Innere Klarheit finden in stürmischen Zeiten
Stell dir vor, der Wind reißt an den Fensterläden eines alten Hauses in Innsbruck, Tirol. Es ist früher Morgen, der Schnee liegt noch frisch auf den Dächern der Altstadt und die Nordkette steht scharf gegen den grauen Himmel. In diesem Moment sitzt Valentin Moser, 38 Jahre alt, gelernter Elektroinstallateur im Bereich erneuerbare Energien, am Küchentisch. Vor ihm dampft ein starker Wiener Melange. Seine Hände umschließen die Tasse, als wäre sie das Einzige, was ihn noch hält.
Er hat in den letzten achtzehn Monaten alles verloren, was er für stabil hielt: die langjährige Beziehung, den festen Arbeitsvertrag bei einem mittelständischen Installationsbetrieb, den Glauben, dass harte Arbeit irgendwann automatisch Sicherheit bringt. Und doch sitzt er jetzt hier – nicht zerbrochen, sondern seltsam ruhig. Er sagt später in einem langen Gespräch: „Irgendwann war der Sturm so laut, dass ich meine eigene Stimme nicht mehr gehört habe. Da habe ich aufgehört zu kämpfen und einfach zugehört.“
Was genau passiert, wenn der innere Kompass versagt
Du kennst dieses Gefühl vermutlich. Die äußeren Umstände drehen sich immer schneller – Umstrukturierungen, Kündigungswellen in Branchen, die gestern noch als krisensicher galten, Mieten, die schneller steigen als die Gehälter, Nachrichten, die permanent Alarm schlagen. Der Körper reagiert zuerst: Herzrasen beim Aufwachen, flache Atmung den ganzen Tag, Schlaf, der sich anfühlt wie ein kurzer Boxenstopp zwischen zwei Runden.
Valentin erzählte, dass er monatelang jeden Abend mit dem Gedanken einschlief: „Morgen muss ich das anders machen.“ Und jeden Morgen war alles beim Alten – nur die Erschöpfung war größer geworden. Bis er eines Tages in einem Innsbrucker Nebenraum einer kleinen Kletterhalle saß, die er früher nur zum Trainieren genutzt hatte. Er hatte sich dort verkrochen, weil er niemanden mehr sehen wollte. Und genau in dieser erzwungenen Stille passierte etwas Entscheidendes: Er hörte auf, Lösungen zu suchen. Stattdessen begann er, die Fragen zu ertragen.
Der entscheidende Perspektivwechsel: Von „Wie komme ich hier raus?“ zu „Was will dieser Sturm mir beibringen?“
Die meisten Menschen versuchen in Krisen, den Sturm zu stoppen. Sie googeln schneller, netzwerken hektischer, nehmen jeden Nebenjob an, schlucken Energydrinks und Vitamine in industriellen Mengen. Das funktioniert eine Weile – bis der Körper streikt oder die Seele sich endgültig verabschiedet.
Eine kleine, aber wachsende Zahl von Menschen beginnt stattdessen, den Sturm als Lehrer zu behandeln.
Livia Baumgartner, 34, Intensivpflegekraft in einem Linzer Krankenhaus, beschrieb es so: „Ich habe drei Jahre lang Doppelschichten gemacht, weil ich dachte, wenn ich nur genug Geld spare, kann ich irgendwann aussteigen. Dann kam die Pandemie-Nachwirkung, die Personalknappheit wurde noch schlimmer, und ich stand vor einem Burnout. In der schlimmsten Nacht habe ich mich gefragt: Was, wenn dieser Job mich nicht zerstören will – sondern mir zeigt, dass ich längst woanders hingehöre?“
Drei Monate später kündigte sie fristgerecht und begann eine berufsbegleitende Ausbildung zur systemischen Beraterin. Nicht weil alles plötzlich leicht wurde, sondern weil sie aufgehört hatte, gegen die Erschöpfung anzukämpfen und stattdessen zu fragen: „Was genau will meine Seele gerade nicht mehr mitmachen?“
Die vier unsichtbaren Wände, die Klarheit blockieren
- Die Geschichte, die du dir selbst erzählst Du erzählst dir seit Jahren: „Ich bin jemand, der durchhält.“ Oder: „Ohne Sicherheit kann ich nicht leben.“ Solange diese Geschichte heiliger ist als die Wahrheit des Moments, bleibt Klarheit blockiert.
- Der Zwang, sofort handeln zu müssen Der Kopf sagt: „Wenn ich jetzt nicht handle, passiert etwas Schlimmes.“ Meistens passiert das Schlimmste aber genau dann, wenn du aus Panik handelst.
- Der Vergleich mit anderen Auf Social Media siehst du Menschen, die scheinbar mühelos umschwenken, auswandern, gründen, glücklich wirken. Das ist eine hochselektierte Momentaufnahme – keine Realität.
- Der Verlust des Kontakts zum Körper Du denkst, Klarheit entsteht im Kopf. In Wahrheit entsteht sie im Bauch, in der Brust, in den Händen, die plötzlich zittern oder warm werden, wenn etwas stimmt.
Wie du den Sturm bewusst betrittst – ein realistischer Ablauf
Du brauchst keine Woche Retreat in den Bergen. Du kannst heute Abend beginnen.
Schritt 1 – Den Raum abdunkeln (wörtlich und metaphorisch) Setz dich 20 Minuten in ein abgedunkeltes Zimmer. Kein Handy, kein Licht außer einer Kerze oder kleinen Lampe. Atme einfach. Wenn Gedanken kommen, sag innerlich: „Ich sehe dich.“ Das ist alles. Keine Analyse, kein Kampf.
Schritt 2 – Die eine gefährliche Frage stellen Nicht „Was soll ich machen?“, sondern: Was darf in meinem Leben jetzt sterben? Schreib auf, was sofort hochkommt – ohne Zensur. Meistens ist die erste Antwort schon die ehrlichste.
Schritt 3 – Den Körper sprechen lassen Stell dich hin. Schließe die Augen. Frage: „Wo in meinem Körper fühlt sich diese Entscheidung / diese Angst / dieser Gedanke eng an?“ Warte. Der Körper lügt fast nie.
Schritt 4 – Den kleinsten möglichen Schritt gehen Nicht den großen Sprung. Sondern den winzigsten Schritt, der sich lebendig anfühlt. Für Valentin war es, jeden Morgen 15 Minuten in der stillen Küche zu sitzen, bevor er den ersten Kaffee trank. Für Livia war es, eine einzige Bewerbung für eine Weiterbildung abzuschicken – und danach zwei Tage lang nichts mehr zu tun.
Ein aktueller Trend, der gerade aus Nordamerika und Skandinavien nach Mitteleuropa kommt
„Somatic Clarity Practices“ – also verkörperte Klarheitsübungen. In Kanada und Schweden arbeiten Coaches und Therapeuten vermehrt mit Methoden, die den Körper als primären Entscheidungssensor nutzen: Trembling (absichtliches leichtes Zittern), bewusste Kälteexposition kombiniert mit Atem, langsames „Tracking“ von Körperempfindungen während emotionaler Fragen. Das ist kein Eso-Kram, sondern neuropsychologisch unterfütterte Praxis: Der Vagusnerv und das enterische Nervensystem (der Bauchhirn) reagieren schneller und ehrlicher als der präfrontale Cortex. In Berlin, Graz und Zürich entstehen gerade die ersten kleinen Gruppen, die genau damit arbeiten.
Tabelle: Die vier Ebenen innerer Klarheit – und wie sie sich anfühlen
| Ebene | Typisches Gefühl im Sturm | Zeichen von aufkommender Klarheit | Erster kleiner Schritt |
|---|---|---|---|
| Körper | Enge Brust, flacher Atem, kalte Hände | Wärme breitet sich aus, Atmung wird tiefer | 3 Minuten Handauflegen auf den Bauch und atmen |
| Emotion | Wut, Angst, dumpfe Traurigkeit | Tränen kommen oder plötzliches Lachen | Den Gefühlen 90 Sekunden lang Namen geben |
| Verstand | Endlosschleifen, Worst-Case-Szenarien | Gedanken werden langsamer, es entsteht Raum | Eine Frage nur einmal stellen – keine Kette |
| Seele / Werte | Leere, Sinnlosigkeit | Ein leises „Ja“ oder „Nein“ im Brustraum | 10 Minuten ohne Agenda in der Natur sitzen |
Frage-Antwort-Runde – die häufigsten Fragen, die Menschen in stürmischen Zeiten stellen
1. Wie erkenne ich, ob ich wirklich Klarheit habe oder mir nur etwas einrede? Wenn die Entscheidung dich ruhiger macht, auch wenn sie Angst auslöst – ist es sehr wahrscheinlich echte Klarheit. Wenn du danach weiterhin innerlich zerrissen bist, war es meistens nur eine Notlösung.
2. Was mache ich, wenn ich mir selbst nicht mehr traue? Fang mit winzigen Entscheidungen an, die dich nichts kosten: Welchen Tee trinke ich heute wirklich? Welchen Weg gehe ich zur Arbeit? Der Muskel „Selbstvertrauen“ wächst durch kleine, gehaltene Versprechen an dich selbst.
3. Darf man in so einer Phase überhaupt nichts tun? Ja. Manchmal ist „nichts tun“ die mutigste Handlung. Der Verstand hasst das – der Körper und die Seele lieben es.
4. Wie lange dauert es, bis Klarheit kommt? Bei den meisten Menschen zwischen 3 Tagen und 9 Monaten. Es hängt davon ab, wie lange du vorher gegen die Wahrheit angeskämpft hast.
5. Was, wenn ich die Klarheit habe – und alle um mich herum sagen, das sei verrückt? Dann entscheidest du, wessen Stimme lauter ist: die der anderen oder die leise in deinem Brustkorb.
Abschließendes Zitat
„Inmitten des Sturmes gibt es einen Ort vollkommener Stille. Wer diesen Ort findet, braucht keine Sicherheit mehr – er ist selbst die Sicherheit.“ – Christiane Northrup
Hat dir der Beitrag ein Stück Stille in deinen eigenen Sturm gebracht? Dann schreib mir in den Kommentaren, welcher kleine Satz oder welches Bild dich gerade am meisten berührt hat – ich lese jedes Wort.
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg
Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook
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