Kapitel 137: Der Tanz der Zeit – Wiederkehr zur Dunkelheit
Lyra spürte den Sog der Zeit, der sie mit einer unaufhaltsamen Kraft in den nächsten Moment zog. Der Lichtpfad verblasste, und die Gefährten fanden sich inmitten einer neuen Epoche wieder. Die Luft war feucht, der Geruch von verbranntem Holz und blutiger Erde lag in der Atmosphäre. Sie standen erneut in England, doch dieses Mal war alles anders. Die Straßen Londons, die sie in der Vergangenheit kannten, waren von Ruinen übersät. Das Jahr war 1381, und der „Pestzug“ des schwarzen Todes hatte eine Zerstörung hinterlassen, die schlimmer war als der Tod selbst.
„Es fühlt sich an, als ob die Zeit selbst sich in einem wirbelnden Strudel verliert“, sagte Solan und sah nachdenklich um sich. Die Gewohnheiten der Menschen und der Zustand der Stadt schienen immer noch in den Schatten der katastrophalen Ereignisse zu leben.
„Es ist der Ort, an dem die Schatten niemals ruhen“, flüsterte Kai und drückte Lyra mit einem Blick die Bedeutung dieser Worte ein. Der Raum zwischen den Mauern und den zerfallenen Häusern fühlte sich noch immer von den mystischen Kräften durchzogen, die ihre Wege immer wieder kreuzten.
Doch die Gefährten waren nicht hier, um nur in Erinnerungen zu schwelgen. Sie spürten, dass der Grund ihrer Reise sie tiefer in das Gewebe der Geschichte führte. Sie waren zurück in einem Land, das von der Pest geplagt wurde und dessen Bewohner in Angst und Verzweiflung lebten, doch die Schatten, die ihre Zeit durchzogen, hatten sich erneut in eine dunklere Form geflüchtet.
„Die Zeit ist nicht gleich, sie verändert sich ständig“, sagte Lyra entschlossen und zog die Spange aus ihrer Tasche. Der flimmernde Glanz des Artefakts verstärkte das magische Gewicht der Umgebung. „Diese Krankheit, der Schwarze Tod, ist nicht nur das Werk der Natur. Es gibt Kräfte, die im Verborgenen agieren.“
„Und wir müssen sie finden“, fügte Solan hinzu, der durch das zerfallene Straßennetz wanderte. „Dieses Mal könnten die Schatten nicht nur das Leben der Menschen zerstören, sondern auch den Verlauf der gesamten Geschichte.“
Die Gefahr war so real wie der stechende Wind, der durch die leeren Gassen pfiff, und doch war in den Herzen der Gefährten eine unerschütterliche Entschlossenheit. Der Weg führte sie durch das staubige London der pestgeschüttelten Jahre, und ihre Entschlossenheit führte sie zu einem vertrauten Ort, den sie in der Vergangenheit schon betreten hatten: dem verwüsteten Hospital von St. Thomas.
Ein düsteres Wiedersehen
„Wir haben diesen Ort schon einmal betreten“, murmelte Lyra und blickte auf das Gebäude, das durch den Brand der letzten Jahrzehnten fast zerstört worden war. Der Geruch von verbranntem Holz und der Hauch von Verfall erfüllten die Luft. „Doch die Dunkelheit hier ist stärker als zuvor.“
„Die Geschichte hat sich verändert, aber nicht zum Guten“, sagte Kai, während er die vertrauten Ruinen betrachtete. „Was wir hier finden, ist ein weiteres Kapitel der Schatten.“
„Wenn wir die Vergangenheit ändern wollen, müssen wir uns mit den Wurzeln dieser Macht auseinandersetzen“, fügte Solan hinzu und griff nach einem alten Buch, das auf dem Boden lag. Es war staubig, doch die Seiten waren noch immer lesbar, und als er das Buch öffnete, spürten sie sofort, dass es mit einer alten Magie durchzogen war – eine Magie, die die Gefährten kannten, eine, die sie in ihren vorherigen Reisen in den Schatten schon zu oft gesehen hatten.
„Es sind die Tenebris Custos, wieder einmal“, sagte Solan. „Ein geheimer Orden, der die Peste nicht nur als Waffe, sondern als Mittel zur Umgestaltung der Gesellschaft nutzt.“
„Sie haben dieses Land bereits in die Dunkelheit gestürzt“, sagte Kai. „Und diesmal wird die Dunkelheit größer und gefährlicher sein.“
Plötzlich hörten sie Geräusche hinter sich – Schritte, die sich schnell näherten. Es war eine Gruppe von Menschen, die durch die Straßen liefen, in ständiger Furcht, entdeckt zu werden. Lyra trat vor, ihre Hand erhob sich, und die Gruppe verharrte.
„Was tut ihr hier?“ fragte eine junge Frau, die sich zitternd an einen älteren Mann lehnte.
„Wir helfen“, sagte Lyra ruhig, und die Frau atmete erleichtert aus.
„Die Custos haben uns verfolgt“, sagte der Mann. „Sie wollten uns als Opfer der Seuche benutzen, um die Götter zu besänftigen. Doch wir haben überlebt, und wir wollen kämpfen.“
„Wir sind nicht die Einzigen“, sagte Solan und blickte in die Ferne. „Es gibt noch andere, die sich gegen die Dunkelheit stellen.“
Die Gefährten wussten, dass ihr nächster Schritt entscheidend war. Sie würden sich nicht nur gegen die Schatten und die Inquisition stellen müssen, sondern auch gegen die Mächte der Pest, die das Land noch tiefer in Verzweiflung stürzen wollten.
Der Ruf der Vergangenheit – Schlachten der Antike
Die Zeit verschmolz in ihren Händen, und ein weiterer Sog zog sie weiter. Der nächste Ort war ein Dschungel, so dicht und undurchdringlich, dass die Bäume selbst in den Himmel zu ragen schienen. Es war der Amazonas, und dieser Wald war mehr als nur ein gelebter Ort – er war ein Erinnerungsraum, der die Gefährten in das Jahr 800 n. Chr. zurückversetzte, als die Maya-Zivilisation in ihrer vollen Pracht erblühte. Doch diesmal war der Dschungel von einer anderen Aura umgeben – ein kaltes, feindliches Ungeheuer, das in den Schatten lauerte.
„Der Amazonas…“, sagte Lyra nachdenklich. „Ich habe diese Gegend schon einmal gesehen, doch sie ist jetzt anders. Der Dschungel atmet anders, wie ein lebendiger Albtraum.“
„Und dennoch sind die Maya da“, sagte Kai. „Ihre Geheimnisse sind noch immer verborgen. Vielleicht nicht für lange.“
Die Gefährten wurden zu Zeugen einer neuen Begegnung, als ein mystischer Tempel plötzlich vor ihnen auftauchte. Es war der Tempel von Kukulkan – und er war genauso gefährlich wie eh und je.
„Was geschieht hier?“, fragte Lyra, als die Mauern der Ruine unter seltsamen symbolischen Zeichen zu leuchten begannen. „Hat sich die Vergangenheit verändert?“
„Es gibt Kräfte, die versuchen, den Fluss der Zeit selbst zu beherrschen“, sagte Solan. „Und das bedeutet, dass wir die Vergangenheit genauso schützen müssen wie die Zukunft.“
In dieser Welt der Ungewissheit waren sie erneut auf die Dunkelheit gestoßen – eine Dunkelheit, die diesmal nicht nur über das Leben der Menschen herrschte, sondern auch über das Schicksal der gesamten Zivilisationen.
Doch der Ruf der Natur, der sowohl in den geschichtlichen Ereignissen als auch in den dunklen Göttern der alten Kulturen verborgen war, ließ die Gefährten tiefer in diese epischen Abenteuer eintauchen. Sie wussten, dass sie das Schicksal der Geschichte nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Zukunft aller Menschen verändern mussten. Der Amazonas hielt Geheimnisse in seinen Schatten verborgen, und es war an der Zeit, sie zu lüften.
Die Reise war noch lange nicht zu Ende.