Kapitel 33: Die Zeit der Schatten

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Kapitel 33: Die Zeit der Schatten

Der dichte Nebel, der Lyra, Solan und Kai im Tempel von Artemis umhüllt hatte, war verschwunden, doch das Gefühl einer fremden Präsenz blieb. Seraphine Veyra, die Visionärin, hatte ihnen eine Aufgabe auferlegt, die sich schwerer anfühlte als jede Waffe oder Rüstung. Ihre Worte hallten in Lyras Geist wider: „Die Artefakte sind der Schlüssel, doch die Dunkelheit ist älter, als ihr glaubt.“

Die Gruppe stand vor dem Tempel, dessen steinerne Säulen unter dem Schimmer der Sterne fast ätherisch wirkten. Das Amulett an Lyras Handgelenk pulsierte weiterhin, als würde es den Rhythmus einer unsichtbaren Macht aufnehmen.

„Was jetzt?“ fragte Kai, der den Blick nicht vom Nachthimmel abwenden konnte, wo ein seltsames Leuchten durch die Wolken drang.

Solan schwieg einen Moment, bevor er antwortete. „Seraphine hat uns Hinweise gegeben, doch die Fragen überwiegen noch. Dieser Ort… Er fühlt sich wie ein Nexus an. Wir sind hier nicht das erste Mal.“

Lyra runzelte die Stirn. „Stimmt. Das letzte Mal, als wir hier waren, war es bei Tageslicht, und der Tempel war nur eine Ruine. Jetzt… ist er anders. Vollständig. Lebendig.“

„Die Zeitlinien“, murmelte Solan. „Wir haben sie verändert, vielleicht unwissentlich.“

Ein sanfter Wind strich durch die Luft, und der Boden unter ihnen begann leicht zu vibrieren. Es war kein Zufall, dass sie hier waren. Ein Flüstern, wie aus einer anderen Welt, erklang hinter ihnen, und als sie sich umdrehten, sahen sie Myria Dunkelmond.

Myria Dunkelmond und der Nebel

Die Meisterin der Nebel trat aus der Dunkelheit, ihre silbernen Haare schimmerten wie Mondlicht, und ihre Augen waren wie zwei Spiegel, die die Seelen derer durchdrangen, die sie ansah. Um sie herum tanzte ein feiner, silbriger Nebel, der sich wie eine lebendige Kreatur bewegte.

„Ihr sucht die Wahrheit“, begann sie, ihre Stimme weich und melodisch, „aber ihr wandert blind durch ein Labyrinth aus Zeit und Schatten.“

„Myria Dunkelmond“, sagte Solan mit einem Hauch von Vorsicht. „Die Geschichten über dich sind zahlreich, doch keine davon ist klar.“

Ein schelmisches Lächeln spielte um ihre Lippen. „Das ist beabsichtigt. Wahrheit ist ein Werkzeug, und in den falschen Händen ein Schwert, das alles zerschneidet. Doch ich bin nicht hier, um zu kämpfen. Ich bringe euch eine Warnung.“

Om 25

„Eine Warnung?“ fragte Lyra, die spürte, dass Myria etwas Vertrautes hatte, etwas, das sie nicht benennen konnte.

„Die Schattenloge“, erklärte Myria, während sie mit einer Geste den Nebel verdichtete, bis sich vor ihnen eine Karte aus Nebelschwaden formte. „Mephos hat seine Kräfte verstärkt. Seine Diener durchstreifen bereits den Vergessenen Garten von Sahran, einen Ort, der lange unberührt blieb. Wenn sie die Artefakte vor euch finden, wird alles verloren sein.“

Kai trat einen Schritt näher. „Was für Artefakte? Und warum solltest du uns helfen?“

Myria ließ ihre Hand sinken, und der Nebel zerfiel. „Ich habe meine eigenen Gründe. Die Artefakte sind Fragmente von Kräften, die älter sind als die Götter, und ihr seid Auserwählte, die das Gleichgewicht wiederherstellen können. Doch allein werdet ihr scheitern.“

Die Reise zum Vergessenen Garten von Sahran

Mit Myrias Warnung im Herzen machten sich Lyra, Solan und Kai auf den Weg zum Vergessenen Garten von Sahran. Myria begleitete sie, eine schweigende, doch ständige Präsenz, die sie durch die gefährlichen Pfade führte.

Der Garten lag tief verborgen hinter einem Gebirge aus scharfkantigen Felsen, die im Mondlicht wie Diamanten funkelten. Als sie die letzte Kluft überquerten, offenbarte sich ein Anblick, der ihnen den Atem raubte. Der Vergessene Garten war ein Ort jenseits von Zeit und Raum. Gigantische Pflanzen mit leuchtenden Blüten erhoben sich in den Himmel, und die Luft war erfüllt von einem süßen, fremdartigen Duft. Ein Flüstern durchdrang die Stille, als ob die Pflanzen selbst Geschichten erzählten.

„Es ist wunderschön“, flüsterte Lyra.

„Und gefährlich“, warnte Myria. „Dieser Ort ist nicht von dieser Welt. Jede Blume, jede Wurzel birgt Geheimnisse, die sowohl heilen als auch zerstören können.“

Doch bevor sie tiefer in den Garten eindringen konnten, tauchte eine weitere Gestalt aus dem Unterholz auf. Eine junge Frau mit schimmerndem Haar, das wie ein Sternenhimmel leuchtete, trat hervor. Ihre Augen glühten sanft, und ihre Bewegungen waren so fließend, dass sie wie eine Verkörperung des Windes wirkte.

„Sira Valeris“, stellte Myria sie vor. „Eine alte Verbündete. Sie wird uns helfen, den Garten zu durchqueren.“

Sira Valeris und die Verwandlungskunst

Sira, die Verwandlungskünstlerin, verbeugte sich leicht. „Der Garten ist voller Gefahren. Doch ich kenne seine Geheimnisse. Ich kann euch sicher hindurchführen.“

Mit diesen Worten verwandelte sie sich in eine elegante Raubkatze mit glühenden Augen, die die Umgebung mit beeindruckender Wachsamkeit scannte. Sie führte die Gruppe durch die verschlungenen Pfade, die von riesigen, fleischfressenden Pflanzen und undurchdringlichen Dornen geschützt wurden.

„Was suchen wir hier?“ fragte Kai, als sie sich tiefer in das Herz des Gartens wagten.

„Einen Teil des Artefakts“, sagte Myria. „Der Garten verbirgt ein Relikt, das einst von den Eldathri bewacht wurde. Es ist der Schlüssel zu einer anderen Zeit.“

Plötzlich erstarrte Sira in ihrer tierischen Gestalt. Sie verwandelte sich zurück und deutete auf eine Lichtung vor ihnen. „Wir sind nicht allein.“

Der Kampf um das Relikt

Auf der Lichtung standen drei Gestalten, gehüllt in schwarze Rüstungen, deren Klingen die Dunkelheit selbst zu durchdringen schienen. Es waren Schattenkrieger der Loge.

„Mephos‘ Diener“, zischte Myria. „Sie dürfen das Relikt nicht bekommen.“

Ein wilder Kampf entbrannte. Myria setzte ihren Nebel ein, um die Krieger zu verwirren, während Sira sich in einen mächtigen Adler verwandelte und aus der Luft angreifen konnte. Kai kämpfte mit der goldenen Kette, die sich in eine leuchtende Peitsche verwandelte, und Solan hielt die Gegner mit seiner Klinge in Schach.

Lyra spürte, wie das Amulett an ihrem Handgelenk begann, kraftvoll zu pulsieren. Es leitete sie zu einer uralten Pflanze in der Mitte der Lichtung. Zwischen ihren Wurzeln fand sie ein schimmerndes Fragment, das sich wie eine lebendige Flamme anfühlte.

„Das ist es!“ rief sie, doch der Schattenkrieger, der sie am nächsten war, griff an. Gerade als er zuschlagen wollte, breitete sich ein blendendes Licht aus. Selena Arinthal, die Lichtweberin, erschien in einem Wirbel aus Helligkeit, ihre Augen funkelnd wie die Sonne selbst.

„Ihr werdet nicht siegen“, sagte sie mit unerschütterlicher Autorität, und mit einer mächtigen Bewegung ihrer Hände schleuderte sie die Krieger in die Dunkelheit.

Die Reise geht weiter

Mit dem Fragment in ihrem Besitz und ihren neuen Verbündeten an ihrer Seite brachen Lyra, Solan, Kai und die anderen auf, um die nächsten Teile des Artefakts zu finden. Doch die Dunkelheit war ihnen dicht auf den Fersen, und der Weg führte sie zu den Kristallhöhlen von Agramar, wo neue Gefahren und Geheimnisse auf sie warteten.

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