Kapitel 48: Das Erwachen der Wellen
Lyra spürte das vertraute, aber jetzt intensivere Vibrieren des Kristalls in ihrem Armband, als sie einen Schritt nach dem anderen in die Dunkelheit der Kristallhöhlen von Agramar setzte. Die Wände, die einst in einem schimmernden Blau erstrahlt hatten, waren jetzt von einem seltsamen, grauen Licht durchzogen, das an die Träume von längst Vergangenem erinnerte. „Die Höhlen sind nicht mehr, was sie waren“, murmelte Seraphine und zog den Mantel enger um ihre Schultern. „Die Zeit hat sie verändert, ebenso wie uns.“
Die Gruppe bewegte sich weiter, und Myria, mit ihren fähigen Händen die Nebel der Höhlen beherrschend, bahnte sich einen klaren Weg. „Die Dunkelheit ist tiefer geworden. Nicht nur der Ort hat sich verändert, sondern auch die Welt selbst. Etwas anderes hat hier seinen Ursprung genommen, und wir sind nun Zeugen eines neuen Zeitalters.“
„Vielleicht ist es nicht nur der Ort“, sagte Sira nachdenklich, „vielleicht ist es die Zeit selbst, die sich uns entfaltet.“ Sie klang wie eine Gelehrte, die das Mysterium eines alten Textes entschlüsselte, als sie eine Hand auf die zerklüfteten Felsen legte, die ihre Wände schmückten.
„Es ist die Zeitenwelle“, antwortete Lyra. Sie drehte sich um, der Blick auf ihren Gefährten fiel. „Was wir jetzt erleben, ist ein direkter Einfluss des Onmifaktums. Die Zeit ist… zerbrechlich geworden. Sie verläuft nicht mehr linear, sondern breitet sich aus wie die Wellen eines ruhigen Ozeans, die mal mehr, mal weniger intensiv sind. Wir müssen mit dem Fluss der Wellen leben, uns von ihm tragen lassen, wenn wir verstehen wollen, wie es weitergeht.“
„Also ist das, was wir hier sehen, das Echo einer anderen Zeit?“ fragte Seraphine, ihre Augen leuchteten im flimmernden Licht der Kristalle.
„Ja“, bestätigte Lyra. „Der Vergessene Garten von Sahran ist nur ein Teil des Ganzen. Der wahre Ursprung dieser Reise liegt in den Wellen der Zeit, die sich von diesem Punkt aus erstrecken. In einer anderen Ära, vor Äonen, habe ich denselben Ort betreten, und ich habe es gespürt… die Entscheidung, die wir hier treffen müssen, wird den Lauf der Geschichte beeinflussen.“
„Aber wie?“, fragte Solan, der neben ihr ging, die Hände locker an den Hüften. „Wie können wir sicher sein, dass wir die richtige Entscheidung treffen?“
„Indem wir uns der Wahrheit stellen“, sagte Lyra. „Und der Wahrheit liegt in den Händen derer, die vor uns gekommen sind. Wir sind nicht die ersten, die diesen Pfad betreten haben. Aber wir werden die letzten sein, die ihn beschreiten müssen.“
Mit diesen Worten zog sie das Artefakt aus dem Ärmel, das einst ein unscheinbarer Armband war und jetzt zu einer leuchtenden Kette geworden war. Sie hielt ihn hoch, und die Lichtstrahlen, die vom Kristall ausgingen, warfen tanzende Schatten an die Wände der Höhlen. „Dieser Armband… er trägt nicht nur meine Geschichte. Er trägt das Erbe aller, die sich ihm genähert haben. Er trägt Onmifakum. Und er wird uns durch die Zeit führen.“
„Was ist Onmifakum?“, fragte Selena Arinthal, die die Gruppe aus dem Hintergrund beobachtete. Ihre Augen blitzen wie die Blitze, die sie in ihren Händen manifestieren konnte.
„Onmifakum ist nicht nur ein Artefakt“, erklärte Lyra mit einem Hauch von Bewunderung. „Es ist das Wesen der Zeit selbst, das durch uns manifestiert wird. Es ist ein Fluss von Energie, der die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet. Doch mehr noch – es ist ein Wesen von enormer Macht, das sich uns zeigt, um uns auf unserer Reise zu begleiten.“
„Also sind wir nicht nur Reisende der Zeit“, sagte Myria nachdenklich. „Wir sind ihre Meister, ihre Schöpfer. Und mit dieser Macht kommt die Verantwortung, die Zeit in die richtige Richtung zu lenken.“
„Genau“, sagte Lyra. „Wir müssen die Wellen beherrschen, nicht uns von ihnen beherrschen lassen.“
Plötzlich durchbrach ein neues Bild das Dunkel der Höhlen. Ein Strahl von Licht zerriss die Stille und enthüllte eine weit entfernte Landschaft, die sich in den Kristallen spiegelte. Es war ein Schlachtfeld. Der Boden war von der Wucht vergangener Kämpfe zerschmettert, die Luft vom Klang von Schwertklingen und Kriegshörnern erfüllt. Große Armeen standen sich gegenüber. Doch inmitten des Chaos war eine legendäre Gestalt zu erkennen – ein Kaiser, dessen Name durch alle Epochen widerhallte: Alaric der Eroberer.
„Das ist… Alaric? Der Kaiser der Ersten Legion?“ fragte Sira. Ihre Augen weiteten sich. „Wir sind in der Schlacht von Draegor!“
„Ja“, sagte Lyra. „Wir sind hier, im Jahr 673 v. Chr. Ein entscheidender Moment in der Geschichte. Alaric kämpft nicht nur um das Schicksal seines Reiches, sondern auch um das Gleichgewicht der Welt. Die Götter haben sich entschieden, ihre Hand in die Geschichte zu legen. Aber auch Menschen, die keine Götter sind, haben das Recht, ihr Schicksal zu beeinflussen.“
„Die Schlacht von Draegor“, murmelte Myria, als sie die Arena der Konfrontation betrachtete. „Hier wurde ein großes Geheimnis offenbart. Hier, in diesem Krieg, spielte die Zeit ihre eigenen Spiele. Und die Entscheidung, die heute getroffen wird, wird nicht nur das Land beeinflussen, sondern den Verlauf aller Kriege bis zum Ende der Äonen.“
„Können wir hier eingreifen?“, fragte Solan. „Können wir den Verlauf der Geschichte ändern?“
„Wir müssen“, sagte Lyra fest. „Denn der Einfluss von Alaric reicht bis in unsere Zeit. Und was hier geschieht, wird Auswirkungen auf den Rest der Welt haben.“
„Dann sollten wir uns beeilen“, sagte Seraphine. „Denn die Zeit wird uns nicht warten.“
Die Gruppe stürmte in die Schlacht, der Kristall in Lyras Hand begann zu pulsieren, und der Armband verwandelte sich erneut, diesmal zu einer leuchtenden Waffe, die das Licht und die Dunkelheit vereinte. Ihre Schritte hallten auf dem Boden, als sie inmitten des Schlachtfelds ankamen, und die Wellen der Zeit brachen über sie herein.