Kapitel 39: Die Flügel der Erinnerung
Der Nebel, der den Garten von Sahran umhüllte, hatte sich zu einer dichten Wand aus schwebendem Grau verdichtet. Der Boden unter ihren Füßen, weich und feucht, schien sich weiter zu verformen, als würde er selbst den Weg der Gruppe lenken. Lyra, Kai und Solan führten die anderen voran, jeder Schritt ein Akt der Entschlossenheit, doch auch des Zögerns. Was, wenn der Garten nicht nur ein Spiegel ihrer Vergangenheit war, sondern auch der Schlüssel zu dem, was sie in sich selbst vergraben hatten?
„Der Weg liegt nicht nur vor uns, sondern auch in uns“, sagte Lyra, die Augen fest auf den sich entfaltenden Nebel gerichtet. Ihre Hand umschloss das Fragment, das in ihrer Tasche pochend fühlte, als hätte es ein Eigenleben, als würde es sie vorwarnen.
„Es fühlt sich an, als ob der Garten uns testen will“, bemerkte Solan, seine Stimme ruhig, aber mit einem Hauch von Anspannung. „Aber ich spüre auch, dass er uns näher an das führt, was wir suchen. Wir müssen uns nur von den Erinnerungen nicht erdrücken lassen.“
„Wegducken wird uns nicht weiterbringen“, fügte Kai hinzu, seine goldene Peitsche in der Hand, das Schimmern des Metalls der einzige Lichtstrahl in der grauen Dämmerung. „Wir müssen uns der Dunkelheit stellen und sie mit einem Licht entgegentreten, das nicht von außen kommt, sondern von uns selbst.“
Sie schritten weiter, als eine weitere Vision aus der Dunkelheit herausflimmerte – der vergessene Garten, aber in einer Form, die sie nicht erkannt hatten. Die blühenden Bäume waren nicht mehr das, was sie erwartet hatten. Stattdessen standen dort riesige, verzerrte Pflanzen, deren Ranken sich in die Luft schraubten, als wollten sie den Himmel durchbohren. Die Kristalle, die sie aus der Kristallhöhle von Agramar in Erinnerung hatten, hatten sich zu schwarzen, zerbrochenen Scherben verwandelt, die mit einer mysteriösen, dunklen Energie pulsierten.
„Was ist das?“, fragte Seraphine Veyra, ihre Visionen das düstere Bild der umgestalteten Landschaft widerspiegelnd.
„Es ist die Essenz dessen, was wir hier verloren haben“, sagte Myria Dunkelmond, die ihre Fähigkeiten einsetzte, um den Nebel um sie herum zu durchdringen. „Das, was wir vergessen wollten, hat diese Orte verändert. Unsere Reise hat uns nicht nur durch die Räume dieser Welt geführt, sondern durch die Risse, die wir in uns selbst geschlagen haben.“
„Das Fragment ist mehr als nur ein Artefakt“, sagte Isolde Dainor, die heilende Magie in ihren Händen sammelnd. „Es ist ein Schlüssel, der mehr Türen öffnen kann, als wir uns vorstellen können – und vielleicht auch mehr Erinnerungen, die wir noch nicht bereit sind zu sehen.“
Die Gruppe trat weiter, unerschütterlich und doch nicht ohne Zögern, durch das verzerrte, traumartige Landschaftsbild. Aus den Rissen im Boden, aus den zerbrochenen Kristallen, stiegen flimmernde, geisterhafte Gestalten empor, die, wie Seraphine gesagt hatte, nicht nur Erinnerungen, sondern lebendige, pulsierende Fragmente von dem, was sie gewesen waren, zu sein schienen.
„Die Wächter des Vergessens“, flüsterte Sira Valeris, ihre Augen scharf wie ein Raubtier, das sich seiner Beute nähert. „Wir werden nicht einfach an ihnen vorbeigehen können.“
„Dann müssen wir sie herausfordern“, sagte Kai, seine Stimme klar und fest. „Wir sind hier, weil wir wissen müssen, wer wir wirklich sind. Wenn das bedeutet, uns diesen Wächtern zu stellen, dann wird das der Preis sein.“
„Aber der Garten will uns nicht nur sehen, er will uns verstehen“, fügte Lyra hinzu, ihre Augen auf den Nebel gerichtet, der vor ihnen waberte. „Vielleicht ist das der wahre Test. Nicht was wir gefunden haben, sondern was wir uns noch nicht erlaubt haben zu sehen.“
Die Worte hallten in der Luft, als die Gruppe sich durch den dichten Nebel bewegte. Und dann, ohne Vorwarnung, verdunkelte sich der Himmel über ihnen. Eine gewaltige, erdrückende Präsenz erhob sich aus der Kluft, die sich unter ihren Füßen geöffnet hatte. Ein massiver Schatten trat hervor, seine Form kaum mehr als ein Kontur, die sich mit der Dunkelheit verschmolz, die nun den Garten zu verschlingen schien.
„Ich bin der Wächter der verlorenen Wahrheit“, erklang eine donnernde Stimme, die von allen Seiten zu kommen schien. „Ihr sucht nach dem Fragment, aber der Preis wird höher sein, als ihr euch vorstellen könnt. Wer von euch ist bereit, sich selbst zu verlieren, um das zu finden, was ihr sucht?“
„Es gibt nichts, was wir nicht bereit sind zu zahlen“, antwortete Lyra, ohne zu zögern. „Wir haben uns bereits verloren – das ist der Grund, warum wir hier sind.“
Die Schatten vor ihnen verzogen sich, und eine weitere Gestalt, eine Frau mit silbernem Haar und Augen, die wie das pure Licht der Sterne funkelten, trat hervor. „Dann müsst ihr wissen, dass es nicht nur die verlorenen Erinnerungen sind, die ihr wiederfinden müsst“, sagte sie mit einer Stimme, die den Klang von Regen über stillen Wassern hatte. „Es sind die verlorenen Teile von euch selbst. Nur wenn ihr euch selbst in den Augen der Dunkelheit erkennt, werdet ihr in der Lage sein, das Fragment zu erlangen und eure wahre Bestimmung zu verstehen.“
„Wir haben uns bereits entschieden“, sagte Seraphine mit einer Entschlossenheit, die sie selten zeigte. „Die Dunkelheit kann uns nicht mehr entmutigen. Wir werden alles riskieren.“
„Sehr gut“, sagte die silberhaarige Frau mit einem geheimnisvollen Lächeln. „Dann tritt vor und sieh, was du in den tiefsten Abgründen deiner Seele verloren hast.“
Die Gruppe trat näher, und in dem Moment, in dem sie den Fuß über die Kluft setzten, fühlte Lyra, wie der Boden unter ihnen erbebte. Die Dunkelheit, die um sie wuchs, verschlang nicht nur den Raum, sondern auch ihre Gedanken. Erinnerungen, längst verdrängt, stiegen empor, blitzten in schmerzhaften Bildern auf. Sie sah sich selbst, ein Mädchen auf einer grünen Wiese, das von einer kalten, nicht enden wollenden Umarmung erdrückt wurde. Doch als sie versuchte, sich von der Dunkelheit zu befreien, spürte sie eine andere Präsenz. Es war das Fragment – sie wusste es.
„Ich sehe es…“ flüsterte sie. „Es ist hier. Das Fragment. Es war nie verloren – es war in uns. Wir mussten nur den Mut finden, es zu sehen.“
Doch der Wächter der verlorenen Wahrheit lachte. „Es ist mehr, als du dir vorstellst, Lyra. Der wahre Test beginnt jetzt. Erkenne dich selbst… und du wirst wissen, was du opfern musst.“