Kapitel 114: Das Erbe der Epochen
Die Reise durch die Zeit hatte die Gruppe erneut an einen vertrauten Ort geführt, doch der Eindruck, den der Ort nun hinterließ, war von einer anderen Qualität. Der windgepeitschte Hafen, den sie vor langer Zeit betreten hatten, war nun mit einer neuen Aura durchzogen. Die Zeit hatte ihn geformt, gezeichnet von den Abdrücken der Geschichte. Doch trotz der Veränderungen blieb etwas Beständiges in der Luft – eine Präsenz, die die Gruppe wie einen unsichtbaren Faden verband.
Lyra, Kai, Solan und die anderen Gefährten hatten ihren Weg aus den Wirren der Schlacht um die spanische Armada gefunden. Doch die Reise war längst nicht zu Ende. Ihre Schritte führten sie durch die Straßen einer längst vergangenen Zeit, doch die vertrauten Häuser, die sie zuvor durchstreift hatten, wirkten nun fremd und unvertraut. Die Mauern, die einst in bröckelndem Glanz standen, waren nun durch die Hand der Geschichte verfallen.
„Es ist ein seltsames Gefühl“, sagte Solan und fuhr mit seinen Fingern über den staubigen Stein einer alten Ruine. „Dieser Ort, wir waren schon einmal hier, doch er ist anders. Die Zeit hat Spuren hinterlassen.“
„Ja“, sagte Lyra und blickte auf, als ihre Hand den Armband an ihrem Handgelenk straffte, der sich mittlerweile perfekt in die neue Ära eingepasst hatte. „Doch es fühlt sich nicht nur anders an. Es fühlt sich an, als ob der Riss, den Mephos hinterlassen hat, tief in den Fundamenten der Welt selbst eingegraben wurde.“
Die Gruppe setzte ihren Weg fort und begab sich in ein weiter entferntes Tal, dessen wuchtige Gebirgsketten die Landschaft überragten. In der Ferne erhoben sich die trutzigen Mauern einer alten Festung, die nun Teil eines Königreichs war, das in ihren Zeitreisen eine Schlüsselrolle spielen sollte. Dies war nicht der erste Moment, an dem sie auf diese Festung stießen, aber der Ort hatte sich verändert – von einem stillen Überbleibsel einer längst vergangenen Ära zu einer hochgehandelten Bastion im Angesicht eines kommenden Krieges.
„Der Krieg gegen die Iberer rückt näher“, sagte Kai und blickte in die Ferne, wo die Schiffe der spanischen Flotte sich wie schwarze Flecken gegen den Horizont abzeichneten. „Es ist der Beginn eines der blutigsten Konflikte des Mittelalters. Und Mephos‘ Einfluss wird hier nicht weniger stark sein.“
„Wir müssen mehr herausfinden“, sagte Solan, als er eine alte Karte aus seiner Tasche zog, die die Gruppe in eine entscheidende Schlacht führen würde: die Schlacht von Hastings, der berühmte Wendepunkt in der Geschichte Englands. Doch diesmal war der Verlauf nicht mehr derselbe, denn die Veränderungen, die Mephos durch seine Manipulation der Zeit erzeugt hatte, hatten auch hier tiefere Risse hinterlassen. „Der Sieg von Wilhelm dem Eroberer könnte anders verlaufen. Aber wir wissen nicht wie, nicht bis wir in der Zeit selbst sind.“
Die Gruppe bereitete sich auf den Übergang vor, als ein starkes Rucken den Boden unter ihren Füßen erschütterte. In einem einzigen Moment war die Landschaft um sie herum wie zerrissen, und sie fanden sich plötzlich inmitten der staubigen Weiten eines Schlachtfelds wieder. Dies war nicht das England, das sie aus ihren Büchern kannten – es war ein England, das von den dichten Nebeln der Geschichte umhüllt war, das sich unter dem Druck von Konflikten und Kriegen verwandelte.
„Hier“, sagte Lyra und deutete auf die Schilder und Banner, die in den Wind wehten. „Hier werden wir die Schlüssel finden, um das Spiel von Mephos zu beenden.“
Doch die Gruppe wusste, dass sie sich nicht nur den Herausforderungen der Zeit stellen mussten – auch die Gefährten, die sie in ihren vergangenen Reisen gewonnen hatten, würden erneut eine Rolle in diesem epischen Abenteuer spielen. Die berühmten Piraten, die sie auf ihren Reisen begleitet hatten, die Komponisten, Dichter und Philosophen, die in den Wirren der Geschichte ihre Stimme erhoben hatten, alle sollten nun in einem neuen Zusammenhang stehen.
„Seht dort“, sagte Kai, als er eine vertraute Gestalt aus der Ferne kommen sah. „Es ist Jean-Paul Marat, der Revolutionär. Er hat in dieser Epoche noch eine andere Aufgabe als die, die er in der Zukunft erfüllen wird. Und Beethoven… auch er ist hier.“
Die Geschichte selbst schien eine Symphonie aus zahllosen Epochen zu sein, die miteinander verflochten waren. Die Gruppe wusste, dass sie in dieser Zeit nicht nur gegen Mephos kämpfen, sondern auch die Zeit selbst verteidigen mussten, bevor sie weiter in die Epochen vordrangen.
„Wir sind ein Teil dieses Kreises geworden“, sagte Lyra und blickte zu den flimmernden Konturen der Vergangenheit, die um sie herum schwankten. „Wir sind die unsichtbaren Fäden, die das Geflecht der Geschichte zusammenhalten.“
Doch nicht nur historische Persönlichkeiten wie Marat und Beethoven begegneten der Gruppe in dieser entscheidenden Zeit. Die Gruppe wurde immer wieder von den uralten Kräften der Geheimbünde herausgefordert, die im Schatten der Geschichte operierten. Eine dieser Gruppen war die „Bruderschaft der Freiheit“, die heimlich die Fäden der Revolutionen zog und die Ketten der Monarchen zu sprengen versuchte. Diese Bruderschaft, ein Geheimbund von Revolutionären und Intellektuellen, war tief in der französischen Revolution verankert, aber sie hatte auch ihre Wurzeln in den älteren, esoterischen Traditionen der Templer und der Alchimisten.
„Mephos muss auch hier seine Finger im Spiel haben“, murmelte Solan und deutete auf das geheime Symbol, das auf einem alten Dokument prangte, das in der Hand eines Anführers der Bruderschaft lag. „Seine Macht hat diese Bruderschaften durchzogen, doch wir wissen, dass wir ihn hier stoppen müssen.“
Die Landschaft um sie herum war geprägt von den Umbrüchen der Zeit. In der Ferne konnten sie das französische Pariser Viertel sehen, das von den Menschen der Revolution erfüllt war – ein Ort, an dem das Chaos der Guillotine und der Bluthund des Krieges die Straßen beherrschten.
„Die Straßen von Paris sind ein Schlachtfeld“, sagte Kai. „Es ist, als ob der ganze Kontinent in einem Feuersturm versinkt.“
Doch die Geschichte, die sie jetzt schrieben, war von einer anderen Qualität. Sie trugen nicht nur das Wissen um die Zukunft in sich, sondern auch die Verantwortung, die Zeit und die Schicksale der Menschen zu lenken. Wie ein unsichtbarer Schleier lag die Zukunft über ihnen, und sie wussten, dass der Schatten von Mephos sie immer weiter verfolgen würde.
„Die Schlacht ist noch nicht entschieden“, sagte Lyra, als sie eine Gruppe von Revolutionären anführte. „Doch wir sind die, die sie für die Zukunft gewinnen müssen.“