Kapitel 125: Die Wellen der Zeit
Der Nebel zog sich weiter, als hätten die Epochen selbst begonnen, sich zu drehen, wie das gezielte Ticken eines Uhrwerks. Lyra, Kai und Solan standen im Mittelpunkt dieses Strudels aus Chaos und Möglichkeit. Die Flut der Zeit hatte sie immer wieder in neue Welten geworfen, doch diesmal war es anders. Inmitten des Sturmgeflüsters schien ein klarer Ruf durch den Nebel hindurchzuklingen, ein Ruf, der sie zu einem Ort führte, den sie schon einmal betreten hatten – jedoch war er verändert, unkenntlich geworden durch den Einfluss des Nebels.
„Ich erinnere mich an diesen Ort“, sagte Kai mit einem leichten Stirnrunzeln, als er in die weite Landschaft blickte. „Aber er fühlt sich… fremd an.“
„Wir waren hier schon einmal“, bestätigte Lyra. „Aber nicht in dieser Zeit. Etwas hat sich verschoben.“
Der Horizont zeigte die Ruinen einer einst prächtigen Stadt, die Kai als das alte Jerusalem erkannte – jedoch war sie nun von einer düsteren, verzerrten Präsenz überzogen, die die Luft mit einer bedrohlichen Spannung füllte. Die Wände der Stadt schienen wie von einer unsichtbaren Hand zerdrückt, und die Straßen, die einst von Krämern, Gelehrten und Pilgern bevölkert waren, lagen jetzt verlassen da. Nur ein leises, geisterhaftes Murmeln war zu hören, als die Gefährten sich durch die verwinkelten Gassen bewegten.
„Es fühlt sich an, als ob die Zeit hier selbst erdrückt wurde“, sagte Solan nachdenklich. „Der Nebel hat diese Stadt ebenso wie viele andere verändert. Aber es gibt Hinweise… die uns zeigen, dass hier etwas anderes vor sich geht. Etwas tieferes.“
Der Nebel schien an diesen Ort gebunden zu sein, doch diesmal war er nicht allein. Hinter den Ruinen, in den Schatten der untergegangenen Architektur, spürten sie eine weitere Präsenz – eine dunkle, uralte Macht. Lyra zog ihr Schwert, und ihre Augen blitzten vor Entschlossenheit.
„Was sind wir hier? Was müssen wir tun?“, fragte sie, als sie den Blick in die Tiefe des schwindenden Nebels richtete. „Was erwartet uns?“
„Es ist der Fluss der Geschichte, der an dieser Stelle aus den Fugen geraten ist“, antwortete Solan, während er die alten Inschriften an den Wänden entzifferte. „Ich kann es nicht genau benennen, aber ich habe das Gefühl, dass wir gerade auf eine neue Wendung der Geschichte zusteuern. Ein Ort, den wir schon einmal betreten haben, aber mit einer völlig neuen Bedeutung.“
„Lasst uns die Wahrheit finden“, sagte Kai, als er voranschritt und die dämmernde Stadt betrat. Doch in seinen Augen lag eine Mischung aus Entschlossenheit und Besorgnis, als er die unheimliche Stille aufnahm. Der Nebel, der immer noch die Mauern verschlang, schien eine Quelle dunkler Magie zu bergen, die sie immer tiefer in die Vergangenheit zurückführte.
Das Schloss von Al-Mustansir
Unbemerkt waren sie in die Zeit des Abbasiden-Kalifats eingetreten, und das prunkvolle Schloss von Al-Mustansir war nur eine der Kulissen dieser verwirrten Realität. Doch was in der Vergangenheit ein blühendes Zentrum des Wissens und des Handels war, hatte sich in dieser neuen Zeit in einen Ort des Verfalls verwandelt. Die Hallen, die einst von Philosophen und Gelehrten durchzogen wurden, waren nun von brennenden Ruinen und der erdrückenden Präsenz des Nebels durchzogen.
„Ich kann es nicht fassen“, sagte Solan. „Ich habe diese Hallen besucht. Hier wurde das Wissen der Welt gesammelt, doch jetzt ist nur noch Stille.“
Lyra blickte sich aufmerksam um. „Und die Stille ist nicht friedlich, sie ist gefährlich. Etwas Dunkles verbirgt sich hier.“
Die Gefährten stießen auf einen geheimen Raum, dessen Türen durch einen mysteriösen Mechanismus versiegelt waren. Als sie den Zugang fanden, offenbarten sich verborgene Inschriften und Symbole, die sie bis an die Grenzen ihrer Fähigkeiten forderten.
„Diese Zeichen“, murmelte Solan, „sind aus einer Zeit, die weit vor uns liegt. Sie führen uns zu etwas noch älterem, etwas, das selbst die größten Gelehrten zu ihrer Zeit nicht verstanden haben.“
Kai trat nach vorn. „Wir müssen herausfinden, was uns hierherführt. Der Nebel wird uns nicht aufhalten.“
Der Fluss von Seuchen und Kriegen
Der Nebel hatte sie weitergeführt, diesmal nicht in die Hallen von Wissen, sondern in die kriegerischen Landschaften, die das europäische Mittelalter durchzogen. Die Gefährten standen inmitten der Schlachtfelder von Agincourt, wo französische und englische Truppen aufeinanderprallten. Doch diese Zeitlinie war verzerrt. Die Huldigung von Edward III., der immer noch inmitten der englischen Armeen marschierte, war von seltsamen, abnormen Kreaturen begleitet – die Menschen schienen wie Marionetten, bewegt von einem unsichtbaren Draht.
„Das ist der Schicksalsmoment, den wir aus den Geschichtsbüchern kennen“, sagte Kai, als er das Schlachtfeld überblickte. „Aber es fühlt sich falsch an. Etwas greift in die Geschichte ein.“
„Mephos ist wieder hier“, stellte Solan fest, als er die Krieger in ihren verzerrten, seelenlosen Bewegungen beobachtete. „Seine Hand reicht bis in diese Kriege.“
Doch die Gefährten wussten, dass sie sich nicht länger nur gegen den Nebel, sondern auch gegen Mephos‘ Einfluss stellten. Die Schlacht wurde von dunklen Kräften gezeichnet – Kräfte, die auch die Seelen der Gefallenen in den Boden zogen.
Der Aufstieg und Fall der Großen
„Wenn wir diese Schlacht besiegen wollen, müssen wir uns der Vergangenheit stellen, die uns jetzt verfolgt“, sagte Lyra, als sie ein letztes Mal auf das Schlachtfeld blickte. „Wir müssen uns unseren eigenen Ängsten und Fehlern stellen, oder wir sind für immer verloren.“
Ihre Reise führte sie weiter – durch die Wirren der Geschichte, durch die Peste von Europa und die Umwälzungen von Kriegen und Aufständen. In der Nähe von Paris, während der Französischen Revolution, trafen sie auf die dunklen Geheimnisse des Templerordens, die immer noch im Verborgenen operierten. Sie stießen auf die gelebten Schrecken der Hexenverfolgung, die den Boden in Europa überzogen, und begegneten Figuren wie Napoléon Bonaparte, der noch immer ein gigantisches Schattenspiel im Verlauf der Geschichte spielte.
Doch nicht nur der Nebel spielte eine Rolle – es waren auch die wahren Kriege, die sich in jeder Epoche abspielten, in denen sie verwickelt waren. Als sie die Feinde von Rurik und dem Kiewer Rus erlebten, als sie die heiligen Schlösser von Aragon und Navarra durchstreiften, als sie das Schwert von Richard Löwenherz in den Händen hielten, wussten sie, dass ihre Reise nicht nur ein Kampf gegen die Zeit war – sondern gegen alles, was sie einmal gewesen waren.
Doch in dieser Geschichte gab es immer eine Konstante – die Gefährten, die immer zusammenblieben, die ihre Kräfte bündelten, um der Dunkelheit zu trotzen, die die Zeit selbst in den Griff bekam. Und sie wussten, dass sie der Geschichte nicht nur begegneten – sie waren ein unzertrennlicher Teil davon.
Die Reise war weit von einem Ende entfernt. Doch die Gefährten hatten ein weiteres Mal einen Wendepunkt erreicht. Und was vor ihnen lag, war ein Geheimnis, das die Wellen der Zeit für immer verändern konnte.