Kapitel 121: Die Strömungen des Schicksals
Der Nebel hatte sich erneut verdichtet, doch diesmal war er anders. Es war nicht der schier endlose Schleier, der sie zuvor in die tiefsten Epochen gezogen hatte. Diesmal war er lebendig – pulsierend und atmend. Lyra, Kai und Solan standen inmitten der gewohnten, dichten Feuchtigkeit und spürten, wie die Zeit sie umhüllte, wie ein altes, längst vergessenes Lied. Sie konnten fühlen, dass etwas anders war, als sie an diesen Ort zurückkehrten, der ihnen einst so vertraut war.
„Das hier… es ist der Fluss der Geschichte, aber er ist jetzt wie ein wildes Gewässer, das uns mit sich reißt“, sagte Solan, und sein Blick fiel nachdenklich auf die Straßen, die sich vor ihnen ausbreiteten. „Wir sind wieder hier, aber die Welt hat sich verändert. Paris, wie wir es einst sahen, ist nun nicht mehr das, was es war.“
Sie standen auf einem weitläufigen Platz, der von prachtvollen, aber verwitterten Gebäuden gesäumt war, und der Geruch von Staub und nassem Stein stieg ihnen in die Nase. Der Tuilerienpalast, den sie noch aus ihren ersten Reisen kannten, war in weiten Teilen zerstört und von den Aufständen gezeichnet. Doch es war nicht nur der Palast, der verändert war – die Atmosphäre war anders. Alles, was sie kannten, war von einem finsteren, beinahe bedrückenden Nebel umhüllt. Etwas war nicht in Ordnung.
„Es fühlt sich an, als ob der Wandel der Zeit selbst von einer dunklen Macht beeinflusst wird“, sagte Kai und spürte die Zerrissenheit, die in der Luft lag. „Es ist, als ob der Nebel hier immer mehr von der Dunkelheit des Chaos verschlungen wird.“
„Mephos‘ Einfluss ist stärker denn je“, murmelte Solan. „Er hat die Strömungen der Geschichte zu seinen Gunsten umgedreht. Die Revolution wird nicht die einzige Umwälzung bleiben, die uns in diese Zeit führt. Der Nebel wird uns in noch tiefere, vergessene Epochen reißen.“
Die Straße war jetzt leer, von der einst lebhaften Revolution blieb nur noch das Echo der Schreie, die vor Jahrhunderten den Himmel durchzogen hatten. Die Luft war schwer von Trauer und Krieg, und sie spürten den Hauch der kommenden Dunkelheit, die alles verschlingen würde. Doch sie waren nicht allein. Immer wieder tauchten vertraute Gesichter auf – ihre Gefährten, die sie auf ihrer Reise begleitet hatten.
„Wir müssen vorwärts“, sagte Lyra, ihre Augen fest auf die veränderte Landschaft gerichtet. „Der Nebel führt uns weiter. Es gibt mehr zu entdecken, und mehr, was wir ändern müssen.“
Die Kleidung der Gefährten hatte sich längst der Zeit angepasst, in der sie sich nun befanden. Lyra trug ein schlichtes, aber elegantes Kleid aus schwerem Stoff, das im Wind flatterte. Kai trug eine lederne Weste und Stiefel, die die Spuren unzähliger Reisen trugen. Solan, der Historiker, hatte sich einen schlichten Mantel umgelegt, der ihn wie einen Gelehrten der damaligen Zeit erscheinen ließ.
„Es wird keine Ruhe geben, bis wir herausfinden, wie wir Mephos endgültig aufhalten können“, fügte Solan hinzu.
Und so zogen sie weiter durch die Straßen, deren flimmernde Fassaden sie an die alten Tage erinnerten, die sie früher erlebt hatten. Doch der Nebel veränderte die Welt, in die sie zurückgekehrt waren, und ließ sie von der alten, vertrauten Zeit nur Fragmente übrig.
Die Umbrüche der Geschichte
Die Reise führte sie weiter, und sie tauchten tief in die verschiedenen Epochen ein. Jedes Mal, wenn sie einen neuen Ort betraten, war er ein Stück fremder, als sie ihn in ihren Erinnerungen abgelegt hatten. Sie erlebten die brutalen Kämpfe des Mittelalters, die Belagerungen und Eroberungen, die das Gesicht der Welt immer wieder verwandelten. Sie standen auf den staubigen Schlachtfeldern von Hastings, als die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer gegen das angelsächsische Heer kämpften, und sie spürten das Zucken der Pfeile, das Rasseln der Rüstungen.
In Schottland nahmen sie an den blutigen Kämpfen um die Unabhängigkeit teil, kämpften an der Seite von William Wallace, der den schottischen Freiheitskampf anführte. Die Atmosphäre war dicht von Schweiß und Blut, die Luft von Kampfgeschrei und Waffengeklirr. In dieser Zeit, die für viele nur von Verlust und Tragödien geprägt war, fanden die Gefährten etwas, das sie nie erwartet hätten – Verbündete, die ihnen bei ihrer Reise halfen. Zu ihren Reihen stieß eine Gruppe von Ritterorden, die sich auf geheimen Wegen bewegten, und ein rätselhafter, aber furchtloser Piratenkapitän namens Lysandra, deren Schiff sie über die Meere brachte.
„Lysandra… du hast dich uns in einer Zeit angeschlossen, in der wir alle verloren schienen“, sagte Lyra, als sie auf einem von Lysandras Schiff stand, das in den Wellen schaukelte. „Warum bist du mit uns gekommen?“
„Weil das, was ihr sucht, auch mein Ziel ist“, antwortete Lysandra mit einem entschlossenen Blick. „Die Geschichte wird immer von denjenigen geschrieben, die bereit sind, für ihre Freiheit zu kämpfen. Und ich will wissen, was die Zukunft uns bringt, bevor die Zeit uns überrollt.“
Die Reise führte sie in die Orient-Reiche, zu den mächtigen Städten Bagdad und Kairo, wo sie in den höfischen Räumen der Kalifen und Sultane verweilten. Hier, in den goldenen Hallen, lernten sie von den großen Dichtern und Philosophen der Zeit – von Rumi und Avicenna. Sie begegneten denen, die die Geheimnisse der Welt in den Schatten der Zelte und Paläste suchten. Doch auch hier blieb der Nebel nicht fern. Der Einfluss von Mephos war überall, und die Gefährten fühlten, wie seine Schatten selbst diese prunkvollen Städte heimsuchten.
„Du hast das Gleichgewicht gestört, Mephos“, sagte Kai, als er mit Solan durch die Straßen der Stadt ging. „Aber auch hier wirst du nicht siegen.“
Der Nebel zog weiter, unaufhaltsam, und führte sie in die Kriege der Neuzeit – zu den napoleonischen Schlachten, die die Zukunft Europas prägten, und zu den dunklen Tagen der Pest, die über ganz Europa hinwegzog. Doch auch in diesen dunklen Tagen, zwischen den Schrecken und der Düsternis, blieb der Funke der Hoffnung lebendig. Sie fanden Freunde in den Reihen von Napoleon, kämpften Seite an Seite mit den französischen Soldaten in den bitteren, eisigen Wintern und versuchten, gegen die Macht des Nebels und von Mephos zu bestehen.
Die Kriege der Freiheit
„Die Geschichte ist nicht nur ein Fluss“, sagte Solan eines Abends, als die Gefährten vor einem Feuer saßen. „Sie ist ein Ozean, unvorhersehbar und tief. Doch der Nebel ist der Sturm, der alles zu verschlingen droht. Wir müssen den Sturm bezwingen, um die Freiheit der Geschichte zu bewahren.“
„Und wir werden es tun“, sagte Lyra, ihre Augen fest auf den Horizont gerichtet. „Die Götter mögen uns verlassen haben, aber wir werden nicht aufgeben. Es gibt mehr in der Geschichte zu entdecken, mehr zu retten. Und wir sind nicht allein.“
Die Reise hatte sie bis an die Ränder der Welt geführt, durch das Alte und das Neue, durch das Unvorstellbare und das Bekannte. Und so gingen sie weiter, entschlossen, den Nebel zu besiegen, die Strömungen der Geschichte umzupolen und die Freiheit der Zeit zurückzuerobern. Die Gefährten wussten, dass die Reise noch lange nicht zu Ende war – und dass der wahre Kampf erst noch bevorstand.