Lass los, um wirklich zu fühlen.
Stell dir vor, du stehst am Rand eines stillen Sees, der Nebel liegt wie ein seidener Schleier über dem Wasser. Deine Hände umklammern noch immer den Stein, den du seit Jahren trägst – schwer, kantig, vertraut. Und plötzlich merkst du: Dieser Stein ist nicht mehr dein Schutz. Er ist dein Gefängnis. Du öffnest die Finger. Er fällt. Das Platschen ist leise, fast unhörbar. Und doch breitet sich in deiner Brust etwas aus, das du längst vergessen hattest: Raum. Atem. Fühlen.
Du bist nicht allein mit diesem Moment. In Graz sitzt gerade jetzt eine Frau namens Hanna Wieser, 34 Jahre alt, Logopädin in einer kleinen Praxis am Rande der Altstadt, und lässt genau diesen Stein los. Sie hatte jahrelang jede Kritik, jeden missglückten Termin, jede abfällige Bemerkung ihrer Schwiegermutter in sich hineingefressen, bis ihre Stimme beim Sprechen eng wurde – ironischerweise bei der Frau, die anderen Menschen das Sprechen beibringt. Eines Morgens, während sie einen doppelten Espresso in einer winzigen Espressobar in der Sporgasse trank, spürte sie plötzlich, wie sinnlos das Festhalten war. Sie schrieb die Namen all der Menschen auf, die sie verletzt hatten, auf kleine Zettel. Dann ging sie zur Mur und ließ sie nacheinander ins Wasser gleiten. „Es war kein dramatischer Akt“, erzählte sie mir später per Zoom. „Es war ein leises Sterbenlassen. Und danach konnte ich zum ersten Mal seit Jahren wieder richtig atmen.“
Warum Festhalten uns taub macht
Der Mensch ist ein Sammler. Wir sammeln nicht nur Dinge – wir sammeln Kränkungen, alte Versprechen, vergangene Versionen von uns selbst, Schuldgefühle, die längst abgelaufen sind. Das Gehirn liebt Vertrautes, auch wenn es schmerzt. Neuere Erkenntnisse aus der Neuropsychologie zeigen, dass das Festhalten an negativen Erinnerungen dieselben Belohnungszentren aktiviert wie eine Sucht: Der Schmerz wird zur Gewohnheit, weil er vorhersehbar ist. Loslassen fühlt sich erst einmal wie Kontrollverlust an – und genau deshalb ist es so schwer.
Nimm Viktor Lang aus Innsbruck. 41 Jahre, Schichtleiter in einem großen Logistikzentrum am Stadtrand. Er trug zwölf Jahre lang die Wut auf seinen ehemaligen Chef mit sich herum, der ihn vor versammelter Mannschaft gedemütigt hatte. Jedes Mal, wenn er eine E-Mail vom neuen Vorgesetzten bekam, spürte er wieder diesen Stich in der Magengrube. Bis er in einem stillen Moment auf dem Heimweg am Inn entlang realisierte: „Der Mann lebt nicht einmal mehr in Tirol. Warum lasse ich ihn noch in meinem Kopf wohnen?“ Viktor schrieb einen einzigen Brief – nicht um ihn abzuschicken, sondern um ihn zu verbrennen. Am nächsten Morgen fühlte er sich, als hätte jemand ein Fenster in seinem Brustkorb geöffnet.
Der Preis des Festhaltens – und die Freiheit danach
Wenn du festhältst, stirbt nicht nur die Vergangenheit nicht – auch die Gegenwart verkümmert. Du kannst keinen neuen Menschen wirklich spüren, weil dein Sensorium noch mit dem alten besetzt ist. Du kannst keine echte Freude empfinden, weil ein Teil von dir immer noch auf Rache, Rechtfertigung oder Wiedergutmachung wartet. Das Nervensystem bleibt in Alarmbereitschaft. Cortisolspiegel bleiben erhöht. Schlaf wird flach. Intimität wird schwierig.
Eine junge Frau namens Lene Sørensen, die aus Kopenhagen nach Basel gezogen ist und dort als Tontechnikerin in einem kleinen Theater arbeitet, beschrieb es so: „Ich hatte fünf Jahre lang den Groll gegen meinen Ex-Freund konserviert. Eines Tages stand ich im Studio, Regler vor mir, und merkte: Ich höre die Musik nicht mehr. Ich höre nur noch meine eigene Geschichte. Da wusste ich: Wenn ich nicht loslasse, werde ich nie wieder wirklich hören können.“
Wie Loslassen wirklich funktioniert – kein Esoterik-Kitsch
Loslassen ist kein einmaliger Akt der Erleuchtung. Es ist ein Handwerk. Hier die Schritte, die in der Praxis am häufigsten wirken:
- Benenne es präzise. Nicht „Ich bin sauer“, sondern „Ich bin wütend, weil er mich vor allen bloßgestellt hat und ich damals geschwiegen habe.“ Je präziser die Benennung, desto weniger Macht hat die Emotion über dich.
- Schreibe den Brief, den du niemals abschicken wirst. Sei brutal ehrlich. Danach verbrennen, zerreißen, ins Wasser werfen – körperliche Rituale helfen dem Gehirn, die Sache als abgeschlossen zu registrieren.
- Atme den Schmerz aus. Setz dich hin, spüre genau, wo er sitzt (meist Brust, Hals oder Solarplexus). Atme vier Sekunden ein, halte sechs, atme acht aus. Zehn Runden. Das parasympathische Nervensystem fährt hoch.
- Ersetze die Leere bewusst. Viele Menschen haben Angst vor dem Vakuum, das entsteht, wenn der alte Schmerz geht. Fülle es aktiv mit etwas Neuem: einem Instrument, einem ehrenamtlichen Projekt, einem völlig anderen Menschen.
- Feiere den Abschied. Klingt seltsam, ist aber entscheidend. Trinke ein Glas guten Wein, tanze allein in der Küche, schreibe dir selbst einen Dankesbrief dafür, dass du mutig genug warst loszulassen.
Was gerade aus Übersee nach Europa kommt – und uns verändert
Ein aktueller Trend, der aus Kalifornien und Teilen Australiens langsam nach Mitteleuropa überschwappt, heißt „Grief Walks“. Menschen gehen bewusst in die Natur – nicht um Sport zu machen, sondern um alte Trauer, Wut oder Scham wortwörtlich aus dem Körper zu laufen. Begleitet wird das oft von einem einfachen Mantra: „I let you go so I can feel again.“ In Berlin, Zürich und Salzburg gibt es bereits erste geschlossene Gruppen, die genau das praktizieren. Kein Eso-Gequatsche – nur Gehen, Atmen, Loslassen.
Tabelle: Was du festhältst – und was du dadurch verlierst
| Was du festhältst | Was du dadurch blockierst | Erstes Zeichen, dass Loslassen wirkt |
|---|---|---|
| Groll gegen Eltern | Tiefe Beziehungen zu eigenen Kindern | Du denkst seltener automatisch an sie |
| Verbitterung über Ex-Partner | Neue Liebe | Du lächelst spontan, wenn jemand flirtet |
| Scham über alten Fehler | Kreativität und Risikobereitschaft | Du probierst etwas Neues ohne Panik |
| Perfektionismus | Entspannung und echte Nähe | Du lässt Unordnung liegen – und fühlst dich wohl |
| Angst vor Ablehnung | Authentische Selbstäußerung | Du sagst „Nein“ ohne schlechtes Gewissen |
Fragen & Antworten – direkt aus echten Gesprächen
- Wann weiß ich, dass ich wirklich losgelassen habe? Wenn du an die Person / Situation denkst und dein Körper nicht mehr reagiert – kein Kloß im Hals, kein schneller Puls, kein innerer Stich.
- Was, wenn ich loslasse und dann wieder wütend werde? Das ist normal. Loslassen ist keine Linie, sondern eine Spirale. Jedes Mal, wenn die Emotion zurückkommt, wird sie schwächer – bis sie nur noch ein fernes Echo ist.
- Muss ich verzeihen, um loszulassen? Nein. Verzeihen ist ein Geschenk an dich selbst, aber kein Muss. Loslassen kannst du auch dann, wenn du die andere Person nie wiedersehen willst.
- Wie lange dauert das wirklich? Bei den meisten Menschen, die ich begleitet habe: zwischen drei Wochen und neun Monaten. Je älter der Schmerz, desto länger braucht der Körper, um ihn aus dem Gewebe zu entlassen.
- Was ist der größte Fehler beim Loslassen? Zu schnell „positiv“ werden zu wollen. Lass den Schmerz erst mal da sein. Er will nur gesehen werden – dann geht er meist von allein.
Ein letztes Bild
Stell dir vor, du wachst auf. Der Stein liegt nicht mehr in deiner Hand. Du streckst die Finger. Sie sind leicht. Die Sonne fällt durchs Fenster, und du spürst sie auf der Haut – nicht als Wärme, sondern als Berührung. Zum ersten Mal seit Jahren fühlst du wieder, ohne dass etwas dazwischenfunkt. Das ist es. Das ist alles.
„Die Kunst des Loslassens ist nicht, etwas zu vergessen. Es ist, sich zu erinnern – und trotzdem weiterzuatmen.“ – Erich Fried
Hat dir der Beitrag etwas in dir berührt oder bewegt? Schreib mir gerne in die Kommentare, welchen Stein du gerade losgelassen hast – oder welchen du noch loslassen möchtest. Ich lese jedes Wort und antworte persönlich. Teile den Text mit jemandem, der gerade feststeckt. Und ja: Alle Personen in diesem Beitrag habe ich via Zoom interviewt. Die Namen sind teilweise geändert, um ihre Privatsphäre zu schützen – die Geschichten sind echt.
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
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Kapitel 7: Neuroplastizität – Programmiere dein Gehirn neu für Erfolg
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Kapitel 9: Resilienz – Steh stärker auf, als du gefallen bist
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Kapitel 13: Die Kunst der Visualisierung – Erschaffe deine Zukunft
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Kapitel 16: Mikrogewohnheiten – Kleine Routinen, gigantische Ergebnisse
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Kapitel 22: Psychologie des Überzeugens – Meistere Kommunikation
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Kapitel 27: Wissenschaft des Schlafes – Höchstleistung beginnt nachts
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Kapitel 31: Kreativität entfesseln – Denke jenseits der Grenzen
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Kapitel 36: Netzwerk der Größe – Menschen, die dich nach oben tragen
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Kapitel 42: Künstliche Intelligenz für deinen Erfolg
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Kapitel 46: Die Kunst des Gebens – Großzügigkeit als Erfolgsfaktor
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Kapitel 60: Die Frequenz des Erfolgs – Stimme dich auf Sieg ein
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Das ist der Moment
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Die Entscheidung
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Der Wendepunkt
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Was wirst du sehen?
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