Grenzen sind nur Gedanken im Wind.
Stell dir vor, du stehst an einem frühen Morgen auf einem windstillen Hügel. Kein Laut, nur dein Atem. Und dann kommt er – ein plötzlicher, kalter Stoß, der dir die Haare ins Gesicht peitscht. Du könntest die Arme verschränken, den Kopf einziehen, dich klein machen. Oder du öffnest die Arme weit, lässt den Wind durch dich hindurchfahren und merkst: Er trägt nichts von dir weg, was wirklich zu dir gehört.
Du spürst in letzter Zeit wieder diese unsichtbare Mauer. Sie taucht nicht mit Trommelwirbel auf. Sie schleicht sich ein – in einem „Das schaffe ich sowieso nicht“, in einem unausgesprochenen „Was sollen die anderen denken“, in der Gewohnheit, den Mund zu halten, bevor die eigene Stimme überhaupt die Chance bekommt, laut zu werden. Und genau dort, genau in diesem leisen inneren Satz, entsteht die Grenze.
Der Wind weiß nichts von deinen Grenzen
In einem kleinen Dorf in der Oberlausitz, irgendwo zwischen pulsierenden Neonlichtern von Görlitz und dem stillen Rauschen der Heide, saß vor einigen Monaten eine Frau namens Fenja Lorenz. Fenja arbeitet als Gebäudereinigerin in Dreischicht-System – 35 Stunden, mal früh, mal spät, mal nachts. Sie wischt Böden in Büros, in denen andere Menschen Entscheidungen treffen, die sie nie mitbekommt. Eines Morgens um 4:40 Uhr, als sie mit dem feuchten Lappen über einen gläsernen Konferenztisch fuhr, hörte sie sich selbst denken: „Ich bin zu alt, um noch einmal neu anzufangen.“ Sie war 41.
Der Satz fühlte sich an wie Beton. Doch in derselben Woche sah sie auf ihrem Heimweg eine Krähe, die gegen den Wind anflog – nicht elegant, nicht mühelos, sondern mit roher, sturer Kraft. Jedes Mal, wenn der Wind sie zurückdrückte, schlug sie die Flügel noch einmal kräftiger. Fenja blieb stehen. Zum ersten Mal seit Jahren fragte sie sich: „Und wenn der Wind gar nicht mein Feind ist?“
Was wir wirklich meinen, wenn wir „Ich kann nicht“ sagen
Die meisten Grenzen sind keine Mauern aus Stein. Sie sind Sätze, die wir irgendwann geglaubt haben. Sätze, die einmal Schutz waren – vielleicht in der Schulzeit, vielleicht nach einer Enttäuschung, vielleicht nach dem ersten richtigen Nein von jemandem, der Macht über uns hatte. Irgendwann hören wir auf, sie zu hinterfragen. Sie werden zur Inneneinrichtung.
Du kennst diese Sätze vermutlich: „Ich bin nicht der Typ für…“ „In meinem Alter macht man das nicht mehr.“ „Bei uns in der Familie…“ „Wenn ich das jetzt tue, verliere ich…“
Jeder dieser Sätze ist ein kleiner Windstoß, den wir selbst erzeugt haben – und den wir dann für eine Naturgewalt halten.
Der Trick mit dem leeren Blatt
Nimm ein leeres Blatt Papier. Schreibe oben hin: „Grenzen, die ich gerade spüre“. Dann schreibst du alles auf, was dir einfällt – ohne Zensur, ohne Schönfärberei. Nicht „Ich habe Angst vor Ablehnung“, sondern: „Ich traue mich nicht, den Chef zu fragen, ob ich die Fortbildung machen darf, weil ich glaube, dass er mich für zu ehrgeizig hält und mich dann weniger mag.“
Das ist der Unterschied zwischen Gefühl und Geschichte. Das Gefühl ist echt. Die Geschichte, die du dir darüber erzählst, ist meistens erfunden – und zwar von dir selbst, damals, als du Schutz brauchtest.
Tabelle: Von der Grenzgeschichte zur Windgeschichte
| Alte Grenz-Geschichte | Neue Wind-Geschichte | Erster kleiner Test, den du machen kannst |
|---|---|---|
| „Ich bin nicht kreativ genug.“ | „Ich habe noch nie lange genug geübt, um zu wissen, wie kreativ ich werden kann.“ | 7 Tage lang jeden Abend 10 Minuten frei malen/schreiben – ohne Bewertung |
| „In meinem Job kann man nicht aufsteigen.“ | „Ich habe bisher niemanden gefragt, wie der Weg nach oben wirklich aussieht.“ | Nächste Woche ein 15-Minuten-Gespräch mit jemandem, der zwei Ebenen über dir ist |
| „Ich bin zu chaotisch für ein eigenes Business.“ | „Ich habe noch kein System gefunden, das zu meinem Rhythmus passt.“ | Eine einzige wiederkehrende Aufgabe (z. B. Rechnungen stellen) für 30 Tage immer am gleichen Wochentag erledigen |
| „Niemand würde für meine Ideen zahlen.“ | „Ich habe sie noch nie richtig sichtbar gemacht.“ | Die rohe Idee in einem einzigen Social-Media-Post veröffentlichen (auch wenn nur 12 Leute ihn sehen) |
Ein zweiter Windstoß – diesmal aus Bregenz
In Bregenz, am Ufer des Bodensees, aber weit weg vom Trubel der Festspiele, lief im vergangenen Herbst ein Mann namens Thore Mahler fast täglich dieselbe Runde. Thore ist Staplerfahrer in einem Logistikzentrum am Hafen. Er ist 29, hat zwei kleine Kinder und eine Partnerin, die im Krankenhaus als OP-Schwester arbeitet. Seit drei Jahren denkt er: „Ich will eigentlich was mit Holz machen. Möbel entwerfen. Eigene Werkstatt.“ Und seit drei Jahren antwortet dieselbe Stimme: „Du hast Familie. Du kannst nicht einfach alles hinschmeißen.“
Eines Abends, nach der Spätschicht, setzte er sich mit einem Bier an den See. Der Wind kam von Westen, stark, fast schon aggressiv. Die Wellen klatschten laut gegen die Kaimauer. Thore dachte: „Wenn ich jetzt aufstehe und gehe, wird der Wind mich umblasen.“ Stattdessen stand er auf, breitete die Arme aus und ließ sich fast umwerfen – lachte laut, weil er sich albern vorkam. In diesem Moment spürte er etwas sehr Einfaches: Der Wind war stark. Aber er war nicht gegen ihn.
Am nächsten Tag meldete er sich für einen berufsbegleitenden Tischlerkurs an – einmal pro Woche, samstags. Kein großer Sprung. Nur ein Schritt gegen den Wind.
Der aktuelle Trend, der gerade nach Mitteleuropa rollt
In den USA und Teilen Skandinaviens breitet sich seit etwa zwei Jahren das Konzept „Micro-Transitions“ aus: winzige, absichtlich provozierte Grenzüberschreitungen, die nur 1–5 % Mut erfordern, aber das Nervensystem systematisch an Unsicherheit gewöhnen. Keine radikale Kündigung. Kein „Ich wandere aus“. Sondern: einmal pro Woche etwas tun, bei dem du normalerweise aussteigst – und zwar bewusst klein. Eine E-Mail schreiben, die du normalerweise löschen würdest. Jemanden um Feedback bitten, obwohl du Angst vor Kritik hast. Ein Gespräch beginnen mit „Ich würde gerne…“.
Die Methode wird gerade von Coaches in Berlin, Wien und Zürich adaptiert und mit Achtsamkeits- und Polyvagal-Elementen kombiniert. Das Ergebnis: Menschen berichten nach 8–12 Wochen von deutlich weniger körperlicher Stressreaktion, wenn sie vor größeren Entscheidungen stehen.
Frage-Antwort-Tabelle – die häufigsten inneren Einwände
| Frage | Kurze, ehrliche Antwort |
|---|---|
| Was, wenn ich mich komplett blamiere? | Blamage ist endlich. Stillstand dauert Jahre. |
| Und wenn ich gar kein Talent habe? | Talent ist meistens nur erlaubte Übungszeit. |
| Ich habe Verantwortung – ich kann nicht einfach… | Du musst nicht alles riskieren. Du darfst klein anfangen. |
| Was sollen die anderen denken? | Die meisten sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um dich lange zu beurteilen. |
| Ich habe es schon so oft versucht – es klappt nicht. | Vielleicht hast du bisher immer dieselbe Strategie benutzt. Zeit für einen neuen Wind. |
| Woher weiß ich, dass es diesmal anders ist? | Du weißt es nicht. Du erfährst es, indem du es tust. |
Am Ende bleibt nur der nächste Atemzug
Du brauchst keine neue Persönlichkeit. Du brauchst keinen perfekten Plan. Du brauchst nur einen Moment, in dem du beschließt, den nächsten Windstoß nicht mehr als Angriff zu werten, sondern als Einladung, die Arme auszustrecken.
„Man muss die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Aber man muss sie kommen lassen.“ – Konrad Adenauer
Hat dich dieser Text berührt oder an etwas erinnert, das du schon lange vor dir herschiebst? Schreib mir deine Gedanken, deinen kleinsten nächsten Schritt oder einfach nur ein „Ja, genau das fühle ich auch“ in die Kommentare – ich lese jedes Wort.
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
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Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook
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