Kapitel 26: Die Wahrheit der Ströme

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Lesedauer 4 Minuten

Kapitel 26: Die Wahrheit der Ströme

Die Zeit um Lyra und ihre Gefährten begann zu verschwimmen, als der Wächter der Ströme sie mit seinem unheimlichen Blick fixierte. Es war, als ob sie in einen endlosen Tunnel aus Licht und Dunkelheit gezogen wurden, der sich wie ein Albtraum über die Realität legte. Doch sie hielten zusammen, ihre Entschlossenheit stärker als die zerrissene Zeit, die sie umhüllte.

„Der Fluss…“, flüsterte Solan, als sich die Stadt um sie erneut veränderte. „Er führt uns zurück.“

Lyra blickte sich um und erkannte den Ort sofort. Es war nicht Mu, auch wenn die Architektur und der golden schimmernde Boden es vorgaben. Es war der Tempel von Karnak, den sie zuvor betreten hatten, doch jetzt war er verfallen, als ob die Zeit ihn selbst gezeichnet hätte. Die Säulen waren zerbrochen, das einst prunkvolle Dach war an vielen Stellen eingestürzt, und die Luft war schwer von der Last vergangener Jahrtausende.

„Wir sind wieder hier“, sagte Kai, seine Stimme rau, als er die Verfallenen Strukturen musterte. „Aber… es ist nicht derselbe Ort. Die Zeit ist durcheinandergeraten.“

„Der Wächter spielt mit uns“, erklärte Solan, während er das Artefakt an seinem Handgelenk betrachtete. Der Armband hatte sich verändert und war nun zu einer Kette geworden, die in der Dämmerung schimmerte. „Wir sind in der Vergangenheit, aber in einem anderen Abschnitt derselben. Der Fluss lässt uns durch die Zeit reisen, aber er führt uns auch an Orte, die wir bereits besucht haben, doch sie erscheinen uns nun anders.“

Der Wächter erschien wieder, diesmal nicht in der Form eines schattenhaften Wesens, sondern als Mann, der in einem antiken Gewand gehüllt war, das den Stil eines alten Pharaos trug. Seine Augen waren nun wie die von Solan, scharfsinnig und wissend.

„Ihr glaubt, ihr habt die Wahrheit erkannt“, sagte der Wächter in einer tiefen, hallenden Stimme. „Doch ihr seid nur in einem Moment gefangen, der euch täuscht. Der Fluss hat euch hierher geführt, aber er kann euch ebenso leicht in die Dunkelheit stürzen, wenn ihr nicht versteht, wie er funktioniert.“

Om 25

Lyra trat einen Schritt vor. „Was ist der Test?“, fragte sie. „Was müssen wir tun, um weiterzukommen?“

Der Wächter ließ einen tiefen, fast wehmütigen Atemzug hören. „Ihr müsst euch dem Fluss stellen. Den verschiedenen Ebenen der Zeit, die in euch selbst verborgen sind. Ihr habt schon in vielen Momenten der Geschichte existiert, aber jetzt ist es an der Zeit, euch zu erkennen. Ihr werdet an Orte reisen, die euch bekannt vorkommen, aber die Wahrheit liegt nicht in der Vergangenheit. Sie liegt in der Zukunft, in der Zukunft eures Selbst.“

Plötzlich brach der Boden unter ihren Füßen auf, und die Welt um sie veränderte sich erneut. Lyra konnte die Schimmer des goldenen Lichts von Mu wieder sehen, als sie in eine unbekannte Zeit entglitten. Ihre Kleidung hatte sich verändert: Lyra trug nun eine Tunika, die den alten griechischen Stil widerspiegelte, während Solan in den robes eines Gelehrten gekleidet war. Kai, der immer praktisch war, trug nun eine Lederrüstung, die aus der Zeit der römischen Legionen zu stammen schien.

„Wo sind wir?“, fragte Kai, als er sich umsah und die Veränderungen begutachtete.

„Athen“, antwortete Solan, der die antiken Gebäude und die Akropolis im Hintergrund sofort erkannte. „Das ist die Zeit von Perikles, eine goldene Ära der Philosophie und Wissenschaft. Wir sind an einem Wendepunkt der Geschichte.“

„Die Wahrheit liegt in der Zukunft“, wiederholte der Wächter, der plötzlich an ihrer Seite auftauchte. „Doch der Weg dorthin führt über die Vergangenheit. Ihr müsst euch der Begegnung mit den größten Denkern der Geschichte stellen.“

„Sokrates…“, flüsterte Solan, als er die Straßen von Athen entlang sah. „Er wird uns herausfordern, das zu hinterfragen, was wir zu wissen glauben.“

Plötzlich traten mehrere Gestalten aus den Schatten. Einer von ihnen war ein älterer Mann mit einem langen Bart und einem tiefen, durchdringenden Blick. Es war Sokrates, der berühmte Philosoph. Doch etwas stimmte nicht. Seine Augen waren leer, als ob er nicht ganz menschlich war.

„Ihr wollt die Wahrheit finden“, sagte Sokrates mit einem Lächeln, das mehr wie ein Rätsel wirkte. „Doch die Wahrheit ist wie der Fluss. Sie verändert sich ständig. Wenn ihr euch der Wahrheit stellen wollt, müsst ihr euch zuerst selbst erkennen.“

„Sokrates…“, begann Solan, doch der Philosoph unterbrach ihn.

„Ihr seid nicht hier, um Antworten zu finden“, sagte er. „Ihr seid hier, um die Fragen zu stellen. Denkt nach, während ihr den Fluss durchquert. Nur dann wird sich das, was verborgen ist, offenbaren.“

Plötzlich begann der Boden unter ihren Füßen erneut zu vibrieren, und der Fluss zog sie mit sich. Ein neuer Ort, eine neue Zeit: Der prunkvolle Palast von Knossos, die einst blühende Zivilisation der Minoer. Doch auch hier war nichts wie es schien. Der Palast war von zerfallenen Mauern umgeben, und die Zeit hatte seine Strukturen gezeichnet.

„Die Vergangenheit ist der Schlüssel“, sagte der Wächter, „aber auch die Zukunft. Ihr werdet zu den Orten der großen Zivilisationen reisen und euch der Wahrheit stellen, die immer auf euch gewartet hat.“

„Atlantis“, flüsterte Lyra, als sie das Unterwasserreich in der Ferne sah. „Wir müssen dorthin. Wir müssen das Geheimnis der Zeit und des Artefakts entschlüsseln.“

Der Wächter nickte. „Und so wird der Fluss euch führen, aber nur, wenn ihr den Mut habt, euch zu verändern. Was erwartet euch in der Zukunft? Ein wahrer Wächter der Ströme hat keine Antwort, er ist Teil des Flusses, der niemals endet.“

Lyra und ihre Gefährten, nun in den Tiefen der Geschichte und der Zukunft, wussten, dass ihre Reise sie zu den größten Geheimnissen führen würde – und dass sie immer wieder mit der Wahrheit konfrontiert werden würden, die das Artefakt ihnen offenbarte.

„Der Fluss wird uns nicht in Ruhe lassen“, sagte Kai mit einem leichten Lächeln. „Aber vielleicht ist das auch gut so.“

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