Kapitel 31: Die Entscheidung der Zeit
Der goldene Tempel, in dem sie standen, begann sich immer mehr zu verzerren, als die „Zeitenwelle“ ihre Kräfte entfaltete. Lyra, Solan und Kai hielten sich fest, als die Realität um sie herum zu verschwimmen schien. Die Worte von Titus Varro hallten in ihren Köpfen, während die Welle der Entscheidung die Luft durchbrach und sie in die unerforschte Zukunft trug.
„Was ist das?“ fragte Kai, seine Stimme voller Anspannung, als er die Veränderungen um sich herum wahrnahm. Die Landschaft, die sie eben noch erblickt hatten, war nun verschwunden. Stattdessen standen sie auf einer weiten, staubigen Ebene, inmitten von verfallenen Ruinen, die an die einst glorreiche Stadt Mykene erinnerten. Um sie herum flimmerte die Zeit wie ein unaufhaltsamer Strom.
„Wir sind nicht mehr in unserer Zeit“, sagte Solan, der seine Hände in die Luft hob und die neue Realität prüfte. „Dies ist ein Schnittpunkt der Geschichte, ein Moment, an dem alle Zeitstränge zusammenlaufen.“
Doch Lyra hatte etwas anderes bemerkt. Ihre Kleidung hatte sich erneut verändert. Der leichte, ägyptische Rüstungsanzug war verschwunden, stattdessen trug sie nun eine schwere, bronzeverzierte Rüstung, die die Zeichen von Mykene trug – die gebogenen Formen der antiken Krieger, die sich durch die Schatten der Zeit gezogen hatten. Ihr Schwert, das sie in der Hand hielt, war nun eine prächtige Klinge aus reinem Bronze, die mit seltsamen Symbolen verziert war.
„Das Artefakt“, sagte Lyra, als sie den Armband an ihrem Handgelenk betrachtete, der sich nun zu einem eleganten, filigranen Band verwandelte. Es schimmerte in den goldenen Tönen der Mykenischen Zivilisation.
„Wir sind an einem Wendepunkt der Geschichte“, sagte Solan, und sein Blick wurde ernster. „Die Stadt Mykene, der große Krieg, die Entscheidung, die sich hier abspielt… All das könnte unsere Zukunft beeinflussen.“
„Und doch“, sagte Kai, „könnten wir auch die Vergangenheit verändern, wenn wir den Lauf dieser Ereignisse beeinflussen.“
Die Luft war schwer, als sich vor ihnen eine weitere Gestalt materialisierte. Ein Mann in einer prunkvollen Rüstung, die die Zeichen eines hohen Generals trug, trat mit festen Schritten auf sie zu. Lyra spürte die Geschichte, die ihn umgab, und erblickte in seinen Augen eine Tiefe, die nur jene besaßen, die an den Wendepunkten der Geschichte standen.
„Ich bin Agamemnon“, sagte der Mann, seine Stimme kraftvoll und erhaben. „Ich führe die Mykener in den Krieg gegen Troja. Aber auch ich stehe an der Schwelle einer Entscheidung, die den Verlauf der gesamten Geschichte bestimmen wird.“
„Du bist der König von Mykene?“ fragte Kai, immer noch misstrauisch gegenüber dieser Erscheinung.
„Ja, aber nicht nur das“, antwortete Agamemnon. „Ich habe von den Auserwählten gehört, die die Macht haben, die Vergangenheit zu verändern. Was ihr tut, wird nicht nur das Schicksal von Mykene beeinflussen, sondern auch das der ganzen Welt.“
„Was willst du von uns?“ fragte Lyra, ihre Hand an ihrem Schwert.
„Ich brauche euch, um den Krieg zu entscheiden“, sagte Agamemnon. „Der Krieg gegen Troja wird sich in den kommenden Tagen entscheiden. Wenn ihr mir helft, die Siege zu sichern, kann ich die Zivilisation in eine neue Ära des Wohlstands führen. Aber wenn ihr die Wahrheit über die dunklen Kräfte hinter diesem Konflikt aufdeckt, könnte das alles zerstören.“
„Die Wahrheit?“ fragte Solan, seine Augen blitzten auf. „Welche Wahrheit verbirgt sich hinter dem Krieg?“
„Der Krieg ist nicht nur ein Kampf zwischen zwei Städten“, sagte Agamemnon mit einem ernsten Blick. „Es gibt dunkle Mächte, die mit uns spielen, Kräfte, die den Lauf der Geschichte manipulieren wollen. Ich brauche eure Hilfe, um sie zu entlarven, oder die Welt wird von dieser Täuschung zerstört.“
Lyra, Solan und Kai tauschten Blicke aus. Die Entscheidung lag in ihren Händen. Sollten sie dem Ruf des Königs folgen und versuchen, den Krieg zu gewinnen? Oder sollten sie die dunklen Geheimnisse aufdecken, die die Geschichte selbst bedrohten?
„Wir müssen mehr wissen“, sagte Lyra entschlossen. „Wir dürfen uns nicht von Macht oder Ruhm leiten lassen. Wir müssen die Wahrheit suchen.“
„Die Wahrheit ist ein zweischneidiges Schwert“, warnte Agamemnon. „Manchmal ist es besser, die Lügen zu lassen, wie sie sind.“
Doch Lyra wusste, dass es kein Zurück mehr gab. Der „Zeitenwellen“-Armband pulsierte kräftig an ihrem Handgelenk und schickte Wellen von Energie durch ihren Körper. Sie spürte die Macht des Artefakts, das sie nun vollständig beherrschte.
„Wir müssen den Krieg stoppen“, sagte Kai, der die Gefahr erkannte, die in der Dunkelheit lauerte. „Es gibt mehr auf dem Spiel als nur den Sieg oder die Niederlage von Mykene.“
„Dann folgt mir“, sagte Agamemnon, „und vielleicht können wir gemeinsam die Wahrheit finden.“
Die Gruppe folgte ihm, und als sie die Mykener Armeen erreichten, die sich bereit machten, die Schlacht zu schlagen, erkannte Lyra, dass die Entscheidung, die sie bald treffen würde, noch größere Auswirkungen auf die Weltgeschichte haben könnte. Jede ihrer Bewegungen, jede Wahl, könnte den Verlauf der gesamten Zivilisation verändern.
In den kommenden Tagen, als sie sich in den Wirren des Krieges wiederfanden, begannen sie, immer tiefer in die Geheimnisse der Zeit einzutauchen. Doch Lyra wusste, dass ihre Reise noch lange nicht zu Ende war. Die „Zeitenwelle“ würde sie weiterführen, durch unbekannte Zivilisationen, in die Vergangenheit und die Zukunft, und in Begegnungen mit den bedeutendsten Persönlichkeiten der Antike.
Die Stunde der Wahl war noch lange nicht gekommen.