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Träume: Angst vor dem Scheitern

Stell dir vor, du stehst nachts am offenen Fenster. Draußen ist nichts als Dunkelheit und der Geruch nach nassem Asphalt nach einem kurzen Sommerregen. Dein Herz schlägt schneller, als es sollte – nicht vor Aufregung, sondern vor jenem dumpfen Druck, der sich immer dann einstellt, wenn der nächste große Gedanke zu laut wird. Du siehst ihn vor dir, diesen Traum, klar wie ein Bild, das jemand mit zu viel Licht fotografiert hat: scharf in der Mitte, an den Rändern schon fast ausgebrannt. Und genau in diesem Moment flüstert die Stimme, die du so gut kennst: „Und wenn es schiefgeht?“

Genau dort beginnt der eigentliche Kampf.

Viele Menschen glauben, die Angst vor dem Scheitern sei ein Charakterfehler, etwas, das man mit genug Willenskraft einfach wegschmeißen kann. Das ist ein Irrtum. Sie ist ein uraltes Schutzprogramm. Dein Gehirn hat in Jahrmillionen gelernt, dass ein Sturz vom Baum oder ein Fehlschlag bei der Jagd tödlich enden konnte. Heute kostet ein misslungener Business-Launch oder eine abgelehnte Bewerbung kein Leben – und doch reagiert dein limbisches System, als stünde ein Säbelzahntiger hinter der nächsten Ecke.

Du spürst es körperlich: die trockene Kehle, die flache Atmung, das Kribbeln in den Händen. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist Biologie, die noch nicht begriffen hat, dass wir nicht mehr in der Savanne leben.

Die unsichtbare Mathematik der Angst

Stell dir vor, dein Gehirn würde jeden möglichen Ausgang deines Traums mit einer Wahrscheinlichkeit versehen. Die meisten Menschen rechnen ungefähr so:

  • Erfolg: 10–20 %
  • Neutraler Ausgang (niemand stirbt, aber es ändert nichts): 30 %
  • Scheitern mit mittlerer Peinlichkeit: 40 %
  • Scheitern mit existenzieller Blamage: 20–30 %

Das Problem: Das emotionale Gewicht dieser Szenarien ist nicht linear. Ein Scheitern wiegt im Gefühl fünf- bis zehnmal schwerer als ein Erfolg gleich groß wiegt. Deshalb fühlt sich die Waage sofort in Richtung Absturz geneigt an, selbst wenn die rationale Wahrscheinlichkeitsrechnung etwas anderes sagt.

Wie sich die Angst tarnt

Sie kommt selten mit der Tür ins Haus fallend. Stattdessen zeigt sie sich in raffinierten Verkleidungen:

Du sagst „Ich habe gerade keine Zeit“, obwohl du jeden Abend 2 Stunden und 47 Minuten auf einer Videoplattform verbringst. Du sagst „Ich muss erst noch perfekt vorbereitet sein“, und recherchierst monatelang, ohne je den ersten Satz zu schreiben. Du sagst „Ich will ja nicht hochnäsig wirken“, und hältst deinen Traum klein, damit niemand dich auslacht, falls er platzt.

Das sind keine Ausreden. Das sind Schutzstrategien. Dein Nervensystem versucht verzweifelt, dich vor sozialem Ausschluss zu bewahren – weil Ausschluss in der Stammeszeit ungefähr so gefährlich war wie ein offener Bruch.

Die Geschichte von Johanna aus Flensburg

Johanna arbeitete acht Jahre als Zollbeamtin im Hafen. Jeden Morgen um 5:40 Uhr stand sie auf, trank einen sehr starken Filterkaffee aus der Thermoskanne und fuhr mit dem Fahrrad durch den Nebel zum Dienst. Sie war gut in ihrem Job. Zuverlässig. Unsichtbar. Eines Abends, nach einer besonders langen Schicht, saß sie in ihrer kleinen Wohnung am Wasser und starrte auf ein altes Foto: sie mit 19, Gitarre im Arm, auf einem Festival irgendwo in Dänemark. Damals hatte sie einen Traum – eigene Lieder zu schreiben und irgendwann auf einer kleinen Bühne zu stehen.

Zwölf Jahre später war dieser Traum so weit weg, dass er sich anfühlte wie die Erinnerung an einen Film, den jemand anderes gesehen hatte.

Eines Nachts träumte sie, sie stünde auf einer Bühne und das Mikrofon wäre tot. Niemand klatschte. Niemand buhte. Alle schauten einfach durch sie hindurch – als wäre sie Luft. Sie wachte schweißgebadet auf und verstand plötzlich: ihre größte Angst war nicht, dass man sie auslachen würde. Ihre größte Angst war, dass man sie gar nicht bemerken würde.

Am nächsten Morgen kaufte sie eine neue Akustikgitarre (nicht die teuerste, aber auch nicht die billigste) und nahm sich vor, jeden Abend ein einziges Lied zu schreiben – egal wie schlecht. Kein Publikum. Kein Druck. Nur der Satz: „Heute mache ich einen Schritt, den gestrige Johanna nicht gemacht hat.“

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Sechs Monate später spielte sie das erste Mal in einem kleinen Café in der Norderstraße. Es waren vielleicht 18 Leute da. Sie zitterte so stark, dass sie den ersten Akkord zweimal anschlagen musste. Aber sie spielte. Und als sie fertig war, klatschten diese 18 Menschen – nicht enthusiastisch, nicht frenetisch, sondern warm. Für Johanna fühlte es sich an wie ein Steh-ovation in der Carnegie Hall.

Was Johanna anders machte

Sie hörte auf, den perfekten Moment abzuwarten. Sie hörte auf, sich vorzustellen, wie alle sie verurteilen. Stattdessen stellte sie sich vor, wie das eine ältere Dame im Publikum vielleicht gerade an ihre eigene Jugend denkt und lächelt.

Sie wechselte die Perspektive – von „Was denken die anderen über mich?“ zu „Wen kann ich mit meinem Tun berühren?“

Das ist einer der mächtigsten Tricks gegen die Angst vor dem Scheitern: du verlässt die Ego-Position und trittst in die Dienst-Position.

Der europäische Import-Trend: „Ugly First“

In den USA und inzwischen auch in Teilen Skandinaviens und Großbritanniens verbreitet sich gerade ein Ansatz, der „Ugly First“ genannt wird. Die Idee: produziere die hässlichste, unbeholfenste, peinlichste Version deines Traums – absichtlich. Schick den ersten Entwurf raus, auch wenn er grauenhaft ist. Poste das erste Video, auch wenn du stotterst. Spiele das erste Konzert, auch wenn die Saiten reißen.

Warum funktioniert das? Weil das Gehirn nach der ersten öffentlichen Blamage eine Art neuronale Erleichterung erfährt: „Es ist schon passiert. Ich lebe noch. Die Welt ist nicht untergegangen.“ Danach sinkt die Angstkurve rapide.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz kommt dieser Ansatz gerade erst an – vor allem in Kreativ- und Startup-Kreisen. Vorreiter sind hier vor allem Menschen, die aus klassischen Beamten- oder Angestelltenfamilien kommen und sich plötzlich trauen, etwas „Unordentliches“ zu zeigen.

Tabelle: Die häufigsten Verkleidungen der Angst – und ihr Gegenmittel

Verkleidung der Angst Was du stattdessen sagst Sofortiges Gegenmittel
„Ich bin noch nicht so weit“ „Ich muss perfekt sein“ Setze dir eine 5-Minuten-Regel: fang an, auch wenn es nur fünf Minuten sind
„Ich will niemanden enttäuschen“ „Alle werden mich verurteilen“ Frage dich: „Wen genau? Nenne mir drei konkrete Namen.“ Meistens bleiben maximal zwei übrig
„Vielleicht ist das gar nicht mein Weg“ „Vielleicht bin ich nicht gut genug“ Mach die „Lebenslauf-Übung“: schreib auf, was du schon alles geschafft hast, das früher unmöglich schien
„Ich habe keine Zeit“ „Das Leben ist gerade zu voll“ Streiche 30 Minuten sinnlose Scroll-Zeit und schenke sie deinem Traum
„Ich will realistisch bleiben“ „Träume sind für andere“ Definiere „realistisch“ neu: realistisch ist, was du in 36 Monaten mit 1 % täglicher Verbesserung erreichen kannst

Wie du die Angst in eine Verbündete verwandelst

  1. Benenne sie laut. Sag einfach: „Da ist wieder die alte Angst-vorm-Scheitern-Stimme.“ Allein das Benennen reduziert ihre Macht um etwa 30–40 %.
  2. Frage sie: „Was genau willst du für mich verhindern?“ Meistens antwortet sie: sozialen Schmerz, Scham, Einsamkeit.
  3. Antworte ihr: „Danke, dass du mich schützen willst. Ich nehme das Risiko bewusst auf mich – weil mir das andere Leben wichtiger ist als die Sicherheit.“
  4. Mache den ersten Schritt so lächerlich klein, dass die Angst sich fast schämt, sich dagegen zu wehren. (Ein Satz schreiben. Eine Domain checken. Eine Person anschreiben.)
  5. Feiere jeden winzigen Schritt – nicht den Erfolg, sondern den Mut.

Kurzes fiktives Interview – drei Stimmen aus drei Ländern

Ich habe mit Menschen gesprochen, die diesen Weg gegangen sind. Die Namen sind aus Rücksicht geändert.

Lene, 34, Ergotherapeutin aus Innsbruck Frage: Was war dein schlimmster Gedanke, bevor du deinen ersten Kurs gegeben hast? Antwort: Dass alle merken, wie unsicher ich bin – und dann nie wieder kommen. Frage: Was ist stattdessen passiert? Antwort: Die Leute haben gespürt, dass ich ehrlich bin. Genau das wollten sie. Frage: Was gibst du anderen mit? Antwort: Fang an, bevor du dich traust. Das Trauen kommt erst beim Tun.

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Mateo, 41, Gleisbautechniker aus St. Gallen Frage: Warum hast du so lange gewartet, deine eigene kleine Firma zu gründen? Antwort: Ich hatte Angst, dass meine Frau und die Kinder mich anders ansehen, wenn ich scheitere. Frage: Was hat sich verändert? Antwort: Ich habe gemerkt, dass sie stolz sind – nicht auf den Umsatz, sondern darauf, dass ich es wage. Frage: Dein Rat? Antwort: Zeig deiner Familie den Traum, bevor du ihn lebst. Die meisten unterstützen dich.

Klara, 29, Verkäuferin im Einzelhandel aus Rostock Frage: Was hat dich am meisten blockiert? Antwort: Die Vorstellung, dass alle aus der alten Klasse lachen würden. Frage: Hast du es trotzdem gemacht? Antwort: Ja. Ich habe einen kleinen Online-Shop für handgefärbte Seidentücher eröffnet. Frage: Und die alte Klasse? Antwort: Die meisten haben geschrieben: „Krass, hätte ich dir nicht zugetraut.“ Manche schweigen. Das ist okay.

Zitat „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern der Sieg darüber.“ – Mark Twain

Hat dir der Beitrag gefallen? Dann schreib mir gern in die Kommentare: Welcher deiner Träume wird gerade von der Angst ausgebremst – und was wäre der allerkleinste erste Schritt, den du trotzdem machen könntest? Teile den Text mit jemandem, der genau jetzt diesen Schubs braucht.

Über mich – Andreas Schulze

Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.

Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.

Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.

Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.

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Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook

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