Kapitel 21: Der Ruf der Antike

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Kapitel 21: Der Ruf der Antike

Der Raum brannte, als Khalon Drazar seine Hand hob. Die goldenen Lichter, die zuvor den Altar umhüllt hatten, explodierten in einem gewaltigen Flimmern, das sich durch die Kammer zog, als ob die Zeit selbst durch den Raum zerrissen wurde. Lyra spürte, wie das Artefakt um ihren Hals zu einem pulsierenden Organ wurde, das den Rhythmus der Welt in sich trug. Sie wusste, dass die Reise begann.

„Bereitet euch vor“, flüsterte Khalon, und die Luft schien sich um sie zu verdichten. „Die Zeit wird euch forttragen, doch nicht ohne Preis. Ihr werdet den Fluss der Geschichte spüren – seine Dunkelheit und seine Helligkeit.“

Solan trat einen Schritt zurück, sein Gesicht ernster als je zuvor. „Wir sind bereit. Der Schlüssel liegt in unseren Händen.“

„Er ist nicht nur ein Schlüssel“, erwiderte Khalon. „Er ist ein Fluch und ein Segen. Ihr werdet die Zeit betreten, aber ihr werdet nie wissen, ob ihr sie kontrolliert oder sie euch.“

Die Worte hallten nach, als der Raum vor ihren Augen zu verschwimmen begann. Die Wände aus Obsidian lösten sich auf, die goldenen Inschriften verwischten, und die Kammer wurde von einem kalten, nebligen Dämmerlicht durchzogen. Das Artefakt an ihrem Hals begann stärker zu pulsieren. Ein plötzliches Ziehen, ein Gefühl, als ob die Erde unter ihren Füßen weichen würde, nahm sie mit.

Und dann war alles still.

Ein neuer Ort – eine neue Zeit.

Lyra blinzelte in das grelle Licht der Sonne. Ihre Kleidung war sofort verändert – statt der modernen Reiseausrüstung trug sie nun die leichte, leinenartige Rüstung einer Achäologin aus der Antike, die sich an die Kriegerinnen jener Zeit anpasste. Die Luft war warm und duftete nach Meer und Gewürzen. Sie stand auf einer breiten, steinernen Plattform, die von riesigen Säulen flankiert war. Über ihr war der Himmel klar, und das Geräusch von fernen Wellen brach das ständige Summen der unbekannten Welt um sie herum.

„Wo sind wir?“, fragte Kai, der sich neben ihr wiederfand. Auch seine Kleidung hatte sich verändert – er trug nun eine Rüstung, die typisch für die Krieger des antiken Griechenlands war, und an seiner Hüfte hing ein Schwert, das wie ein Erbstück wirkte.

Om 25

„Das ist das antike Atlantis“, sagte Solan mit einem wissenden Blick, als er die Umgebung betrachtete. „Wir sind zu einem Zeitpunkt gelandet, an dem die Stadt noch blühte. Doch der Fall von Atlantis liegt nur wenige Jahre in der Zukunft. Ihr wisst, was das bedeutet, oder?“

„Dass wir mit den letzten Stunden dieser Stadt konfrontiert sind“, flüsterte Lyra, ihre Augen fielen auf die prächtigen Gebäude, die von griechischer Architektur geprägt waren. „Aber wir müssen herausfinden, warum das Artefakt uns hierhergeführt hat. Vielleicht ist hier der Schlüssel zu den anderen Weltwundern.“

„Und die Zeit wird uns weiterhin leiten“, fügte Kai hinzu. „Aber was, wenn wir das Artefakt nicht rechtzeitig benutzen? Was, wenn wir den Fluss der Zeit aus dem Gleichgewicht bringen?“

„Die Antwort liegt nicht in der Zukunft“, sagte Solan nachdenklich. „Sie liegt in der Vergangenheit. Wir müssen die Pioniere dieser Zivilisation finden. Und das bedeutet, dass wir uns mit den mächtigsten Persönlichkeiten dieser Zeit anfreunden müssen.“

Kaum hatte er das gesagt, hörten sie Schritte. Ein großer Mann, gehüllt in einen prächtigen Mantel, trat aus dem Schatten einer nahegelegenen Säule. Sein Blick war stechend, und das goldene Diadem auf seinem Kopf glänzte im Sonnenlicht.

„Ich nehme an, ihr seid nicht von hier“, sagte er mit einer Stimme, die wie das Rauschen des Ozeans klang. „Ich bin König Kleon, der Herrscher von Atlantis. Ihr seid in einem gefährlichen Land, Fremde. Was führt euch zu uns?“

Lyra trat vor, das Artefakt in ihrer Hand versteckt. „Wir suchen die Geheimnisse dieser Stadt und ihrer Macht. Wir wissen, dass Atlantis ein Schlüssel zur Kontrolle über die Welt ist. Doch wir benötigen eure Hilfe.“

Kleons Augen verengten sich. „Die Hilfe eines Königs hat ihren Preis, Fremde. Die Geschichte von Atlantis ist nicht nur eine der Macht, sondern auch der Zerstörung. Wenn ihr wissen wollt, was das Artefakt in eurer Hand bedeutet, werdet ihr lernen müssen, den Fluss der Zeit zu verstehen. Und das ist eine Reise, die nicht ohne Gefahren bleibt.“

Plötzlich brach ein lautes Geräusch durch die Stille. Ein dunkler Schatten erschien am Rand der Stadt – ein Koloss, dessen Formen sich in der Luft verzerrten und aus dem Nichts zu kommen schienen.

„Was ist das?“, rief Kai, als er die mächtige Gestalt sah, die sich wie ein gewaltiger Sturm bewegte.

„Es ist der Wächter der Welt“, sagte Kleon, seine Stimme jetzt ernst. „Ein uralter Schutzgeist, der die Stadt bewacht und dafür sorgt, dass kein Fremder das Geheimnis von Atlantis entwendet. Wenn ihr weitergeht, wird er euch nicht ohne Kampf erlauben, dieses Wissen zu finden.“

„Und wie besiegen wir ihn?“, fragte Lyra entschlossen.

Kleon blickte sie mit einem düsteren Lächeln an. „Nicht besiegen. Er kann nicht besiegt werden. Ihr müsst den Wächter überzeugen. Nur wer den Fluss der Zeit wirklich versteht, wird den Wächter mit seinen eigenen Waffen schlagen können.“

„Wir müssen uns beeilen“, sagte Solan, „denn der Wächter ist nicht das einzige Problem. Wir haben noch viele Reisen vor uns, und je mehr wir uns mit der Vergangenheit und der Zukunft verbinden, desto mehr verändert sich das Gleichgewicht.“

Der Wächter, der nun klar sichtbar war, schritt in ihrer Richtung. Er war ein gewaltiges Wesen aus Stein und Energie, seine Form ständig verändernd, als ob er sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft existierte. „Ihr könnt uns nicht aufhalten“, sagte Kai, „wir sind bereit.“

„Nicht für den Wächter“, antwortete Kleon, „nicht für diese Welt.“

Und während die Gruppe in die sich auflösende Landschaft von Atlantis blickte, wusste jeder von ihnen, dass sie sich einer Reise stellen würden, die nicht nur die Geheimnisse dieser Stadt lüften, sondern auch die Essenz der Zeit selbst entwirren würde. Ein neues Abenteuer, ein neues Zeitalter, und eine neue Bedrohung warteten.

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