichtig war.
Wenn du begreifst, dass du nur dieses eine Leben hast,
willst du nicht länger funktionieren.
Du willst fühlen.
Erleben.
Spuren hinterlassen – in deinem Herzen und in dem der Menschen, die du liebst.
Abonniere den Newsletter.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Respekt vor deiner Zeit.
Du kannst deine Stunden nicht vermehren.
Aber du kannst entscheiden,
dass sie Bedeutung haben.
Jede einzelne.
