Kapitel 67: Der Ruf der Sterne
Der Boden unter ihren Füßen bebte, als die Dunkelheit, die Mephos in seine monströse Form gezwungen hatte, die Gruppe umhüllte. Sie spürten, wie die Luft sich verdichtete, als ob selbst die Zeit, die sie durchzogen, nun im festen Griff der Finsternis lag. Lyra hielt ihr Schwert fest in der Hand und blickte mit scharfem Blick in die Dunkelheit, die sich wie ein undurchdringlicher Schleier um sie legte.
„Wir sind zu spät“, flüsterte Solan. „Die Dunkelheit hat sich hier schon längst eingenistet. Was wir hier sehen, ist nur ein Schatten dessen, was noch kommen wird.“
„Dann müssen wir diesen Schatten besiegen“, erwiderte Kai mit fester Stimme, sein Schwert blitzte im trüben Licht, das die Dunkelheit durchbrach. „Wir haben schon schlimmeres überlebt.“
Der Wind heulte wie ein wütendes Tier, als die Gruppe vorwärts trieb. Alexander der Große, der unerschütterlich an ihrer Seite kämpfte, blickte auf das Schlachtfeld, das einst von glorreichen Schlachten und Siegen geprägt war, nun jedoch ein dunkles Echo der Geschichte darstellte.
„Die Dunkelheit wird uns alle verschlingen, wenn wir nicht handeln“, sagte Alexander mit einem Ausdruck, der mehr als nur Kriegserfahrung verriet. Es war das Wissen, dass alles, was er erreicht hatte, im Angesicht dieser neuen Bedrohung bedeutungslos war. „Doch es gibt einen Ort, der uns Hoffnung geben könnte – der Tempel von Ysmir. Nur dort kann das Gleichgewicht wiederhergestellt werden.“
Lyra nickte, ohne ein Wort zu sagen. Sie hatte den Tempel von Ysmir schon einmal gesehen, doch er war damals etwas anderes gewesen. Mystisch, erhaben, ja, fast heilig in seiner Ausstrahlung. Doch heute, im Angesicht der Dunkelheit, spürte sie, dass dieser Ort noch mehr war. Ein Schlüssel, der die Zeit selbst beeinflussen konnte.
„Der Weg zum Tempel ist lang“, sagte Seraphine, ihre Stimme hallte durch die kühle Luft. „Und der Weg wird uns nicht nur durch das Schlachtfeld führen. Wir müssen uns der Vergangenheit stellen, um die Zukunft zu retten.“
Die Gruppe folgte den Anweisungen von Solan, der tief in den geheimen Schriften des Altertums versunken war. Er murmelte immer wieder Worte, die wie ein altes Zauberwort klangen, das sie durch die Zeit führen würde. „Die Zeitenwelle… die Wellen des Schicksals…“
„Die Zeitenwelle?“ fragte Lyra und warf ihm einen fragenden Blick zu.
„Es ist das Artefakt, das wir immer bei uns tragen“, sagte Solan. „Es ist nicht nur ein Artefakt. Es ist ein Schlüssel. Ein Schlüssel, der uns in die tiefsten Geheimnisse der Geschichte führt. Doch auch die Dunkelheit ist darauf aufmerksam geworden.“
Gerade als er das sagte, flackerte die Luft vor ihnen und ein Riss bildete sich, der die Gruppe in die Tiefen der Zeit zog. Der Schmerz war überwältigend, als die Welt um sie herum in ein bizarres Licht gehüllt wurde, das alles und nichts zugleich war.
Als die Gruppe den Fall aus der Zeit beendete, standen sie auf festem Boden – jedoch nicht in der Gegenwart. Sie hatten eine andere Epoche erreicht. Die Sonne schien niedrig am Horizont, ihre roten Strahlen warfen lange Schatten auf den Boden. Das war das Jahr 332 v. Chr., und sie standen vor einer der größten Herausforderungen, die die Welt je gesehen hatte: Die Belagerung von Tyros, einem der mächtigsten Städte der Antike.
„Tyros… ich habe diese Stadt in alten Schriften gesehen“, murmelte Solan. „Ein Ort, der mit Blut getränkt wurde und in den Wellen der Geschichte unterging. Aber hier, in diesem Moment, können wir noch etwas ändern.“
Der Anführer der Gruppe war immer noch Alexander der Große, doch diesmal war die Bedrohung noch größer als damals. Die Dunkelheit hatte nicht nur Mephos erschaffen, sondern auch die Zivilisationen selbst korrumpiert. Jeder Schritt, den sie auf dieser Erde setzten, könnte das Schicksal für immer verändern.
„Es ist Zeit“, sagte Alexander entschlossen. „Die Belagerung von Tyros wird uns nicht aufhalten. Die Dunkelheit kann nicht siegen. Wir müssen diese Stadt verteidigen, um die Zeit zu retten.“
Mit einem entschlossenen Nicken schlossen sich Lyra, Kai, Seraphine und die anderen der Armee des großen Eroberers an. Ihre Kleidung hatte sich längst der Epoche angepasst: Lyra trug nun eine schwere Rüstung aus Bronze, die mit feinen Details verziert war, die an den Glanz der alten griechischen Helden erinnerten. Ihr Schwert war scharf, der Schild, der ihren Rücken schützte, trug das Symbol der Achäer – ein altes Zeichen des Widerstands gegen die Dunkelheit.
Kai hatte seine Lederumhänge abgelegt und trug nun die schwere Rüstung eines griechischen Kriegers. Die Rüstung schien fast mit seiner Haut verbunden zu sein, als ob sie das Fleisch selbst schützte. Auf seinem Rücken war das Schwert, das er im Obsidianwald von Mephos erlangt hatte – der dunkle Klingenstahl, der mehr als nur eine Waffe war. Sie war ein Teil von ihm geworden.
„Die Belagerung von Tyros… was wird sich ändern?“ fragte Seraphine, während sie die weite Landschaft betrachtete, in der die Mauern der Stadt in der Ferne zu sehen waren. „Wir sind in einem Moment der Geschichte, der für die Zukunft entscheidend ist. Der Kampf wird nicht nur hier geführt werden.“
„Es geht nicht nur um Tyros“, sagte Solan, „es geht um die Entscheidung der Welt. Wenn wir diese Stadt nicht retten, wird die Dunkelheit noch mehr Boden gewinnen. Und die Götter… die Götter werden sich gegen uns wenden.“
„Lass uns nicht darüber nachdenken“, sagte Lyra mit einem entschlossenen Blick. „Wir kämpfen für das, was richtig ist. Für die Zukunft.“
Das Heer setzte sich in Bewegung. Doch als sie näher an die Stadt herantraten, spürten sie etwas anderes. Der Himmel war von dunklen Wolken verhangen, und die Luft war schwer von der Präsenz der Dunkelheit, die wie ein Nebel über alles kroch.
„Es ist zu spät“, sagte Myria Dunkelmond, die plötzlich aus den Schatten trat. Ihre Augen glänzten im schwachen Licht. „Der Feind hat bereits die Mauern von Tyros durchbrochen. Doch nicht nur die Stadt steht auf dem Spiel. Es ist das ganze Schicksal der Welt, das hier entschieden wird.“
„Myria…“, begann Lyra, doch die Dunkelheitsmagierin hielt die Hand hoch, um sie zum Schweigen zu bringen.
„Die Dunkelheit ist nicht nur in Tyros. Sie ist in allen Ecken der Welt, in allen Epochen. Doch hier, in dieser entscheidenden Stunde, können wir die Wende herbeiführen. Aber nicht ohne Opfer.“
Mit einem erneuten Blick auf den Horizont wusste Lyra, dass dies nicht der letzte Kampf war. Es war nur der Beginn. Doch sie war bereit, alles zu geben. Denn das Schicksal der Welt lag in ihren Händen.
„Für die Zukunft“, flüsterte sie und zog ihr Schwert.