Warte nicht – forme den Augenblick jetzt
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Warte nicht – forme den Augenblick jetzt

Der Regen trommelt seit Stunden gegen die Scheiben eines kleinen Cafés in der engen Gasse hinter dem Münchner Viktualienmarkt. Drinnen sitzt eine Frau Mitte dreißig, dunkler Trenchcoat noch feucht über der Stuhllehne, vor ihr ein inzwischen kalt gewordener Cappuccino mit verblasster Herzzeichnung im Schaum. Ihre Finger liegen still um die Tasse, als könnte die Porzellanwärme die Entscheidung für sie treffen.

Sie heißt Lene Marquardt, 36, freiberufliche Szenenbildnerin für kleinere Theaterproduktionen und Werbefilme. Seit zwei Jahren schiebt sie das eine große Projekt vor sich her – ein eigenes Bühnenbildkonzept für ein Stück, das sie seit ihrer Studienzeit im Kopf trägt. Jedes Mal, wenn sie die Skizzenmappe öffnet, kommt der gleiche Gedanke hoch wie ein alter Refrain: „Wenn ich erst die perfekte Förderung habe, den idealen Regisseur, mehr Zeit, besseres Material, weniger Konkurrenz, dann…“

Heute hat sie die Mappe wieder mitgenommen. Sie liegt ungeöffnet neben dem Zuckerstreuer. Lene starrt hinein, als könnte das Papier ihr sagen, wann der Moment endlich reif ist.

Der perfekte Moment existiert nicht. Er wird nicht mit Fanfaren angekündigt. Er trägt keine Leuchtreklame. Meistens kommt er in genau der Gestalt, die man am wenigsten erwartet – fleckig, unordentlich, mit Kaffeeflecken und Termindruck und dem Gefühl, eigentlich noch nicht bereit zu sein.

Inhaltsverzeichnis

  1. Der Regen und die Mappe

  2. Warum wir auf den perfekten Moment warten

  3. Die Anatomie eines gestohlenen Augenblicks

  4. Lene und der verregnete Dienstag

  5. Drei Arten, wie der Moment sich tarnen kann

  6. Der Preis des Wartens – eine unsichtbare Rechnung

  7. Wie man einen unvollkommenen Moment nimmt und ihn umarmt

  8. Die Magie des ersten Schritts (und warum sie erst später sichtbar wird)

  9. Geschichten aus anderen Städten

  10. Was passiert, wenn man aufhört zu warten

  11. Ein kleiner, konkreter Plan für heute Abend

  12. Nachklang

Der Regen und die Mappe

Lene hebt den Blick. Durch die beschlagene Scheibe sieht sie, wie zwei ältere Herren mit Schirmen aneinander vorbeigehen, ohne sich zu berühren, ohne ein Wort, aber mit jener kleinen, wortlosen Höflichkeit, die man in München so oft spürt: man macht Platz, man nickt knapp, man stört nicht.

Sie denkt an Viktor Haldor, einen norwegischen Lichtdesigner, den sie vor drei Jahren bei einem Festival in Bergen kennengelernt hat. Viktor hatte damals ein winziges Budget, ein altes Theater mit undichten Stellen im Dach und genau 17 Tage Probenzeit. Er wartete nicht auf besseres Lichtequipment. Er nahm zwei alte PAR-Scheinwerfer, die er auf dem Flohmarkt gekauft hatte, und ein paar Meter Alufolie aus der Kantine. Am Premierenabend leuchtete die Bühne wie ein Nordlicht. Das Publikum weinte. Die Kritiken sprachen von „magischem Minimalismus“.

Lene hatte ihm damals gesagt: „Ich könnte das nie. Ich brauche Struktur, Planung, Sicherheit.“ Viktor hatte nur gelächelt und geantwortet: „Sicherheit kommt später. Der Funke kommt jetzt – oder gar nicht.“

Warum wir auf den perfekten Moment warten

Es fühlt sich sicher an. Warten ist eine der elegantesten Formen der Selbsttäuschung. Man kann sich fleißig fühlen, ohne etwas riskieren zu müssen. Man sammelt Argumente, baut Alibis, poliert die Ausreden auf Hochglanz. „Wenn erst…“, „sobald…“, „nachdem…“ – drei kleine Wörter, die mehr Leben verschlucken als jede offene Ablehnung.

Eine junge Frau namens Mila Torberg, Ergotherapeutin in einer kleinen Praxis in Graz, erzählte mir einmal bei einem langen Abendessen in einer Hinterhof-Wirtschaft: „Ich habe fünf Jahre gewartet, bis ich meine eigene Praxis eröffne. Fünf Jahre! Ich sagte mir, ich brauche erst die perfekte Lage, die perfekte Ausstattung, genug Erspartes, keine Angst mehr. Irgendwann habe ich gemerkt: Die Angst geht nicht weg. Sie zieht nur um – in eine noch schönere Wohnung mit Parkblick.“

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Mila hat dann eine kleine, schräge Altbauwohnung im zweiten Stock ohne Aufzug gemietet. Die Wände waren fleckig, die Heizung röhrte wie ein alter Traktor. Sie hat selbst gestrichen, Möbel von Kleinanzeigen geholt, einen alten Schreibtisch weiß lackiert. Heute hat sie Warteliste. Die Patienten sagen, sie spüren sofort, dass hier jemand arbeitet, der weiß, wie es sich anfühlt, nicht perfekt zu sein.

Die Anatomie eines gestohlenen Augenblicks

Der Moment, den man nimmt, obwohl er nicht perfekt ist, hat eine andere Textur. Er ist rauer. Unausgegoren. Oft peinlich. Manchmal sogar lächerlich. Aber er ist echt.

Lene und der verregnete Dienstag

Lene öffnet die Mappe. Nicht weil sie sich plötzlich mutig fühlt. Sondern weil der Regen nicht aufhört und der Kaffee kalt ist und sie plötzlich keine Lust mehr hat, sich selbst weiter zu belügen.

Die oberste Skizze ist alt – Bleistift, etwas Kohlestaub an den Rändern. Eine Bühne, die aussieht wie ein aufgerissener Wal, in dessen Rippenbogen das Publikum sitzt. Sie erinnert sich, wie sie das Bild gezeichnet hat: auf dem Boden ihres damaligen WG-Zimmers in Kreuzberg, während nebenan jemand „Landslide“ von Fleetwood Mac in Dauerschleife spielte. Damals hatte sie noch keine Angst gehabt. Nur Lust.

Sie blättert weiter. Die neueren Entwürfe sind sauberer, digitaler, farblich abgestimmter – und deutlich weniger lebendig.

Lene holt tief Luft. Der Trenchcoat riecht nach nassem Asphalt und dem schwachen Parfüm, das sie heute Morgen aufgelegt hat. Sie nimmt ihr Telefon, öffnet die Notizen-App und tippt:

„Bewerbung schreiben. Heute. Auch wenn der Text scheiße wird. Auch wenn ich morgen alles löschen will. Einfach abschicken.“

Dann öffnet sie den Laptop, noch feucht vom Regen, und beginnt.

Drei Arten, wie der Moment sich tarnen kann

  1. Als Unannehmlichkeit Der Moment kommt oft als etwas, das stört: ein Streit, eine Absage, ein plötzlicher Krankheitsfall, ein verpasster Zug. Viele Menschen werfen ihn weg, weil er nicht glänzt.
  2. Als Gelegenheit, die schon fast vorbei ist Jemand sagt: „Hast du nicht Lust, spontan mitzumachen?“ Man zögert. Die Tür schließt sich wieder. Später denkt man: „Das wäre es gewesen.“
  3. Als langweilige Routineaufgabe Der Moment versteckt sich in der banalsten Tätigkeit: ein Formular ausfüllen, eine Mail schreiben, eine Telefonnummer wählen. Er sieht aus wie Arbeit – und genau deshalb übersehen wir ihn.

Der Preis des Wartens – eine unsichtbare Rechnung

Warten kostet Zins. Nicht in Euro, sondern in Lebensgefühl. Jeder Monat, jedes Jahr, das man auf „perfekt“ wartet, zieht eine leise Linie durch die eigene Biografie. Man wird nicht plötzlich mutlos – man gewöhnt sich daran. Die Muskeln für Risiko und Spontaneität verkümmern wie ungenutzte Gliedmaßen.

Wie man einen unvollkommenen Moment nimmt und ihn umarmt

Man muss ihn nicht schön finden. Man muss ihn nur ergreifen.

Ein einfacher, aber wirkungsvoller Dreischritt, den ich in den letzten Jahren bei vielen Menschen beobachtet habe:

  • Erlaube dir, mittelmäßig anzufangen Der erste Entwurf darf schlecht sein. Das erste Gespräch darf holprig sein. Das erste Angebot darf niedrig sein. Perfektion ist der Feind des Anfangs.
  • Öffne die Tür nur einen Spalt Du musst nicht dein ganzes Leben umkrempeln. Manchmal reicht ein winziger Schritt: eine Mail, ein Anruf, ein Post auf einer Plattform, ein Gespräch mit einer Fremden in der Schlange.
  • Feiere den Akt, nicht das Ergebnis Der Mut liegt im Tun, nicht im Gelingen. Wenn du den ersten Schritt machst, hast du schon gewonnen – egal, was danach passiert.

Geschichten aus anderen Städten

In Lissabon traf ich Tomás Ribeiro, 41, Surflehrer und ehemaliger Investmentbanker aus Frankfurt. Er hatte jahrelang auf den „richtigen Zeitpunkt“ gewartet, um auszusteigen. Eines Morgens, als er wieder einmal um 5:30 Uhr im Büro saß und die Skyline von Mainhattan betrachtete, dachte er: „Wenn ich jetzt nicht gehe, werde ich es nie tun.“ Er kündigte, verkaufte fast alles, zog nach Portugal. Heute gibt er Surfkurse an der Praia do Guincho. Er sagt: „Der perfekte Moment war der Moment, in dem ich aufgehört habe, auf ihn zu warten.“

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In Ljubljana lernte ich Klara Novak kennen, 29, selbstständige Grafikdesignerin. Sie hatte drei Jahre lang auf „den großen Kunden“ gewartet. Dann bekam sie eine kleine Anfrage von einem lokalen Bienenzüchterverein, der ein neues Etikett brauchte. Sie nahm den Auftrag an – obwohl er schlecht bezahlt war und sie sich eigentlich für zu gut hielt. Aus diesem kleinen Projekt entstand eine ganze Serie von Naturprodukt-Designs. Heute arbeitet sie fast nur noch für kleine Manufakturen in Slowenien und Italien – und sagt, sie war noch nie glücklicher.

Was passiert, wenn man aufhört zu warten

Man wird lebendig. Nicht perfekt. Nicht fehlerfrei. Aber lebendig.

Man beginnt, Fehler zu machen – und aus ihnen zu lernen. Man lernt, dass Ablehnung nicht tödlich ist. Man lernt, dass man auch mit zitternden Knien stehen kann. Man lernt, dass das Leben nicht auf den großen Knall wartet, sondern aus Tausenden kleinen, mutigen Augenblicken besteht.

Ein kleiner, konkreter Plan für heute Abend

  1. Öffne die Schublade / den Ordner / die Notizen-App, in der das Projekt liegt, das du schon so lange vor dir herschiebst.
  2. Stelle einen Timer auf 15 Minuten.
  3. Arbeite genau 15 Minuten daran – egal wie schlecht.
  4. Wenn der Timer klingelt, speichere, schließe, atme aus.
  5. Schreibe dir auf: „Ich habe heute angefangen.“
  6. Wiederhole morgen. Und übermorgen.

Das ist alles.

Kein großes Feuerwerk. Keine dramatische Musik. Nur ein Anfang.

Nachklang

Lene sitzt immer noch im Café. Der Regen hat nachgelassen. Die Scheiben sind klarer geworden. Sie hat die Bewerbung geschrieben – holprig, zu lang, mit zwei Tippfehlern. Sie hat sie trotzdem abgeschickt.

Jetzt klappt sie den Laptop zu. Bezahlt. Zieht den noch feuchten Trenchcoat über. Tritt hinaus.

Der Viktualienmarkt ist fast leer. Nur wenige Stände haben noch offen. Der Geruch von frischem Brot und gebrannten Mandeln hängt in der Luft. Lene geht langsam Richtung Marienplatz. Ihre Schritte hallen auf dem nassen Pflaster.

Sie denkt nicht: „Jetzt wird alles gut.“ Sie denkt: „Ich habe angefangen.“

Das reicht für heute.

Hat dir der Text etwas bewegt? Schreib mir gern in die Kommentare: Welchen unperfekten Moment hast du heute genommen – und wie hat es sich angefühlt? Teile den Beitrag mit jemandem, der gerade auf den „richtigen Zeitpunkt“ wartet.

Über mich – Andreas Schulze

Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.

Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.

Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.

Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.

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Blog Bilder für schöne Bider (4572)

Alles, was du liebst, wird vergehen.
Menschen. Momente. Gefühle.
Auch du.

Niemand sagt dir das gern ins Gesicht.
Aber dein Leben ist kein unendlicher Raum.
Es ist ein Countdown.

Rein rechnerisch hast du etwa 625.000 bis 700.000 Stunden auf dieser Welt.
Nicht mehr. Nicht weniger.

Ein Großteil davon verschwindet im Schlaf.
Ein weiterer Teil in Terminen, Pflichten, Ablenkung.
Und plötzlich stehst du da und denkst:
Wo ist all die Zeit geblieben?

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Es geht einfach aus.

Genau deshalb ist Zeit das Wertvollste, was du besitzt –
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Alles, was du liebst, ist endlich.
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aber fast jeder irgendwann fühlt:

Eines Tages wachst du auf –
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