Innere Stärke wächst im stillen Aushalten
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Innere Stärke wächst im stillen Aushalten

Der Wind schiebt eine kalte Böe durch die schmale Gasse hinter dem Hauptbahnhof Hannover, als wäre er selbst erschöpft vom Tag. Es riecht nach nassem Asphalt, Dieselresten und dem schwachen, süßlichen Duft von frisch gebrühtem Filterkaffee, der aus einem der kleinen Imbisswagen quillt. Menschen hasten vorbei, Aktenkoffer schlagen gegen Knie, Handys leuchten Gesichter blau an. Mitten in diesem Strom steht Lene Marquardt, 34, Gleisbautechnikerin bei der Deutschen Bahn, Schicht von 22 bis 6 Uhr. Sie trägt die orangefarbene Warnweste noch halb offen über dem dunkelgrauen Fleecepullover, die Kapuze hat sie hochgezogen, sodass nur ein schmaler Streifen Gesicht frei bleibt. Ihre Hände umklammern einen Pappbecher mit schwarzem Kaffee, der schon lange nicht mehr heiß ist.

Sie atmet langsam aus. Der Atem steht kurz weiß in der Luft. In diesem Moment, zwischen zwei Zügen, die in entgegengesetzte Richtungen donnern, fragt sie sich zum vielleicht dreihundertsten Mal in diesem Jahr: Was hält mich eigentlich noch zusammen, wenn alles gleichzeitig bricht?

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Frage, die fast jeder einmal stellt

  2. Was wirklich stabilisiert – keine Theorie, sondern Beobachtung

  3. Der Körper als erster Kompass

  4. Gedanken, die man nicht glauben muss

  5. Beziehungen als unsichtbare Tragbalken

  6. Rituale, die man sich selbst schenkt

  7. Wenn der Boden wegbricht – drei echte Szenarien

  8. Die Kunst, das Loch nicht zu vergrößern

  9. Stille als aktive Kraft

  10. Was bleibt, wenn nichts mehr bleibt

  11. Ein kleines Arsenal für den nächsten Sturm

Die Frage, die fast jeder einmal stellt

Es gibt Nächte, in denen man nicht mehr weiß, ob man noch steht oder schon fällt. Man spürt es nicht als großen Knall, sondern als leises, anhaltendes Nachgeben – wie ein morsches Brett, das unter langsamem Druck nachgibt, ohne zu splittern. Die meisten Menschen nennen das „durchhalten“. Lene nennt es „noch da sein“.

In den letzten Jahren habe ich mit sehr vielen Menschen gesprochen, die genau an diesem Punkt standen: Pflegefachkraft in einer überlasteten Station in Graz, alleinerziehender Vater und Staplerfahrer in einer Logistikhalle bei Dortmund, selbstständige Grafikdesignerin in Basel, die seit achtzehn Monaten keinen Auftrag mehr hatte, der die Miete deckte, Lehrerin in einer Brennpunktschule in Essen, die jeden Morgen überlegte, ob sie heute kündigt oder einfach nicht mehr aufwacht.

Sie alle stellten – früher oder später – dieselbe nackte Frage:

Was brauche ich, um mich in schwierigen Situationen innerlich gehalten und stabil zu fühlen?

Die Antwort ist nie eine einzige Sache. Sie ist ein Geflecht. Und dieses Geflecht muss man nicht erst bauen, wenn der Sturm schon da ist. Man kann es vorher verstärken, Faser für Faser.

Was wirklich stabilisiert – keine Theorie, sondern Beobachtung

Innere Stabilität entsteht nicht durch positives Denken allein. Sie entsteht auch nicht durch Willenskraft oder durch Mantras, die man sich vorsagt, bis sie hohl klingen. Sie entsteht durch eine sehr kleine Anzahl von Dingen, die man immer wieder tut – auch wenn sie banal wirken.

  1. Man weiß, wo der eigene Körper gerade ist.
  2. Man lässt bestimmte Gedanken kommen und gehen, ohne sie zu füttern.
  3. Man hat mindestens eine Person, bei der man kein Theater spielen muss.
  4. Man hat mindestens ein winziges Ritual, das nur einem selbst gehört.
  5. Man akzeptiert, dass es Tage gibt, an denen man nur existiert – und dass das genug ist.

Das klingt unspektakulär. Es ist unspektakulär. Und genau deshalb funktioniert es.

Der Körper als erster Kompass

Bevor der Verstand etwas erklären kann, weiß der Körper meist schon Bescheid. Lene hat das in den Nächten auf der Strecke zwischen Hannover und Lehrte gelernt. Wenn die Adrenalinwelle nach einem Beinahezusammenstoß mit einem unangekündigten Arbeitszug abebbt, bleiben die Schultern oben, die Kiefermuskeln hart, der Atem flach. Der Verstand sagt: „Alles gut, weiter.“ Der Körper sagt: „Lüge.“

Seitdem macht sie eine Übung, die sie „Füße wachrufen“ nennt. Sie stellt sich breitbeinig hin, möglichst auf Schotter oder Beton, schließt kurz die Augen und drückt die Fußsohlen bewusst in den Untergrund. Sie spürt die Kiesel, die Unebenheit, das leichte Schwanken. Dann atmet sie dreimal tief in den Bauch und lässt die Schultern bewusst fallen. Das Ganze dauert selten länger als 35 Sekunden. Es rettet Nächte.

Wer das regelmäßig macht – auch wenn es sich dämlich anfühlt –, bemerkt nach einigen Wochen, dass der Körper schneller signalisiert, wann die Belastungsgrenze erreicht ist. Man gewinnt Zeit. Zeit, bevor man explodiert oder kollabiert.

Gedanken, die man nicht glauben muss

Der zweithäufigste Irrtum: Man müsse aufhören, negative Gedanken zu haben. Das ist ungefähr so realistisch wie die Aufforderung, nie wieder Durst zu haben.

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Eine realistischere Haltung lautet: Gedanken sind Wolken. Manche sind dunkel, manche gewittrig, manche harmlos grau. Man muss sie nicht auflösen. Man muss sie nur nicht für die Wahrheit halten.

Ein junger Mann, Elias Korbinian, 29, Notfallsanitäter in Innsbruck, hat sich eine einfache Formulierung angewöhnt, die er innerlich sagt, sobald die Spirale losgeht („Ich schaffe das nie wieder“, „Ich bin kaputt“, „Alle anderen sind besser“):

„Da ist ein Gedanke. Er fühlt sich gerade sehr echt an. Das heißt nicht, dass er recht hat.“

Er wiederholt den Satz nicht wie ein Mantra. Er stellt ihn fest – wie man feststellt, dass es regnet. Und dann geht er weiter. Die meisten Gedanken verlieren nach dreißig bis neunzig Sekunden an Druck, wenn man sie nicht mehr aktiv festhält.

Beziehungen als unsichtbare Tragbalken

Man braucht nicht viele Menschen. Man braucht ein, zwei, maximal drei, bei denen man sagen kann:

„Ich bin heute scheiße drauf. Kannst du einfach nur zuhören?“

Und sie sagen dann nicht „Das wird schon“, sondern „Okay. Ich bin da.“

Mara Vesely, 41, Stationsleiterin Intensivpflege in Klagenfurt, hat nach der Trennung von ihrem Mann zwei Jahre lang niemanden mehr an sich herangelassen. Irgendwann saß sie in einer Nachtschicht neben einer Kollegin, die gerade ihre Mutter verloren hatte. Sie reichte ihr einen Kaffee und sagte leise: „Wenn du reden willst, ich hör zu. Wenn nicht, sitzen wir einfach.“ Die Kollegin hat nicht geredet. Aber sie hat geweint. Und Mara merkte plötzlich, dass sie selbst auch weinen könnte – ohne sich dafür zu schämen.

Von da an gab es diese eine Kollegin, die wusste, wann Mara nur schweigen wollte. Und das reichte.

Rituale, die man sich selbst schenkt

Rituale sind keine Esoterik. Sie sind Anker.

Beispiele, die ich in den letzten Jahren immer wieder gehört habe:

  • Jeden Abend um 22:17 Uhr drei Zeilen in ein kleines schwarzes Heft schreiben. Egal was.
  • Nach Schichtende immer dieselbe Runde um den Block drehen, immer dieselbe Bank ansteuern, immer dieselbe Zigarette rauchen (oder denselben Tee trinken).
  • Vor dem Einschlafen die Schuhe des Tages bewusst nebeneinander stellen und sagen: „Für heute ist Schluss.“
  • Eine bestimmte Playlist von genau sieben Songs, die man nur hört, wenn alles zu viel wird.

Das Gehirn liebt Vorhersagbarkeit. Ein winziges Ritual signalisiert: Es gibt etwas, das ich kontrolliere.

Wenn der Boden wegbricht – drei echte Szenarien

  1. Der Tag, an dem alles gleichzeitig eintrifft Nadine Thalmann, 38, Bauleiterin im Straßenbau, Aargau. Ihr Vater stirbt, zwei Tage später kündigt die wichtigste Kundin, am selben Abend erfährt sie, dass die Firma Insolvenz anmelden muss. Sie sitzt auf der Treppe vor ihrem Reihenhaus, hört die Nachbarskinder lachen und denkt: „Ich kann nicht mehr.“

    Was sie tat: Sie rief niemanden an. Sie setzte sich ins Auto, fuhr zum nächstgelegenen See (Hallwilersee), zog die Schuhe aus, stellte die Füße ins Wasser. Eine Stunde lang. Dann fuhr sie nach Hause und schrieb ihrer Schwester eine SMS: „Kannst du morgen früh kommen? Ich brauche jemanden, der mich zwingt, Kaffee zu trinken.“

    Der Rest kam später.

  2. Die Woche, in der nichts mehr geht Jannik Behrens, 32, Altenpfleger in Flensburg. Burnout. Er stand nachts um drei im Flur, wusste nicht mehr, wie man „Guten Morgen“ sagt.

    Was er tat: Er nahm sich drei Tage Urlaub, obwohl er sich das nicht leisten konnte. Er lag die meiste Zeit auf dem Sofa. Er aß Toast mit Marmelade. Er schaute aus dem Fenster auf den Hafen. Am dritten Tag stand er auf, duschte und ging zum Bäcker. Er kaufte ein Croissant. Er setzte sich auf eine Bank am Wasser. Er weinte nicht. Er aß einfach das Croissant. Es schmeckte nach nichts. Aber er hatte es gegessen. Das war der Anfang.

  3. Der Moment, in dem man merkt, dass man allein ist Valentina Rieder, 45, Projektleiterin für internationale Logistik, St. Gallen. Nach der Scheidung saß sie in ihrer neuen, viel zu großen Wohnung und verstand plötzlich, dass niemand mehr fragen würde, wie ihr Tag war.

    Was sie tat: Sie kaufte einen Kaktus. Sie nannte ihn Horst. Jeden Sonntagabend goss sie ihn und erzählte ihm, was passiert war. Es fühlte sich lächerlich an. Gleichzeitig hörte sie auf zu frieren.

Die Kunst, das Loch nicht zu vergrößern

Wenn man fällt, neigt man dazu, sich selbst noch tiefer zu stoßen:

„Ich hätte das kommen sehen müssen.“ „Ich bin einfach nicht gut genug.“ „Andere schaffen das doch auch.“

Jeder dieser Sätze ist ein Spaten, mit dem man das Loch größer gräbt.

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Eine Alternative: „Ich bin gerade gefallen. Das tut weh. Und jetzt atme ich erst einmal.“

Nur das.

Stille als aktive Kraft

Die meisten Menschen fürchten die Stille, weil sie denken, sie müssten sie füllen. Dabei ist Stille oft der Raum, in dem sich die Dinge von allein sortieren.

Lene hat angefangen, nach jeder Nachtschicht zwanzig Minuten im Auto zu sitzen, Motor aus, Radio aus, Handy aus. Sie schaut auf den Parkplatz, hört das Blech ticken, während es abkühlt. Manchmal weint sie. Manchmal denkt sie an nichts. Meistens passiert gar nichts. Und genau das ist das Wichtige: nichts muss passieren.

Was bleibt, wenn nichts mehr bleibt

Am Ende bleibt oft weniger, als man denkt. Und manchmal ist genau das die Befreiung.

Man bleibt übrig. Der Atem geht weiter. Die Füße berühren noch den Boden. Die Welt dreht sich weiter. Und irgendwann merkt man: Das reicht schon.

Nicht für immer. Aber für heute.

Ein kleines Arsenal für den nächsten Sturm

  • Füße auf den Boden drücken, Augen schließen, drei tiefe Atemzüge.
  • Den Satz sagen: „Das ist ein Gedanke. Er muss nicht wahr sein.“
  • Eine Person anrufen und nur sagen: „Ich bin gerade nicht gut drauf. Bleibst du kurz dran?“
  • Ein winziges Ritual machen, das nur dir gehört.
  • Sich erlauben, heute einfach nur da zu sein – ohne Leistung, ohne Plan, ohne Erklärung.

Das ist kein Patentrezept. Es ist ein Werkzeugkasten. Und Werkzeugkästen retten Leben.

Ich habe heute Morgen mit Lene gesprochen. Sie sagte: „Manchmal halte ich einfach nur durch, weil ich weiß, dass der Zug irgendwann hält. Und dann steige ich aus. Und dann gehe ich weiter.“

Das ist alles.

Und das ist genug.

Hat dir der Text heute irgendwo geholfen durchzuhalten? Schreib mir gern in die Kommentare, an welchem Punkt du gerade stehst – und was dir in den letzten Tagen ein kleines Stück Stabilität gegeben hat. Deine Sätze helfen oft mehr Menschen, als du denkst.

Über mich – Andreas Schulze

Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.

Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.

Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.

Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.

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