Persönliche Festung aus Stille bauen
In der Stunde, bevor der erste graue Streifen den Himmel über Hamburg-Altona färbt, sitzt eine Frau namens Hanna Berg am Küchentisch einer Altbauwohnung in der Max-Brauer-Allee. Der Linoleumboden ist kalt unter den nackten Fußsohlen. Sie trägt einen alten, verwaschenen dunkelolivgrünen Hoodie, dessen Ärmelbund schon lange ausgefranst ist, und eine schwarze Jogginghose, die an den Knien glänzt. Vor ihr dampft eine Tasse Filterkaffee, der viel zu lange gezogen hat – bitter, fast medizinisch. Das ist genau richtig so.
Hanna ist 38, Logopädin in einer kleinen Praxis für Erwachsene mit Aphasie nach Schlaganfällen. Sie hilft Menschen, wieder Worte zu finden, die ihnen plötzlich abhandengekommen sind. Ironischerweise sucht sie seit zwei Jahren selbst nach einem Satz, der nicht zerbricht, sobald sie ihn laut ausspricht.
Heute Nacht hat sie wieder geträumt, sie würde in einem leeren Konzertsaal stehen und das Mikrofon sei ausgeschaltet. Sie hat geschrien, bis die Kehle brannte, und niemand hat es gehört – nicht einmal sie selbst. Als sie aufwachte, lag ihre rechte Hand auf der linken Brustseite, als wollte sie prüfen, ob das Herz noch schlägt. Es schlug. Zu laut, zu schnell, zu gleichgültig.
Sie nimmt einen Schluck Kaffee. Er schmeckt nach Verlegenheit und nach all den Gesprächen, die sie in den letzten Monaten nicht geführt hat.
Inhaltsverzeichnis
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Der unsichtbare Panzer
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Die erste Schicht – Grenzen aus Schweigen
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Die zweite Schicht – Körper als Festungsmauer
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Die dritte Schicht – Gedanken als Wachtürme
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Die vierte Schicht – Werte als Burgfried
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Wann die Festung zur Falle wird
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Irland ruft – Nebel als Spiegel
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Übung 1: Der 90-Sekunden-Check
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Übung 2: Die fremde Stimme
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Übung 3: Der leere Stuhl
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Übung 4: Der Satz, den niemand hören darf
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Die Kunst, verletzbar und unzerstörbar zugleich zu sein
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Abschlussgedanke
Der unsichtbare Panzer
Die meisten Menschen glauben, innere Stärke entstehe durch mehr Selbstbewusstsein, lauteres Auftreten, dickere Haut. Das ist ein weit verbreiteter Irrtum.
Innere Festung entsteht durch bewusste Abwesenheit. Durch das, was du nicht mehr preisgibst. Durch das, was du nicht mehr rechtfertigst. Durch das, was du nicht mehr erklären musst.
Hanna hat das erst verstanden, als sie nach der dritten Absage innerhalb von vier Monaten – allesamt Stellen, für die sie eigentlich überqualifiziert war – nicht mehr geweint hat. Sie saß auf der Couch, starrte auf die Absage-Mail und spürte nur ein leises, fast höfliches „Aha“ in der Brust. Kein Drama. Kein „Warum immer ich?“. Nur die Erkenntnis: Dieser Schmerz gehört jetzt nicht mehr der Welt.
Das war der erste Stein der Mauer.
Die erste Schicht – Grenzen aus Schweigen
Schweigen ist keine Schwäche. Es ist eine Entscheidung.
Wenn du gelernt hast, dass jedes „Warum tust du das?“ eine Falle ist, jedes „Aber ich meine es doch nur gut“ eine Einladung zur Selbstzerstörung, jedes „Du bist so empfindlich“ ein Versuch, dich kleiner zu machen – dann beginnt die erste Schicht.
Du antwortest nicht mehr. Du nickst höflich. Du sagst „Ich habe es gehört“ statt „Du hast recht“. Du lässt das Gegenüber mit seinem Urteil allein im Raum stehen.
In einer Gruppensitzung im vergangenen Herbst fragte eine Kollegin laut in die Runde: „Hanna, findest du nicht auch, dass manche Patienten einfach nur wollen, dass man Mitleid mit ihnen hat?“
Früher hätte Hanna sofort angesetzt, differenziert, erklärt, die neurophysiologischen Grundlagen von Anosognosie skizziert, sich gerechtfertigt.
Stattdessen hob sie nur leicht die Schultern, lächelte schmal und sagte: „Interessanter Gedanke.“
Die Kollegin wartete. Das Schweigen wurde dichter. Unangenehm. Dann ging das Gespräch weiter – ohne dass Hanna noch einmal erwähnt wurde.
Das war kein Sieg. Das war Architektur.
Die zweite Schicht – Körper als Festungsmauer
Der Körper merkt sich alles, was die Psyche verleugnet.
Hanna bemerkte irgendwann, dass sie bei bestimmten Menschen automatisch die Schultern hochzog, als wollte sie ihren Hals schützen. Bei anderen verschränkte sie die Arme so fest, dass die Fingernägel in die Oberarme schnitten. Wieder bei anderen lehnte sie sich so weit zurück, dass der Stuhl gefährlich kippelte.
Sie begann, diese Haltungen bewusst zu beobachten – nicht um sie zu bekämpfen, sondern um sie zu verstehen.
Eines Morgens, bevor sie in die Praxis ging, stellte sie sich nackt vor den großen Spiegel im Flur. Sie betrachtete die leichte Rechtsneigung der Schultern, die sie seit Jahren mit sich trug. Dann richtete sie sich langsam auf, ließ die Schultern fallen, öffnete das Brustbein, atmete tief ein – und hielt die Position genau 17 Sekunden.
In diesen 17 Sekunden fühlte sie sich lächerlich. Verletzlich. Übertrieben. Theatralisch.
Genau deshalb hielt sie sie noch einmal 17 Sekunden.
Am Abend bemerkte sie, dass sie beim Einkaufen in der Schlange zum ersten Mal seit Jahren nicht die Arme verschränkt hatte. Die Kassiererin lächelte sie an. Hanna lächelte zurück. Kein großer Moment. Nur ein kleiner Riss im alten Muster.
Die dritte Schicht – Gedanken als Wachtürme
Gedanken sind keine Wahrheit. Sie sind Besucher.
Manche kommen freundlich, klopfen höflich an, stellen sich vor: „Hallo, ich bin der Gedanke, dass du versagt hast.“ Andere stürmen die Burg, schreien, trampeln, werfen mit alten Erinnerungen um sich.
Die Kunst besteht darin, sie nicht mehr hereinzubitten.
Hanna begann, Gedanken wie Wetterphänomene zu behandeln.
„Da kommt wieder der Sturm von 2019, als ich die Stelle in der Uniklinik nicht bekommen habe.“ → Okay. Er darf durchziehen. Ich schaue ihm nach.
„Da ist der kleine giftige Regen, der sagt, ich sei zu alt für Veränderung.“ → Interessant. Wie lange bleibt er wohl?
Sie spricht nicht mit ihnen. Sie beobachtet sie. Sie gibt ihnen keine Nahrung. Keine Diskussion. Kein „Aber eigentlich…“.
Nach etwa sechs Wochen stellte sie fest, dass viele Gedanken gar nicht mehr hereinkamen. Sie blieben vor dem Tor stehen, schauten kurz, zuckten die Schultern und gingen weiter.
Die vierte Schicht – Werte als Burgfried
Irgendwann reicht Schweigen, Körperhaltung und Gedankenmanagement nicht mehr.
Dann brauchst du einen Kern, der unverhandelbar ist.
Hanna schrieb auf einen Zettel, den sie an den Kühlschrank klebte:
Was ich nie wieder tue:
- mich für die Gefühle anderer entschuldigen
- meine Grenzen erklären
- um Verständnis betteln
- mich kleiner machen, damit andere sich größer fühlen
Was ich immer tue:
- meine Energie schützen
- klar sagen, was ich brauche (oder eben nicht sagen)
- Menschen wählen, die mich nicht umdeuten müssen
- mir selbst die Würde geben, die ich früher von anderen erbeten habe
Der Zettel hing dort drei Monate. Dann nahm sie ihn ab – nicht weil er nicht mehr stimmte, sondern weil er inzwischen in ihr war.
Wann die Festung zur Falle wird
Eine uneinnehmbare Festung kann auch ein Gefängnis sein.
Hanna spürte das, als sie eines Abends allein in der Wohnung saß, das Handy auf lautlos, niemandem antworten wollte – und plötzlich Panik bekam.
„Wenn ich niemanden mehr brauche, brauche ich dann noch jemanden?“
Die Antwort war unbequem: Ja. Aber anders.
Nicht aus Mangel. Nicht aus Angst vor dem Alleinsein. Sondern aus Wunsch.
Sie begann, Menschen wieder näher kommen zu lassen – aber nur die, die respektvoll vor den Mauern stehen blieben und nicht versuchten, sie zu stürmen.
Irland ruft – Nebel als Spiegel
Im letzten Sommer fuhr Hanna für zehn Tage nach Irland. Kein Wellness-Retreat, kein Yoga-Workshop. Einfach ein kleines Cottage in der Nähe von Doolin, Blick auf die Cliffs of Moher.
Der Nebel kam jeden Morgen pünktlich um halb acht. Dick, feucht, fast greifbar. Man sah die Hand vor Augen kaum.
Hanna saß auf der kleinen Bank vor dem Haus, eine Tasse starken Schwarztee in den Händen (kein Kaffee – der wäre hier Verrat gewesen), und schaute in die milchige Wand.
Irgendwann verstand sie: Der Nebel war nicht das Problem. Er war der Spiegel.
Alles, was sie sonst mit Kontrolle, Klarheit und Abwehr fernhielt, war plötzlich direkt vor ihr – unscharf, diffus, unmöglich zu bekämpfen.
Sie weinte nicht. Sie lachte leise. Ein kurzes, überraschtes Lachen.
Dann sprach sie laut in den Nebel hinein: „Ich bin hier. Und ich bleibe hier. Auch wenn ich gerade nichts sehe.“
Der Nebel antwortete nicht. Aber er lichtete sich gegen Mittag. Wie immer.
Übung 1: Der 90-Sekunden-Check
Setz dich hin. Leg die Hände auf die Oberschenkel. Atme dreimal tief.
Frag dich: „Was will gerade jemand von mir, das ich nicht geben möchte?“
Warte 90 Sekunden. Keine Antwort erzwingen. Einfach warten.
Meistens kommt die Antwort von selbst – als leises Ziehen im Zwerchfell, als Wärme im Gesicht, als plötzliches Bedürfnis, die Schultern hochzuziehen.
Wenn sie kommt: nicke innerlich. Dann sag (laut oder stumm): „Nein. Das mache ich nicht mehr.“
Das war’s. Keine große Diskussion. Keine Rechtfertigung. Nur ein Satz.
Übung 2: Die fremde Stimme
Nimm ein Blatt Papier.
Schreib oben hin: „Die Stimme, die ich heute nicht mehr hören muss“
Dann schreib alles auf, was du dir in den letzten 48 Stunden selbst gesagt hast – in dem Ton, in dem andere früher mit dir gesprochen haben.
Beispiel: „Du bist wieder zu langsam.“ „Kein Wunder, dass dich niemand nimmt.“ „Du übertreibst schon wieder.“
Lies die Sätze laut vor – aber in der dritten Person.
„Hanna ist wieder zu langsam.“ „Kein Wunder, dass Hanna niemand nimmt.“
Hör genau hin. Spür, wie fremd diese Stimme plötzlich klingt.
Dann falte das Blatt zusammen. Leg es in eine Schublade. Du musst es nicht verbrennen. Du musst es nur aus dem Mund nehmen.
Übung 3: Der leere Stuhl
Stell einen Stuhl gegenüber.
Setz dich hin.
Sag laut: „Ich lasse dich jetzt herein – aber nur unter einer Bedingung: Du darfst bleiben, solange du mich respektierst.“
Dann warte.
Manche Menschen spüren sofort, wer sich auf den Stuhl setzen will: ein Ex-Partner, eine Mutter, ein ehemaliger Chef, das frühere Ich.
Sobald die Person „da“ ist, sag: „Ich sehe dich. Ich höre dich. Und ich entscheide jetzt selbst, wie viel Platz du bekommst.“
Dann steh auf. Dreh den Stuhl zur Seite. Geh aus dem Zimmer.
Die Geste ist mächtiger als jedes Gespräch.
Übung 4: Der Satz, den niemand hören darf
Such dir einen Satz, den du noch nie laut gesagt hast.
Er darf hässlich sein. Verletzlich. Beschämend. Wütend. Zart.
Beispiel: „Ich hasse es, dass ich immer noch auf deine Anerkennung warte.“ „Ich habe Angst, dass ich eigentlich gar nicht liebenswert bin.“ „Ich bin so müde davon, stark zu sein.“
Geh an einen Ort, an dem dich wirklich niemand hört: Auto, Wald, leeres Treppenhaus, Keller.
Schrei den Satz. Einmal. Zweimal. So oft, bis die Stimme bricht.
Danach atme. Spür, wie sich der Brustkorb weitet.
Dieser Satz gehört jetzt dir allein. Niemand kann ihn mehr gegen dich verwenden.
Die Kunst, verletzbar und unzerstörbar zugleich zu sein
Die wahre Festung ist keine Burg aus Stein. Sie ist ein Raum aus atmender Stille.
Du lässt zu, dass Wind hindurchzieht. Du lässt zu, dass Regen die Mauern dunkel färbt. Du lässt zu, dass Sonnenlicht die Fenster aufleuchten lässt.
Aber du lässt nicht mehr zu, dass jemand mit Stiefeln durch dein Herz läuft.
Hanna sitzt wieder am Küchentisch. Es ist inzwischen hell. Der Kaffee ist kalt geworden.
Sie nimmt das Handy, öffnet die Nachrichten-App, tippt drei Worte an eine Freundin, die sie seit Monaten nicht gesehen hat:
„Lust auf einen Spaziergang?“
Sie drückt Senden.
Dann lehnt sie sich zurück, schließt die Augen und spürt zum ersten Mal seit langer Zeit, dass die Stille in ihr nicht leer ist.
Sie ist voll. Voll von ihr selbst.
Hat dir der Text etwas bewegt? Schreib mir gern in die Kommentare: Welchen Satz hast du heute schon für dich behalten – und wie hat sich das angefühlt?
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg
Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook
Willkommen auf meiner Seite – und in deiner Erfolgsgeschichte.

Alles, was du liebst, wird vergehen.
Menschen. Momente. Gefühle.
Auch du.
Niemand sagt dir das gern ins Gesicht.
Aber dein Leben ist kein unendlicher Raum.
Es ist ein Countdown.
Rein rechnerisch hast du etwa 625.000 bis 700.000 Stunden auf dieser Welt.
Nicht mehr. Nicht weniger.
Ein Großteil davon verschwindet im Schlaf.
Ein weiterer Teil in Terminen, Pflichten, Ablenkung.
Und plötzlich stehst du da und denkst:
Wo ist all die Zeit geblieben?
Das Licht wird nicht langsam dunkler.
Es geht einfach aus.
Genau deshalb ist Zeit das Wertvollste, was du besitzt –
und gleichzeitig das, was die meisten Menschen am achtlosesten verlieren.
Alles, was du liebst, ist endlich.
Darum ist „später“ eine gefährliche Lüge.
Nicht irgendwann.
Nicht wenn es ruhiger wird.
Nicht wenn du mehr Zeit hast.
Jetzt.
Heute.
In diesem Moment.
erfolgsebook.com existiert aus genau einem Grund:
Dir zu helfen, aus begrenzter Lebenszeit ein bewusstes Leben zu machen.
Nicht mit Druck.
Nicht mit leeren Parolen.
Sondern mit Klarheit.
Impulse, die dir zeigen:
– warum Genuss ohne Richtung dich leer zurücklässt
– warum Erfolg ohne Sinn dich trotzdem müde macht
– und wie aus bloßer Existenz ein Leben mit Tiefe wird
Keine Theorien.
Keine Motivationsfloskeln.
Sondern Gedanken, die dich dein Leben neu sehen lassen.
Viele Leser sagen danach:
„Ich renne meiner Zeit nicht mehr hinterher.
Ich entscheide, wofür ich sie einsetze.“
Und dann kommt der Satz, den niemand je hören wollte –
aber fast jeder irgendwann fühlt:
Eines Tages wachst du auf –
und es gibt kein ‚später‘ mehr für das,
was dir wirklich wichtig war.
Wenn du begreifst, dass du nur dieses eine Leben hast,
willst du nicht länger funktionieren.
Du willst fühlen.
Erleben.
Spuren hinterlassen – in deinem Herzen und in dem der Menschen, die du liebst.
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Sondern aus Respekt vor deiner Zeit.
Du kannst deine Stunden nicht vermehren.
Aber du kannst entscheiden,
dass sie Bedeutung haben.
Jede einzelne.
