Kapitel 47: Das Erbe des Vergessenen Gartens

Rb
Lesedauer 4 Minuten

Kapitel 47: Das Erbe des Vergessenen Gartens

Lyra spürte das zitternde Echo des Kristalls in ihren Adern, als sie tiefer in den Raum vordrangen. Der leuchtende Kern des Tempels schimmerte noch immer, doch das Bild, das sich ihnen bot, war nicht mehr das gleiche wie das, an das sie sich erinnerte. Es war, als ob die Zeit selbst den Ort verändert hatte, als ob jeder Schritt, den sie taten, eine neue Realität erschuf, eine, die sich um ihre eigenen Ängste und Geheimnisse woben.

„Es ist… anders“, murmelte Kai und schaute auf die gewaltige Gestalt vor ihnen, die aus Licht und Schatten bestand. „Die Dunkelheit hier ist nicht die gleiche wie in der Vergangenheit.“

„Das ist sie nicht“, bestätigte Myria und blickte auf die unheimliche Präsenz. „Der Tempel hat sich verändert, aber auch wir haben uns verändert. Was uns früher als Gefahr erschien, ist jetzt Teil von uns. Es ist der Preis, den wir zahlen müssen, um voranzukommen.“

Solan legte eine Hand auf Lyra’s Schulter. „Egal, was uns erwartet, wir sind zusammen“, sagte er leise, aber mit einem Ausdruck, der fest entschlossen war. „Und wir werden diesen Ort nicht ohne Antworten verlassen.“

Der Nebel hatte sich zurückgezogen, doch die Stille war fast erdrückend. Die Luft schien selbst zu vibrieren. Der Tempel hatte sich wie ein gewaltiges, lebendiges Wesen verhärtet, und es war als ob jeder Winkel von den Erinnerungen der vergangenen Zeiten durchzogen war. Es gab keinen Zweifel mehr: Sie waren in einem Raum, der nicht nur von der Vergangenheit geprägt war, sondern auch von der Zukunft, von dem, was noch kommen sollte.

„Du bist gekommen, um die Wahrheit zu erfahren, aber wie viel von ihr bist du bereit zu ertragen?“ fragte die Gestalt vor ihnen, deren Erscheinung jetzt klarer wurde. Sie war ein Abbild ihrer eigenen Ängste, ihrer eigenen Erinnerungen.

„Zeig uns die Wahrheit“, sagte Lyra, ihre Stimme fest, aber nicht ohne ein leises Zittern. „Wir sind bereit.“

Der Schatten flimmerte, als ob er die Worte erwog, dann senkte er den Blick und sprach: „Die Wahrheit ist nicht nur das, was ihr zu wissen glaubt. Sie ist das Erbe derjenigen, die vor euch kamen und den Preis zahlten, den ihr jetzt zu zahlen habt.“

Om 25

Plötzlich war der Raum von einer unerklärlichen Wärme durchzogen. Vor ihnen öffnete sich eine weitere Ebene des Tempels, und auf einmal war die Dunkelheit nicht mehr nur die Bedrohung, die sie in den Tiefen der Vergangenheit erwartet hatten. Stattdessen lag ein Garten vor ihnen, grün und üppig, aber auch von einer spürbaren Traurigkeit durchzogen.

„Der Vergessene Garten von Sahran“, flüsterte Seraphine, als sie den geheimen Ort erkannte. „Ein Ort, der in den Erinnerungen vieler verloren ging. Doch er war nie wirklich vergessen.“

Lyra trat weiter vor, die anderen folgten ihr. Der Garten war ein mystischer Ort, dessen Bäume und Pflanzen wie aus einer anderen Zeit stammten. Ihre Blätter funkelten in einem metallischen Schimmer, und die Blumen, die den Boden bedeckten, waren in Farben gehüllt, die in der Welt der Lebenden nicht existierten. Der Duft des Gartens war süß, aber auch bittersüß, wie der Hauch einer längst vergessenen Liebe.

„Was genau ist dieser Ort?“, fragte Solan, als sie tiefer in den Garten gingen. „Warum sind wir hier?“

„Dies ist der Ursprung von allem, was wir bis jetzt erfahren haben“, sagte Myria nachdenklich, ihre Augen schienen in die Ferne zu blicken, als ob sie die Geschichte des Gartens auf ihren eigenen Augen lesen konnte. „Der Vergessene Garten von Sahran ist der Ort, an dem die Zeit stillsteht. Aber mehr noch: Es ist der Ort, an dem Entscheidungen getroffen wurden, die jetzt, hier und heute, das Schicksal der Welt beeinflussen.“

„Und wie können wir den Garten nutzen?“, fragte Seraphine, die ihre Visionen vertiefte, um etwas von dieser unheimlichen Energie zu erfassen.

„Du musst in die Vergangenheit eintauchen“, antwortete die Gestalt, die nach wie vor vor ihnen stand. „Denn nur wer die Schatten der Vergangenheit versteht, kann die Zukunft beeinflussen. Hier liegt der Schlüssel zu allem.“

Der Garten um sie herum begann sich zu verändern. Die Pflanzen verschwanden langsam, als würden sie in den Nebel zurückgezogen, und der Boden unter ihren Füßen schien sich aufzulösen. Der Himmel verdunkelte sich, und die Konturen des Gartens verschwammen zu einer anderen Zeit.

„Es ist, als ob wir zurückreisen“, murmelte Lyra. „Wie in der Zeit der ersten Entscheidungen, der ersten Wahl…“

„Ja“, antwortete die Gestalt. „Hier beginnt alles, aber auch hier endet es. Der Garten von Sahran ist nicht nur ein Ort der Erinnerung, sondern ein Teil von euch, ein Teil eurer Reise, die noch lange nicht abgeschlossen ist.“

„Der Vergessene Garten“, sagte Solan leise, als er sich dem immer mehr zerfließenden Garten näherte. „Er ist ein Spiegel unserer eigenen Entscheidungen.“

„Er ist mehr“, sagte Myria, „er ist die Verbindung zwischen allem. Der Garten ist die Schwelle zur nächsten Wahrheit.“

Und in diesem Moment, als der Garten sich vollkommen auflöste, öffnete sich vor ihnen ein neues Bild. Sie standen plötzlich auf einem anderen Ort, der ihnen nur vage bekannt war – die Kristallhöhlen von Agramar, ein Ort, den sie vor langer Zeit betreten hatten, aber jetzt war er verändert. Die Kristalle, die den Raum erleuchteten, waren jetzt in einer blassen, fast gespenstischen Farbe, die Lyra nie zuvor gesehen hatte. Sie zitterten im Takt der unsichtbaren Kräfte, die durch den Raum flossen, und alles fühlte sich vertraut und doch vollkommen fremd an.

„Wir sind hier“, sagte Sira, die ihre scharfen Instinkte einsetzte, um die neuen Gefahren zu spüren. „Doch dieser Ort ist nicht mehr der, den wir kannten. Er hat sich mit uns verändert.“

„Die Zeit hat uns verändert“, murmelte Myria, und in ihren Augen lag eine tiefe Erkenntnis. „Und wir sind die, die entscheiden, wie die Geschichte hier endet.“

Langsam trat die Gruppe weiter in die Höhlen. Doch diesmal gab es keinen Moment der Zögerlichkeit. Jeder wusste, dass sie nun auf dem richtigen Weg waren. Denn der Weg nach vorne führte nur über den Schatten ihrer eigenen Vergangenheit. Und die Wahrheit, die sie suchten, lag irgendwo zwischen den Flimmern der Kristalle und dem unendlich wachsenden Nebel des Obsidianwaldes.

Die Dunkelheit, die sie begleitete, war nicht mehr nur die Dunkelheit des Tempels oder des Waldes. Sie war ihre eigene, und nur durch das Durchschreiten dieser Dunkelheit würde der nächste Schritt zur Wahrheit führen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert