Welche Geschichte hält dich zurück?

Stell dir vor, du stehst am Rand eines stillen Sees in den frühen Morgenstunden. Das Wasser ist schwarz wie Tinte, nur ein schmaler Streifen aus blassem Gold bricht sich am Horizont. Du könntest springen. Du könntest schwimmen, bis die Lungen brennen und die Welt nur noch aus Rhythmus und Kälte besteht. Stattdessen bleibst du stehen. Nicht weil du nicht kannst. Sondern weil eine Stimme in dir flüstert: „Du bist nicht der Typ für so etwas.“ Diese Stimme hat einen Namen. Sie hat ein Gesicht. Sie hat eine Geschichte. Und genau diese Geschichte hält dich fest – wie eine unsichtbare Hand um dein Handgelenk.

Du bist nicht allein damit. Jeder Mensch trägt eine solche Erzählung in sich, manchmal leise wie Herbstlaub unter den Schuhen, manchmal laut wie ein Donnerschlag in der Brust. Die Frage ist nicht, ob du eine hast. Die Frage ist: Welche ist es bei dir? Und vor allem: Wie lange willst du sie noch weiterschreiben lassen?

In diesem Beitrag gehen wir gemeinsam der Sache auf den Grund. Wir graben nicht in abstrakten Theorien, sondern in Fleisch und Blut, in konkreten Leben, in Momenten, in denen alles hätte kippen können – und manchmal auch gekippt ist. Du wirst sehen, wie Menschen aus ganz unterschiedlichen Welten mit denselben unsichtbaren Ketten kämpfen. Und du wirst spüren, wie es sich anfühlt, wenn eine davon endlich reißt.

Inhaltsverzeichnis

  • Die unsichtbare Erzählerin in dir
  • Wie die Geschichte entsteht – und warum sie so mächtig bleibt
  • Drei echte Leben – drei Ketten
  • Der Trend, der gerade nach Europa rollt: Narrative Reframing mit Breathwork
  • Tabelle: Die häufigsten einschränkenden Geschichten und ihre versteckten Kosten
  • Frage-Antwort – deine persönliche Inventur
  • Wie du die Geschichte umschreibst – ohne Gewalt, aber mit Kraft
  • Ein Abschluss, der brennt

Die unsichtbare Erzählerin in dir

Sie sitzt nicht auf deiner Schulter. Sie sitzt in deinem Solarplexus. Sie hat die Stimme deiner Grundschullehrerin, die dir sagte, du seist in Mathe „eher langsam“. Sie hat den Tonfall deines Vaters, der meinte, Künstler würden nie richtig Geld verdienen. Sie hat die Augen deiner ersten großen Liebe, die dich verließ mit den Worten „Du bist einfach nicht der Richtige für Abenteuer“. Und sie schreibt seit Jahren denselben Roman: Du bist nicht genug. Nicht klug genug. Nicht mutig genug. Nicht liebenswert genug.

Das Erstaunliche daran: Diese Erzählerin glaubt, sie beschützt dich. Sie will nicht, dass du wieder scheiterst, wieder verletzt wirst, wieder enttäuscht wirst. Deshalb hält sie dich klein. Sicherheit ist ihr höchstes Gut. Freiheit ist ihr Feind.

Wie die Geschichte entsteht – und warum sie so mächtig bleibt

Dein Gehirn ist ein Geschichtenerzähler von Weltrang. Es verknüpft Erlebnisse zu einem durchgehenden Narrativ, weil diskontinuierliche Realität unerträglich wäre. Einmal in der Pubertät ausgelacht wegen eines Gedichts? → „Ich kann nicht schreiben.“ Einmal bei der ersten Bewerbung abgelehnt? → „Ich bin nicht gut genug für so etwas.“ Einmal betrogen? → „Ich kann niemandem vertrauen.“

Diese Mini-Geschichten wachsen. Sie werden zu Glaubenssätzen. Und Glaubenssätze werden zu Identität. Du hörst auf zu fragen „Kann ich das lernen?“ und fragst stattdessen „Bin ich so jemand?“ Der Unterschied ist ein Abgrund.

Drei echte Leben – drei Ketten

In Bregenz am Bodensee, in einer kleinen Wohnung über einem Schreibwarenladen, sitzt Valentina Moser, 34, Logopädin in einer Kinderarztpraxis. Sie trägt heute einen cognacfarbigen Rollkragenpullover aus weichem Kaschmir und eine weite Leinenhose in gebranntem Umbra. Jeden Morgen, wenn sie ihren Cappuccino in der alten Espressomaschine aufschäumt, hört sie die Stimme: „Du bist keine, die groß rauskommt. Bleib bei den Kindern, da bist du sicher.“ Vor fünf Jahren hat sie eine Fortbildung in narrativer Therapie besucht – und dort zum ersten Mal begriffen, dass diese Stimme nicht ihre ist. Sondern die ihrer Mutter, die selbst nie über den Tellerrand der kleinen Stadt hinausschaute. Valentina hat angefangen, ihre Geschichte umzuschreiben. Sie schreibt jetzt kleine Kinderbücher, die sie selbst illustriert. Noch ist keines veröffentlicht. Aber sie schickt sie trotzdem ab. Der erste Ablehnungsbrief lag zwei Wochen auf dem Küchentisch. Sie hat ihn nicht weggeworfen. Sie hat ihn gerahmt.

Weit entfernt, in Queenstown, Neuseeland, wo der Lake Wakatipu wie ein Fjord aus Smaragd und Stahl daliegt, lebt Elias Berger, 41, Hubschrauberpilot für Rettungseinsätze. Er trägt eine abgewetzte Lederjacke in Dunkeloliv und darunter ein schwarzes Merino-Shirt. Seine Geschichte lautet: „Ich darf kein Risiko eingehen, sonst verliere ich alles.“ Sie stammt aus dem Moment, als sein Vater bei einem Autounfall starb – Elias war 17. Seitdem ist Sicherheit heilig. Doch vor zwei Jahren, bei einem Einsatz in den Southern Alps, rettete er eine Frau, die in eine Gletscherspalte gestürzt war. Danach saß er nächtelang am Ufer des Sees, einen Flat White in der Hand, und fragte sich: „Wenn ich sterben würde – hätte ich gelebt?“ Heute fliegt er nicht nur Rettung. Er gibt auch Workshops für Menschen mit Höhenangst. Ironie des Schicksals: Der Mann, der nie Risiko eingehen durfte, bringt anderen bei, wie man springt.

Und dann ist da Fatima Khalil, 29, aus Marrakesch, Marokko, aber seit drei Jahren in Graz lebend, wo sie als interkulturelle Mediatorin arbeitet. Sie trägt einen taubenblauen Mid-Length-Mantel aus recyceltem Wollmix und darunter ein cremefarbenes Seidenhemd. Ihre Geschichte: „Wenn ich laut werde, verliere ich alle.“ Gewachsen aus einer Kindheit, in der ihre Meinung nie gefragt war. In Österreich hat sie angefangen, Poetry-Slam zu machen. Auf Arabisch und Deutsch. Die erste Lesung war ein Fiasko – sie hat nach drei Zeilen geweint und ist von der Bühne geflüchtet. Heute steht sie dort und spricht über Schweigen als Waffe und als Gefängnis. Das Publikum weint mit ihr. Und applaudiert stehend.

Der Trend, der gerade nach Europa rollt: Narrative Reframing mit Breathwork

In den USA und Teilen Asiens (vor allem Japan und Südkorea) praktiziert man seit einigen Jahren eine Methode, die nun auch in Berlin, Wien und Zürich Workshops füllt: Narrative Breathwork Reframing. Man atmet bewusst in bestimmten Rhythmen (meist 3–6 Sekunden ein, 6–8 Sekunden aus, mit langen Pausen), während man gleichzeitig die alte Geschichte laut ausspricht – und dann, im veränderten Atemzustand, die neue Version formuliert. Der Effekt ist verblüffend: Der Körper lernt vor dem Verstand, dass die neue Geschichte sicher ist. Es ist keine reine Kopfsache mehr. Es wird verkörpert. Viele berichten, dass sie nach drei bis fünf Sitzungen die alte Stimme nicht mehr automatisch glauben. Sie hören sie noch – aber sie gehorchen ihr nicht mehr.

Tabelle: Die häufigsten einschränkenden Geschichten und ihre versteckten Kosten

Geschichte Typische Formulierung Versteckte Kosten (emotional & praktisch) Ersetzende Geschichte (Beispiel)
Ich bin nicht gut genug „Andere schaffen das, ich nicht.“ Chronisches Zögern, Burnout durch Überkompensation, Isolation „Ich bin lernfähig und wachse mit jeder Aufgabe.“
Ich darf kein Risiko eingehen „Wenn ich falle, stehe ich nie wieder auf.“ Verpasste Chancen, innere Leere, Reue im Alter „Fehler sind Daten. Ich kann neu starten.“
Wenn ich laut bin, verliere ich alle „Besser schweigen als verlieren.“ Unterdrückte Wut, Depression, keine echten Beziehungen „Meine Stimme ist wertvoll. Wer geht, wollte nicht bleiben.“
Ich bin zu alt / zu spät dran „Das machen nur die Jungen.“ Resignation, Neid, Stillstand „Alter bringt Weisheit. Jetzt ist genau die richtige Zeit.“
Ich verdiene keinen Erfolg „Wer bin ich schon?“ Sabotage kurz vor dem Ziel, Impostor-Syndrom „Erfolg ist kein Raub. Er ist mein Geburtsrecht.“

Frage-Antwort – deine persönliche Inventur

  1. Welche Geschichte erzählst du dir am häufigsten über dich selbst, wenn niemand zuhört? → Meist die, die dich nachts wach hält.
  2. Wann hat diese Geschichte zum ersten Mal laut gesprochen? → Der Ursprung ist fast immer ein emotional hochgeladener Moment.
  3. Welchen Preis zahlst du aktuell dafür, dass du sie weiterglaubst? → Meistens ist es Lebenszeit, die du nicht zurückbekommst.
  4. Wie würde sich dein Alltag verändern, wenn diese Geschichte morgen falsch wäre? → Diese Frage ist der erste Riss im Beton.
  5. Welches eine Wort oder einen Satz könntest du stattdessen sagen – und sofort fühlen? → Nicht denken. Fühlen.

Wie du die Geschichte umschreibst – ohne Gewalt, aber mit Kraft

Du brauchst keine Axt. Du brauchst einen Spiegel und einen Stift.

Schritt 1: Schreibe die alte Geschichte auf. Wort für Wort. Ohne Zensur. Schritt 2: Lies sie laut vor – und atme dabei bewusst tief in den Bauch. Spüre, wo sie sitzt. Brust? Magen? Kehle? Schritt 3: Schreibe die neue Version. Nicht als Wunsch. Als Wahrheit, die du jetzt schon leben könntest. Schritt 4: Verbinde sie mit dem Körper. Steh auf. Geh. Atme. Sprich sie laut. Tanze sie. Weine sie. Schritt 5: Wiederhole. Nicht einmal. Hundertmal. Bis der Körper nickt.

Es wird nicht von heute auf morgen still in dir. Aber es wird leiser. Und eines Tages hörst du die alte Stimme – und lachst. Weil du weißt: Das war einmal.

„Man muss die Geschichte seines Lebens nicht akzeptieren. Man kann sie umschreiben.“ – Toni Morrison

Hat dir der Beitrag gefallen? Hat er etwas in dir berührt oder zum Nachdenken gebracht? Schreib mir in den Kommentaren, welche Geschichte dich gerade am meisten festhält – und was du heute schon tun könntest, um den ersten Satz neu zu formulieren. Ich lese jedes Wort.

Über mich – Andreas Schulze

Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.

Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.

Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.

Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.

Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg

Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook

Willkommen auf meiner Seite – und in deiner Erfolgsgeschichte.

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