Kapitel 68: Das Geheimnis der Belagerung
Die Sonne stand tief am Horizont, ihre blutroten Strahlen flossen über das weite Land, als Lyra, Kai und Solan sich mit den anderen Kriegern auf das bevorstehende Schlachtfeld zubewegten. Der Wind wehte sanft, doch die Luft war geladen mit einer fremden, bedrohlichen Energie, die den bevorstehenden Kampf unheilvoll ankündigte.
„Wir sind zu spät“, flüsterte Solan und sah zur Stadt Tyros hinüber, deren massive Mauern sich gegen den Horizont erhoben. „Die Dunkelheit hat bereits Fuß gefasst. Diese Stadt hat mehr als einmal geblutet.“
Lyra blickte auf den weitläufigen Hafen von Tyros. „Es ist nicht das erste Mal, dass wir hier sind“, sagte sie nachdenklich. „Wir haben diese Stadt schon einmal gesehen – aber jetzt… sieht sie anders aus. Dunkler.“
„Nicht nur Tyros“, sagte Kai mit grimmigem Blick. „Das ganze Land wird von der Dunkelheit verschlungen. Und der Tempel von Ysmir…“
„Ja“, unterbrach Solan ihn, „der Tempel von Ysmir. Das ist unser Ziel. Nur dort können wir die Zeitenwelle kontrollieren und die Dunkelheit besiegen. Aber der Weg dorthin führt uns direkt durch das Herz dieser Schlacht.“
Das Heer Alexanders des Großen marschierte an ihnen vorbei, und Lyra konnte die Entschlossenheit in seinen Augen sehen. Der Eroberer, der die Welt erobert hatte, war nun selbst auf der Suche nach einer Lösung für diese dunklen Mächte, die selbst er nicht kannte.
„Es ist nicht nur ein Kampf um Tyros“, sagte Alexander, als er auf sie zutrat. „Es ist ein Kampf um das ganze Reich. Und wenn wir diese Stadt nicht halten können, wird der gesamte Osten fallen.“
Doch bevor sie weiterreden konnten, ertönte ein dröhnendes Krachen, als die Mauern der Stadt von den ersten Katapulten der Belagerer erschüttert wurden. Die Dunkelheit hatte längst die Belagerer erfasst, und unter den angreifenden Truppen waren Wesen, die nicht aus dieser Welt stammten – schwarze Schatten, die aus den dunklen Rissen in der Erde krochen, mit Augen so rot wie Blut.
„Sie kommen“, sagte Solan, und in seiner Stimme lag ein Hauch von Verzweiflung. „Die Dunkelheit hat die Angreifer korrumpiert. Diese Wesen – sie sind nicht mehr nur Krieger. Sie sind die Hülle von Mephos’ Macht.“
„Dann müssen wir schneller sein“, erwiderte Lyra, die das Schwert in der Hand fester umklammerte. „Und wir müssen mehr tun als kämpfen. Wir müssen den Tempel erreichen.“
Die Gruppe bewegte sich weiter in die Nähe der Stadt, als sie plötzlich von einer anderen Gestalt angesprochen wurden – eine junge Frau, die aus den Schatten trat. Ihre Haut schimmerte im Dämmerlicht, und ihre Augen waren wie die eines Raubtiers.
„Myria Dunkelmond“, sagte sie, als sie vor ihnen stand. „Die Herrin der Nebel. Ihr kommt zu spät, aber ich kann euch helfen. Doch der Preis wird hoch sein.“
„Was meinst du?“ fragte Lyra misstrauisch und trat einen Schritt vor.
„Die Dunkelheit ist nicht nur in Tyros“, erklärte Myria, ihre Stimme weich, doch durchzogen von einer unsichtbaren Macht. „Sie hat die Städte, die Reiche, ja, sogar die Götter selbst beeinflusst. Wenn ihr die Dunkelheit besiegen wollt, müsst ihr nicht nur Tyros retten. Ihr müsst das Herz dieser Dunkelheit erreichen.“
„Wo ist es?“, fragte Kai, und seine Hand glitt zu seinem Schwert.
„In den Kristallhöhlen von Agramar“, sagte Myria mit einem finsteren Lächeln. „Dort liegt der Ursprung der Dunkelheit. Der Schlüssel, um die Zeitenwelle zu nutzen, der Ort, an dem die Macht von Mephos zu einer monströsen Waffe wird. Doch der Weg dorthin führt uns durch ein Land, das von Göttern und Kriegern gleichermaßen verheert wurde.“
„Die Kristallhöhlen von Agramar?“, murmelte Solan, als er nachdenklich an die alten Texte dachte. „Ein Ort, von dem nur Legenden erzählen. Ein Ort, an dem die Geister der Verstorbenen gefangen sind.“
„Genau“, antwortete Myria. „Dort müsst ihr hin. Und der Weg dorthin führt durch das Reich der Agari, die Wächter des Ätherischen Strandes. Nur sie können euch den Weg öffnen.“
„Das ist ein weiter Weg“, sagte Seraphine, die Visionärin, während sie in die Ferne blickte. „Und ich habe ein Bild vor mir – etwas, das nicht richtig ist. Etwas, das uns in die Falle locken will.“
„Du hast Visionen der Zukunft, aber das Schicksal lässt sich nicht immer lenken“, erwiderte Lyra. „Wir haben keine Wahl. Wir müssen handeln.“
Die Gruppe setzte sich in Bewegung, die Truppen Alexanders teilten sich, um die Mauern von Tyros zu verteidigen, während Lyra, Kai und die anderen mit Myria an ihrer Seite ihren eigenen Weg nahmen. Die Dunkelheit war überall. Sie konnte sie spüren, in der Luft, in den Schatten, die sich entlang der Straßen und Mauern schlichen.
„Vor uns liegt der Weg der Agari“, sagte Myria, als sie in die Ferne blickte. „Und dahinter das Reich der Nighthara – ein Volk von Schattenkriegern, die mit den Mächten der Dunkelheit verbündet sind. Ihr werdet sie nicht leicht besiegen.“
„Wir haben schon schlimmeres überlebt“, sagte Kai und grinste düster. „Wir müssen nur wissen, wo wir zuschlagen.“
Doch als sie sich dem Ätherischen Strand näherten, änderte sich die Atmosphäre erneut. Die Luft fühlte sich schwer und fließend an, als ob die Realität selbst in diesem Moment zusammenbrach. Der Ätherische Strand war der geheimnisvolle Ort, an dem die Grenze zwischen der materiellen Welt und der Inneren Welt verschwamm. Es war ein Ort, an dem Zeit und Raum nicht mehr galten.
„Was ist hier geschehen?“, fragte Lyra, als sie auf den mystischen Strand blickte. Die Wellen, die an den Ufern brachen, schimmerten in unnatürlichen Farben.
„Die Dunkelheit hat den Strand verändert“, sagte Myria mit einem Blick, der die Verwirrung und die Gefahr verstand. „Früher war dies ein Ort der Heilung, des Friedens. Doch jetzt… es ist ein Ort des Chaos.“
„Der Tempel von Ysmir… ist er auch verändert worden?“, fragte Solan nachdenklich.
„Der Tempel von Ysmir hat sich immer wieder verändert, je nach dem Zustand der Zeit“, antwortete Myria. „Er ist die Quelle der Balance – aber nur, wenn er in den richtigen Momenten aktiviert wird. Jetzt aber… ich spüre, dass er von den dunklen Mächten korrumpiert wurde. Doch auch die Götter haben ihre Pläne. Und das Schicksal kann von hier aus noch gerettet werden.“
„Dann lasst uns keine Zeit verlieren“, sagte Lyra, die das Schwert fester umklammerte. „Wir müssen vorwärts, wenn wir die Dunkelheit besiegen wollen.“
Mit diesem Entschluss setzten sie ihren Weg fort, die Dunkelheit lauerte überall, doch sie wussten, dass ihre Reise nicht nur eine Reise durch Raum war – es war auch eine Reise durch die Epochen und das Schicksal selbst. Und der Tempel von Ysmir war der Schlüssel, der alles verändern konnte. Doch sie mussten erst durch das Reich der Agari, durch das Land der Nighthara, und viele Gefahren überwinden, um ihren wahren Gegner zu erreichen: Mephos, den Dunklen Regent.
Und während sie sich auf den Ätherischen Strand zubewegten, wusste Lyra, dass sie sich nicht nur der Dunkelheit stellen mussten – sondern auch den Geheimnissen der Zeit, die in ihren Händen lagen.