Schmerz öffnet leise Türen zum Wachsen
Der Regen trommelt seit Stunden gegen die Scheiben eines kleinen Dachgeschosses in Flensburg. Nicht das dramatische Prasseln südlicher Gewitter, sondern dieses gleichmäßige, fast höfliche norddeutsche Nieseln, das sich anhört, als würde die Stadt mit sich selbst flüstern.
Unten auf der Straße geht gerade eine Frau in einem dunkelgrauen Wollmantel vorbei, Schirm nach vorn geneigt wie ein Schild. Sie läuft nicht schnell. Sie läuft auch nicht langsam. Sie läuft genau in jenem Tempo, das sagt: Ich habe heute schon genug verloren, mehr muss nicht sein.
Oben im Zimmer sitzt ein Mann Ende dreißig, Tasse kalten Filterkaffee in der Hand, starrt auf einen Fleck an der Wand, wo die Farbe leicht abgeblättert ist – ein winziger Landstrich aus nacktem Putz. Seit siebenundzwanzig Minuten bewegt er sich nicht. Nicht einmal die Lider zucken besonders.
Inhaltsverzeichnis
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Der Moment, in dem der Körper zuerst kapituliert
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Die seltsame Intelligenz des Schmerzes
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Wenn die alte Ordnung zerbricht
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Geschichten, die man sich selbst nicht mehr erzählen kann
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Der erste Riss – und was hindurchscheint
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Wachstum ist keine Belohnung, sondern Nebenprodukt
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Die Kunst, nicht wegzuschauen
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Was bleibt, wenn der Schmerz weiterzieht
Der Körper lügt nicht. Das ist der erste Satz, den man eigentlich schon mit sechzehn hätte ernst nehmen sollen.
Er lügt nicht, wenn die Schultern nach einem langen Tag in der falschen Höhe hängen bleiben. Er lügt nicht, wenn das Zwerchfell sich beim Einatmen plötzlich wie ein zu straff gespanntes Trommelfell anfühlt. Er lügt nicht, wenn der Kiefer stundenlang mahlt, ohne dass man es merkt, bis irgendwann die Schläfen pochen und man sich fragt, warum man eigentlich so wütend auf den Wasserkocher ist.
Der Schmerz ist der erste Bote, der sagt: Hier stimmt etwas nicht mehr mit der Geschichte, die du dir über dich selbst erzählst.
Die meisten Menschen versuchen sofort, den Boten zu erschießen.
Ibuprofen, Netflix, ein Bier zu viel, ein neuer Account bei irgendeiner Dating-App, ein aggressives Fitnessprogramm, die fünfte Beförderung in fünf Jahren, ein Umzug ans andere Ende der Republik – allesamt ziemlich gut organisierte Formen des Wegschauens.
Aber der Bote kommt wieder. Leiser vielleicht. Hartnäckiger. In der Sprache der Bandscheiben, der Nächte ohne Durchschlafen, der plötzlichen Tränen beim Zwiebelschneiden, obwohl man Zwiebeln seit fünfundzwanzig Jahren schneidet.
Der Moment, in dem der Körper zuerst kapituliert
Stell dir vor, du bist 38, arbeitest seit sechzehn Jahren im gleichen mittelständischen Maschinenbauunternehmen in der Nähe von Osnabrück. Du bist gut. Zuverlässig. Der Typ, den der Chef anruft, wenn etwas wirklich schiefgehen darf, aber nicht soll.
Eines Morgens beim Zähneputzen spürst du ein Ziehen im linken Unterarm. Nicht dramatisch. Eher so, als hätte jemand einen sehr dünnen Draht um den Nerv gewickelt und zieht probehalber daran.
Du denkst: falsch gelegen gestern Nacht. Du denkst: vielleicht der neue Bürostuhl. Du denkst: wird schon wieder.
Zwei Wochen später kannst du den linken Arm nicht mehr ohne Schmerzen über Schulterhöhe heben.
Der Orthopäde sagt: chronische Überlastung, Sehnenplatte gereizt, vielleicht schon kleine Einrisse, vier bis sechs Wochen Schonung, Krankengymnastik, entzündungshemmende Mittel.
Du nickst. Du sagst „alles klar“. Du gehst zurück ins Büro und tippst mit rechts weiter E-Mails, während der linke Arm daliegt wie ein müdes Haustier.
Was du in diesem Moment nicht weißt: der Schmerz ist nicht primär ein Problem der Sehnenplatte.
Er ist ein Signal, dass das gesamte System – Körper, Terminkalender, Selbstbild, Partnerschaft, innere Rechtfertigungsmaschinerie – seit langer Zeit auf Kredit gelebt hat.
Und jetzt ist die erste Rate fällig.
Die seltsame Intelligenz des Schmerzes
Der Schmerz ist dumm, sagen viele. Er ist laut, primitiv, undifferenziert.
Das stimmt nicht.
Der Schmerz ist hochintelligent.
Er spricht nicht in Sätzen. Er spricht in Metaphern aus Nervenimpulsen.
Wenn du jahrelang „Ja“ sagst, obwohl alles in dir „Nein“ schreit, dann findet der Schmerz ein Ventil. Mal ist es der Magen, mal der Nacken, mal die Schläfe, mal die Periode, die plötzlich doppelt so lang dauert und dreimal so weh tut wie früher.
Er wählt den Ort sehr präzise.
Wer immer nur den Kopf hinhält und schluckt, bekommt oft Migräne oder Tinnitus. Wer immer den Buckel macht und sich klein macht, bekommt Rückenschmerzen im thorakalen Bereich – genau dort, wo das Herz geschützt werden will. Wer alles allein stemmen muss, weil Vertrauen früher zu teuer bezahlt wurde, spürt es in den Armen und Schultern – den tragenden Strukturen.
Der Schmerz ist kein Saboteur. Er ist der letzte loyale Mitarbeiter, der noch ehrlich Bericht erstattet, nachdem alle anderen Abteilungen längst geschönt haben.
Wenn die alte Ordnung zerbricht
In einer kleinen Wohnung in Graz, dritter Stock, schmale Stiege mit abgetretenem Linol, sitzt eine Frau namens Lene, 34, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Ausbildung.
Sie hat vor acht Monaten ihren langjährigen Partner verlassen – nicht weil etwas Spektakuläres passiert wäre, sondern weil die Stille zwischen ihnen lauter geworden war als jedes Gespräch.
Seitdem schläft sie schlecht. Genauer: Sie schläft ein, wacht um 3:17 Uhr auf, liegt dann bis 5:40 wach und schläft irgendwann wieder ein, kurz bevor der Wecker geht.
Ihr Körper hat beschlossen, dass Schlaf ein Luxus ist, den sie sich im Moment nicht verdient hat.
Sie sitzt am Küchentisch, vor ihr ein lauwarmer Kräutertee (Frauenmantel und Schafgarbe, den sie sich selbst zusammengemischt hat), und merkt plötzlich, dass sie weint.
Nicht schluchzend. Nur dieses leise, stetige Laufen der Tränen, als wäre irgendwo innen ein Damm gebrochen, den sie nicht mehr reparieren kann.
Und in diesem Moment – während draußen die Straßenbahn quietscht und der Nachbar über ihr den Staubsauger anschmeißt – denkt sie den ersten wirklich gefährlichen Gedanken seit Monaten:
Vielleicht muss ich gar nicht mehr so tun, als wäre alles in Ordnung.
Der Gedanke fühlt sich an wie ein Verrat. Und gleichzeitig wie das erste ehrliche Wort seit Jahren.
Geschichten, die man sich selbst nicht mehr erzählen kann
Der Mensch ist eine Erzählmaschine.
Wir erzählen uns Geschichten, um die chaotische Welt zu ordnen.
„Ich bin jemand, der immer stark ist.“ „Ich brauche niemanden.“ „Wenn ich nur genug leiste, werde ich geliebt.“ „Irgendwann wird alles gut – später.“
Irgendwann wird der Schmerz so laut, dass er die Geschichte übertönt.
Dann gibt es zwei Möglichkeiten:
Man baut die Geschichte noch fester, mauert noch mehr Beton um die Lüge, nimmt noch mehr Schmerzmittel, arbeitet noch mehr, lächelt noch breiter.
Oder man lässt zu, dass die Geschichte bricht.
Brechen tut höllisch weh. Aber es ist ein anderes Weh als das stille Sterben der alten Lüge.
Der erste Riss – und was hindurchscheint
In einem Café in Basel, direkt am Rhein, sitzt ein Mann namens Ivo, 42, selbstständiger Übersetzer für juristische Texte.
Er hat vor drei Wochen die Diagnose bekommen: Autoimmunerkrankung, noch unspezifisch, aber wahrscheinlich eine Form von rheumatischer Arthritis.
Er sitzt da, Cappuccino vor sich, Schaum längst in sich zusammengefallen, und merkt, dass er zum ersten Mal seit zwanzig Jahren nicht weiß, was er als Nächstes tun soll.
Und dann passiert etwas Seltsames.
Er fängt an zu lachen.
Nicht laut. Nur dieses kleine, trockene, fast peinlich berührte Lachen, das man ausstößt, wenn man merkt, dass man sich selbst sehr lange sehr ernst genommen hat.
Er denkt: Ich habe immer geglaubt, wenn ich nur perfekt arbeite, perfekt übersetze, pünktlich liefere, keine Fehler mache, dann bleibt alles unter Kontrolle.
Und jetzt sitzt er hier, die Finger seiner rechten Hand beginnen morgens steif zu werden, und er kann nicht einmal mehr sicher wissen, ob er in sechs Monaten noch tippen kann wie früher.
Und während er lacht, merkt er, dass hinter der Angst ein winziger, fast unverschämter Gedanke steht:
Vielleicht darf ich jetzt endlich etwas anderes sein als eine Maschine, die Texte produziert.
Wachstum ist keine Belohnung, sondern Nebenprodukt
Man kann sich Wachstum nicht vornehmen wie ein Projekt.
Man kann es nicht in den Kalender schreiben, nicht mit einem Coach vereinbaren, nicht mit einem Vision-Board herbeizwitschern.
Wachstum passiert, wenn die alte Struktur nicht mehr trägt.
Wenn sie bricht, fällt etwas herunter, das man jahrelang festgehalten hat: eine Rolle, eine Maske, ein Glaube, ein Versprechen, das man sich selbst oder anderen gegeben hat.
Und in dem Moment, in dem es herunterfällt, kommt Licht an Stellen, die vorher im Schatten lagen.
Das tut weh. Das fühlt sich an wie Sterben.
Aber es ist kein Sterben. Es ist ein sehr selektives Sterbenlassen.
Und genau dort, wo etwas stirbt, beginnt etwas anderes zu atmen.
Die Kunst, nicht wegzuschauen
Das Schwierigste ist nicht der Schmerz selbst.
Das Schwierigste ist, ihn anzuschauen, ohne sofort eine Lösung zu verlangen.
Ohne ihn zu bewerten. Ohne ihn zu pathologisieren. Ohne ihn sofort in ein Programm zu stecken („Ich muss jetzt achtsamer werden / mehr Grenzen setzen / Yoga machen / meine Kindheit aufarbeiten / besser Nein sagen“).
Manchmal ist der mutigste Akt einfach, still zu sitzen und zu spüren:
Es tut weh. Und ich bin noch hier.
Was bleibt, wenn der Schmerz weiterzieht
Der Schmerz zieht irgendwann weiter.
Nicht weil man ihn besiegt hat. Sondern weil er seinen Auftrag erfüllt hat.
Er hat dich wachgerüttelt. Er hat die Lüge zerbrochen. Er hat dich gezwungen, hinzusehen.
Und dann geht er.
Manchmal lässt er eine Narbe zurück. Manchmal eine neue Beweglichkeit. Fast immer eine andere Art von Stille.
Eine Stille, in der man sich selbst wieder hören kann.
Nicht als Projekt. Nicht als Optimierungsfall. Sondern als lebendiges, verletzliches, atmendes Wesen.
Und das – nur das – ist der eigentliche Anfang.
Wenn du möchtest, schreib mir gern in die Kommentare: Wann hat dich der Schmerz das letzte Mal gezwungen hinzuschauen – und was hast du gesehen?
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg
Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook
Willkommen auf meiner Seite – und in deiner Erfolgsgeschichte.

Alles, was du liebst, wird vergehen.
Menschen. Momente. Gefühle.
Auch du.
Niemand sagt dir das gern ins Gesicht.
Aber dein Leben ist kein unendlicher Raum.
Es ist ein Countdown.
Rein rechnerisch hast du etwa 625.000 bis 700.000 Stunden auf dieser Welt.
Nicht mehr. Nicht weniger.
Ein Großteil davon verschwindet im Schlaf.
Ein weiterer Teil in Terminen, Pflichten, Ablenkung.
Und plötzlich stehst du da und denkst:
Wo ist all die Zeit geblieben?
Das Licht wird nicht langsam dunkler.
Es geht einfach aus.
Genau deshalb ist Zeit das Wertvollste, was du besitzt –
und gleichzeitig das, was die meisten Menschen am achtlosesten verlieren.
Alles, was du liebst, ist endlich.
Darum ist „später“ eine gefährliche Lüge.
Nicht irgendwann.
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Heute.
In diesem Moment.
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– warum Genuss ohne Richtung dich leer zurücklässt
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Viele Leser sagen danach:
„Ich renne meiner Zeit nicht mehr hinterher.
Ich entscheide, wofür ich sie einsetze.“
Und dann kommt der Satz, den niemand je hören wollte –
aber fast jeder irgendwann fühlt:
Eines Tages wachst du auf –
und es gibt kein ‚später‘ mehr für das,
was dir wirklich wichtig war.
Wenn du begreifst, dass du nur dieses eine Leben hast,
willst du nicht länger funktionieren.
Du willst fühlen.
Erleben.
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Aber du kannst entscheiden,
dass sie Bedeutung haben.
Jede einzelne.
