Im Chaos der Seele findet Stille ihren Ort

Im Chaos der Seele findet Stille ihren Ort
Lesedauer 6 Minuten

Im Chaos der Seele findet Stille ihren Ort

In einer jener Nächte, in denen die Stadt nicht schläft, sondern nur anders atmet, saß ein Mann namens Elias auf der Kante eines Hotelbettes in einem mittelmäßigen Zimmer der dritten Kategorie irgendwo zwischen Hauptbahnhof und Neckar in Heidelberg. Das Neonlicht der Apotheke gegenüber flackerte durch die halb geöffneten Lamellen und malte blassblaue Streifen über die abgewetzte Tagesdecke. Er trug ein anthrazitfarbenes Merinowoll-Shirt, dessen Ärmel er zweimal hochgekrempelt hatte, als wollte er sich selbst beweisen, dass er noch Handlungsspielraum besaß. Die Uhr zeigte 02:47. Er hatte seit vierzig Stunden nicht wirklich geschlafen.

Unten auf der Straße fuhr ein Lieferroller vorbei, der Fahrer balancierte mit einer Hand den Lenker, mit der anderen hielt er ein Telefon ans Ohr und lachte laut in die Nacht – ein Lachen, das Elias wie aus einer anderen Galaxie vorkam. Er selbst lachte schon lange nicht mehr so. Nicht seit dem Meeting vor drei Wochen, in dem sein Vorgesetzter – ein Mann mit perfekt sitzendem Scheitel und der emotionalen Bandbreite einer Parkuhr – ihm mitteilte, dass die Abteilung „optimiert“ werde und Elias’ Stelle „nicht mehr zum Kernportfolio gehöre“. Die Formulierung brannte noch immer wie Säure auf der Zunge.

Er stand auf, ging zum Fenster, öffnete es ganz. Kühle, feuchte Luft schlug ihm entgegen, nach nassem Asphalt, nach den letzten Zigaretten der Nachtschwärmer und nach dem metallischen Hauch des Flusses. Er atmete tief ein. Zum ersten Mal seit Tagen spürte er, dass seine Lunge noch existierte.

Der Moment, in dem alles stehen bleibt

Elias war kein spiritueller Mensch. Er glaubte nicht an Engel, an Karma-Punkte oder an die heilende Kraft von fünf Minuten Meditation vor dem Frühstück. Er glaubte an Excel-Tabellen, an pünktliche Rechnungen und daran, dass man mit genug Koffein und Disziplin fast alles durchhält – bis man es eben nicht mehr tut.

Und jetzt stand er hier, 41 Jahre alt, mit einem Koffer, der noch nicht einmal ausgepackt war, und einem Gehalt, das in drei Monaten aufhören würde zu existieren. Er hätte Panik haben müssen. Stattdessen fühlte er… nichts. Eine große, graue, fast höfliche Leere.

Er schloss die Augen. Nur für einen Moment. Und in diesem Moment passierte etwas Seltsames.

Die Geräusche der Stadt – das ferne Martinshorn, das Knattern eines Mopeds, das leise Klirren von Flaschen im Altglascontainer – wurden nicht lauter. Sie wurden leiser. Nicht weil sie wirklich verstummten, sondern weil etwas in Elias sich entschied, sie nicht mehr zu bewerten. Zum ersten Mal seit Jahren hörte er einfach nur zu.

Und da war es.

Ein winziger, fast unhörbarer Raum zwischen zwei Geräuschen. Zwischen dem Schließen einer Autotür und dem nächsten Motorengeräusch. Ein Raum, der nach nichts roch. Der weder warm noch kalt war. Der einfach nur da war.

Elias lächelte – nicht breit, nicht triumphierend, sondern wie jemand, der gerade etwas Verbotenes entdeckt hat.

Finnland – Wo die Seele leise tanzt

Später, viel später, würde er sich an diesen Moment erinnern und denken: Das war der Anfang. Nicht der Jobverlust, nicht die Kündigung, nicht einmal die Nacht in Heidelberg. Sondern dieser winzige, absichtslose Atemzug, in dem er aufhörte, gegen die Stille anzukämpfen.

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Monate danach saß er – inzwischen ohne festen Wohnsitz, mit einem alten VW-Bus und einem neuen Passwort fürs WLAN – an einem See in Mittelfinnland. Nicht an einem der berühmten, nicht am Inarijärvi oder am Saimaa. An einem namenlosen, kleinen Gewässer, dessen Oberfläche wie poliertes Blei dalag. Die Mitternachtssonne stand noch immer am Himmel, obwohl es schon nach elf war. Elias trug ein moosgrünes Fleece und eine Mütze, die er einem Rentierhirten in Lappland abgekauft hatte, weil sie nach Holzrauch roch.

Er saß auf einem umgedrehten Ruderboot, die nackten Füße im kalten Wasser. Neben ihm stand eine Thermoskanne mit starkem Filterkaffee – kein fancy Flat White, einfach nur Kaffee, der nach Kaffee schmeckte. Er hatte aufgehört, sich für die Einfachheit zu schämen.

In der Ferne hörte er einen Seetaucher rufen. Ein Ton, der sich anhörte wie ein fragendes „Wo bist du?“ – und gleichzeitig wie eine Antwort.

Elias schloss wieder die Augen.

Und wieder war da dieser Raum.

Nur dass er jetzt größer war.

Die Kunst, nichts zu tun

Zurück in Deutschland hätte man ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt. Ein Mittvierziger, der seinen Job kündigt (nachdem er gekündigt wurde), der sein Apartment untervermietet, der mit einem alten Bus durch Europa fährt und monatelang an Seen sitzt. Man hätte gesagt: Midlife-Crisis. Burnout. Verantwortungslosigkeit.

Doch Elias wusste inzwischen etwas, das man nicht in Coachingseminaren lernt und auch nicht in TED-Talks:

Frieden ist keine Abwesenheit von Lärm. Frieden ist die Fähigkeit, im Lärm nichts zu suchen.

Er lernte das nicht durch einen Guru, nicht durch eine App mit Glockenschlägen, nicht durch Ayahuasca in Peru. Er lernte es durch Wiederholung. Durch langsame, bewusste Wiederholung des Nichtstuns.

Jeden Morgen, wenn die Sonne über dem See aufging (oder auch nicht, weil Wolken da waren), setzte er sich ans Ufer. Keine Agenda. Kein Journal. Kein „heute reflektiere ich meine Glaubenssätze“. Nur Hintern auf Holz, Rücken an Birke, Augen offen oder geschlossen – wie es gerade kam.

Manchmal dachte er an nichts. Manchmal dachte er an alles. Meistens dachte er an beides gleichzeitig – und merkte, dass das gar kein Widerspruch war.

Wie das Chaos freundlich wurde

Eines Abends, als der Himmel sich violett färbte und die Mücken so zahlreich wurden, dass er sich in den Bus flüchtete, schrieb er die erste richtige Notiz seit Jahren. Kein Lebenslauf. Kein Bewerbungsschreiben. Sondern ein einziger Satz:

„Ich bin nicht kaputt. Ich bin nur umgezogen.“

Er lachte laut auf – das erste echte, unverschämte Lachen seit der Nacht in Heidelberg. Der Bus roch nach feuchtem Schlafsack, nach Diesel und nach dem Wacholder-Schnaps, den ihm eine ältere Frau in einem kleinen Dorf bei Jyväskylä geschenkt hatte, weil er ihr beim Reifenwechsel geholfen hatte.

Von da an änderte sich etwas Entscheidendes.

Das Chaos hörte auf, sein Feind zu sein. Es wurde ein alter Bekannter, der manchmal laut ist, manchmal betrunken, manchmal traurig – aber nie mehr gefährlich.

Elias begann, mit dem Chaos zu sprechen. Nicht laut. Nicht mit Worten. Sondern mit kleinen Gesten.

Er ließ das Telefon zwei Tage ausgeschaltet. Er antwortete auf E-Mails erst nach drei Tagen – und schrieb kürzer. Er sagte „Ich melde mich“ – und meinte es nicht als höfliche Lüge, sondern als ehrliche Absicht.

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Und das Erstaunliche passierte: Die Welt brach nicht zusammen. Die Leute regten sich nicht auf. Die Fristen verschoben sich nicht ins Unendliche. Alles blieb – nur Elias selbst wurde weicher um die Kanten.

Zurück in die Städte – mit anderen Augen

Als der Herbst kam, fuhr er zurück. Nicht weil er musste. Sondern weil er neugierig war.

In Hamburg regnete es. Er saß in einem kleinen Café in Altona, trank einen sehr normalen Filterkaffee und beobachtete die Menschen. Eine junge Frau mit pinkfarbenem Regencape tippte hektisch auf ihrem Laptop. Ein älterer Herr mit Tweedjacke und Hund las die Zeitung – wirklich aus Papier. Zwei Teenager stritten lautstark über irgendeine Serie.

Früher hätte Elias gedacht: Alle haben es eilig. Alle sind gestresst. Alle leiden.

Jetzt dachte er: Jeder trägt sein eigenes kleines Chaos mit sich herum – und die meisten tun es mit Würde.

Er lächelte die junge Frau an, als sie aufsah. Sie lächelte kurz zurück – verwirrt, aber nicht abweisend.

In diesem Moment verstand er endgültig: Frieden ist nicht das Ende des Kampfes. Frieden ist, wenn der Kampf aufhört, persönlich genommen zu werden.

Der letzte Satz

Elias sitzt wieder in einem Hotelzimmer. Diesmal in Basel. Das Fenster steht offen, der Rhein rauscht unten vorbei. Er trägt ein dunkelgraues Hemd aus schwerem Baumwollstoff, die obersten zwei Knöpfe offen. Auf dem Tisch steht eine Tasse Schwarztee – kein Kaffee mehr um diese Uhrzeit.

Er schreibt einen letzten Satz in sein kleines Notizbuch:

„Manchmal ist der größte Akt des Widerstands, einfach weiterzuatmen.“

Dann klappt er das Buch zu.

Draußen beginnt es leicht zu regnen.

Elias lächelt.

Und atmet.

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Über mich – Andreas Schulze

Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.

Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.

Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.

Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.

Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg

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Alles, was du liebst, wird vergehen.
Menschen. Momente. Gefühle.
Auch du.

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Niemand sagt dir das gern ins Gesicht.
Aber dein Leben ist kein unendlicher Raum.
Es ist ein Countdown.

Rein rechnerisch hast du etwa 625.000 bis 700.000 Stunden auf dieser Welt.
Nicht mehr. Nicht weniger.

Ein Großteil davon verschwindet im Schlaf.
Ein weiterer Teil in Terminen, Pflichten, Ablenkung.
Und plötzlich stehst du da und denkst:
Wo ist all die Zeit geblieben?

Das Licht wird nicht langsam dunkler.
Es geht einfach aus.

Genau deshalb ist Zeit das Wertvollste, was du besitzt –
und gleichzeitig das, was die meisten Menschen am achtlosesten verlieren.

Alles, was du liebst, ist endlich.
Darum ist „später“ eine gefährliche Lüge.
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Und dann kommt der Satz, den niemand je hören wollte –
aber fast jeder irgendwann fühlt:

Eines Tages wachst du auf –
und es gibt kein ‚später‘ mehr für das,
was dir wirklich wichtig war.

Wenn du begreifst, dass du nur dieses eine Leben hast,
willst du nicht länger funktionieren.
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