Flow, der die Uhr zum Schweigen bringt
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Flow, der die Uhr zum Schweigen bringt

Der Regen trommelt seit Stunden gegen die Dachrinnen in einer kleinen Wohnung hoch über dem Limmatquai in Zürich. Nicht das dramatische Prasseln eines Gewitters, sondern dieses gleichmäßige, fast höfliche Tropfen, das die Schweizer so gut kennen – unaufdringlich, beharrlich, irgendwie vertrauenswürdig. Drinnen sitzt eine Frau Mitte dreißig, die Schultern leicht nach vorne gefallen, die Fingerkuppen schwarz vom Grafit eines 6B-Stifts. Vor ihr liegt ein großes Blatt, halb bedeckt mit Linien, die sich zu einem Gesicht formen wollen, das noch nicht entschieden hat, ob es lächeln oder weinen möchte.

Sie heißt Livia Marti. Beruf: freischaffende Bühnenbildnerin für Tanz- und experimentelle Theaterproduktionen. Die meiste Zeit des Jahres lebt sie von Projekt zu Projekt, von Förderantrag zu Förderantrag, von Hoffnung zu Zweifel und wieder zurück. Doch es gibt diese eine Tätigkeit, bei der die Welt für sie einfach aufhört zu ticken.

Wenn sie zeichnet – wirklich zeichnet, nicht nur schnell ein Storyboard skizziert oder eine Bühnenansicht für die Produktionsleitung anfertigt –, dann löst sich die Zeit auf wie Zucker in schwarzem Kaffee.

Der Stift kratzt über das Papier. Ein leises, trockenes Geräusch, das in regelmäßigen Abständen von dem kleinen Seufzer unterbrochen wird, mit dem sie den Atem ausstößt, den sie gar nicht gemerkt hat, dass sie anhielt. Die Welt schrumpft auf die Spitze des Stifts und die Fläche davor. Alles andere – der offene Mietvertrag, der nächste Monat, die E-Mail von der Krankenkasse, die Nachricht ihrer Mutter „Rufst du mal zurück?“, das dumpfe Pochen in der rechten Schläfe – verblasst zu einem fernen Summen, wie Verkehrslärm hinter dicken Fensterscheiben.

Sie kennt dieses Gefühl seit ihrem neunten Lebensjahr. Damals saß sie in der kleinen Dachkammer des Hauses ihrer Großeltern in Schaffhausen, einem schmalen, hohen Gebäude mit Blick auf den Rhein, und zeichnete stundenlang Vögel, die sie vom Fenster aus sah. Die Großmutter brachte ihr ab und zu eine Tasse Ovomaltine und stellte sie schweigend neben das Blatt. Nie fragte sie „Was machst du da?“ oder „Wann bist du fertig?“. Sie wusste offenbar schon damals, dass manche Tätigkeiten keine Unterbrechung vertragen, weil sie nicht Arbeit sind, sondern eine Art Atmung.

Heute, fast drei Jahrzehnte später, ist es immer noch dasselbe. Nur dass inzwischen der Ofen in der Ecke leise knackt, dass auf dem Tisch ein halb ausgetrunkener Espresso steht (doppelter Ristretto, keine Milch, kein Zucker), dass das Handy auf lautlos vibriert und dann endlich still bleibt, weil der Akku leer ist.

Die Tätigkeit, bei der die Zeit verschwindet, ist für jeden Menschen anders.

Für Livia sind es die langen, stillen Zeichensitzungen. Für ihren Freund Jonas Keller, der als Notfallsanitäter in der Stadt Zürich arbeitet, ist es das Klettern. Nicht das sportliche Klettern in der Halle mit Kreide und Sicherungskarabinern, sondern das echte, draussen, an den Kalkfelsen über dem Walensee, wenn die Sonne schon tief steht und die Finger kalt werden. In diesen Momenten, sagt er, hört er auf zu denken, was als Nächstes passieren könnte. Es gibt nur noch den nächsten Griff, den nächsten Tritt, den nächsten Atemzug. Der Rest der Welt – die Sirene im Kopf, die nie ganz verstummt, die Bilder von Unfällen, die man nicht mehr sehen will – löst sich auf wie Nebel im Gegenlicht.

Jonas trägt meistens eine dunkelgraue Fleecejacke, die schon bessere Tage gesehen hat, darüber eine leichte Windjacke in verwaschenem Oliv. Die Ärmel sind hochgekrempelt, auch wenn es kühl ist; er mag es, wenn die Unterarme frei sind. Wenn er zurückkommt, riecht er nach Kalkstaub, Harz und ein bisschen nach dem würzigen Schweizer Alpenhonig, den er immer in kleinen Tiegeln mitnimmt und direkt aus dem Finger isst.

Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir in diesem Zustand sind?

Man nennt es häufig „Flow“ – ein Begriff, den der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi in den 1970er Jahren prägte und der seitdem aus der Motivationsforschung nicht mehr wegzudenken ist. Es ist der Zustand, in dem Anforderung und Fähigkeit perfekt aufeinandertreffen: schwer genug, um uns vollständig zu fordern, leicht genug, um uns nicht zu überfordern. Das präfrontale Kortex, zuständig für Grübeln, Zeitbewusstsein und Selbstreflexion, fährt herunter. Der Default-Mode-Network wird leiser. Stattdessen leuchten die Netzwerke auf, die mit präziser Wahrnehmung, motorischer Kontrolle und intensiver Belohnungsverarbeitung zu tun haben.

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Dopamin fließt – nicht der kurze Kick der Benachrichtigung, sondern ein gleichmäßiger, warmer Strom. Zeitwahrnehmung löst sich auf. Das Ego-Gefühl schwindet. Man ist ganz da, und gleichzeitig irgendwie weg.

Livia kennt das Gefühl auch aus den Nächten vor einer Premiere, wenn sie bis drei Uhr morgens am Modell sitzt, Pappen schneidet, mit Skalpell und Lineal arbeitet, bis die Finger taub werden. Die Uhrzeit sieht sie erst wieder, wenn sie das Licht anmacht und merkt, dass draußen schon die ersten Vögel rufen.

Und du?

Wann hast du das letzte Mal die Uhr vergessen?

Vielleicht beim Joggen am frühen Morgen, wenn der Atemrhythmus und der Herzschlag das einzige Zeitmaß werden. Vielleicht beim Programmieren, wenn du plötzlich aus einer Trance hochschreckst und feststellst, dass vier Stunden vergangen sind und der Kaffee kalt geworden ist. Vielleicht beim Gärtnern, wenn die Hände in der Erde sind und du erst merkst, dass die Sonne untergeht, weil die Schatten plötzlich lang werden. Vielleicht beim Kochen eines aufwendigen Gerichts, bei dem jedes Messer schnitt, jedes Zwiebelschälen, jedes Abschmecken Teil einer stillen Meditation wird. Vielleicht beim Musizieren – nicht beim Üben für ein Konzert, sondern wenn du einfach nur spielst, weil der Klang dich trägt.

Der Verlust der Zeit ist eigentlich ein Gewinn an Präsenz.

Und genau deshalb fühlt es sich so lebendig an.

Viele Menschen haben verlernt, diesen Zustand bewusst aufzusuchen. Der Alltag ist durchgetaktet. Kalendereinträge. Deadlines. Push-Benachrichtigungen. Multitasking als Überlebensstrategie. Wenn dann doch einmal ein Flow-Moment kommt, wird er oft als „Zeitverschwendung“ bewertet – weil er nicht direkt auf der To-do-Liste stand.

Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.

Flow ist einer der stärksten natürlichen Antidepressiva, die wir kennen.

Er erzeugt nicht nur kurzfristiges Glück, sondern langfristig ein tieferes Gefühl von Sinn und Selbstwirksamkeit. Menschen, die regelmäßig in Flow-Zustände kommen, berichten von höherer Lebenszufriedenheit, besserer Resilienz und sogar von einer Art innerer Immunität gegen chronischen Stress.

Wie holt man sich mehr davon ins Leben?

Das ist die eigentliche Kunst – und sie besteht aus drei Teilen:

  1. Herausfinden, was einen persönlich in diesen Zustand versetzt Das ist hochindividuell. Für die einen ist es intensiver Sport, für andere Nähen, Schreiben, Tanzen, Programmieren, Jonglieren, Holzarbeiten, Backen, Surfen, Orgel spielen, botanisches Zeichnen, Freeclimbing, Brotbacken, Schmieden, Salsa tanzen, Origami falten, Töpfern, Speedcubing, Kalligraphie, Imkerei, Geocaching, Urban Sketching, Speedreading, Speedstacking, Beatboxen… Die Liste ist endlos. Wichtig ist nur: Es muss anspruchsvoll genug sein, um die volle Aufmerksamkeit zu fordern, und gleichzeitig so vertraut, dass man nicht ständig über die Grundlagen stolpert.
  2. Rahmenbedingungen schaffen Flow verträgt keine ständigen Unterbrechungen. Deshalb helfen Rituale:
    • Handy in den Flugmodus oder in ein anderes Zimmer
    • Feste Tageszeit (viele Menschen haben ihre produktivste Flow-Zeit zwischen 6 und 10 Uhr morgens oder zwischen 21 und 1 Uhr nachts)
    • Ein bestimmter Ort (ein kleiner Schreibtisch nur für diese Tätigkeit, ein bestimmter Platz am See, eine Ecke im Atelier)
    • Ein Getränk oder ein Geruch als Anker (für Livia ist es der bittere Duft von frisch gemahlenem Kaffee, für Jonas der Geruch von Magnesia-Kreide)
    • Eine minimale Vorbereitung (Materialien schon bereitgelegt, Playlist gestartet, Notizbuch aufgeschlagen)
  3. Den inneren Kritiker zum Schweigen bringen Der größte Flow-Killer ist das Urteil: „Das bringt doch nichts“, „Das ist nicht produktiv“, „Andere Leute verdienen damit Geld, du nicht“. Hier hilft ein radikaler Perspektivwechsel: Diese Tätigkeit ist keine „Freizeitbeschäftigung“. Sie ist Medizin. Sie ist Sauerstoff. Sie ist das, was dich am Leben hält – nicht nur am Funktionieren.

Ein kleines Experiment für die nächsten sieben Tage

Wähle eine Tätigkeit, bei der du schon einmal die Zeit vergessen hast. Reserviere dir dreimal in der Woche exakt 90 Minuten. Kein Handy, kein Laptop im selben Raum, keine Uhr in Sichtweite. Sag dir laut oder innerlich den Satz: „Das hier ist wichtiger als alles, was ich danach erledigen muss.“ Und dann tu es. Ohne Ziel. Ohne Leistungsdruck. Nur tun.

Nach sieben Tagen notierst du dir:

  • Wie oft bist du wirklich tief eingetaucht?
  • Wie hast du dich danach gefühlt?
  • Hat sich etwas an deiner Grundstimmung verändert?

Die meisten Menschen, die das Experiment machen, berichten, dass sie nach zwei, drei Tagen bereits spüren, wie sich eine Art innere Ruhe ausbreitet – nicht die Abwesenheit von Problemen, sondern die Fähigkeit, mittendrin noch atmen zu können.

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Livia hat heute Nacht um 2:37 Uhr aufgehört zu zeichnen. Sie hat das Blatt angesehen, den Stift hingelegt, sich gestreckt. Dann ist sie ans Fenster getreten. Der Regen hatte aufgehört. Die Lichter der Stadt spiegelten sich in den Pfützen auf dem Quai. Ein Tram fuhr vorbei, fast leer, die Fenster beschlagen. Sie lächelte – nicht weil alles gut war, sondern weil sie für einen Moment ganz bei sich gewesen war.

Und das, sagt sie, ist mehr, als viele Menschen in einem ganzen Monat erleben.

Vielleicht ist das der wahre Luxus unserer Zeit: Nicht mehr Geld. Nicht mehr Urlaubstage. Sondern mehr Minuten, in denen die Uhr schweigt.

Und du? Was ist deine Tätigkeit, bei der die Welt für einen Moment stillsteht?

Hat dir der Text ein kleines Kribbeln in der Brust hinterlassen – dieses leise „Ja, genau das kenne ich“ oder „Das möchte ich wieder spüren“? Dann schreib mir in den Kommentaren: Welche Tätigkeit ist dein persönlicher Zeit-Vergesser? Wie lange hast du sie schon nicht mehr richtig gemacht? Und was hält dich davon ab, sie nächste Woche wieder zu tun? Ich lese jedes Wort.

Über mich – Andreas Schulze

Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.

Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.

Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.

Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.

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