Erfüllung ist ein Gefühl, kein ferner Gipfel

Erfüllung ist ein Gefühl, kein ferner Gipfel
Lesedauer 6 Minuten

Erfüllung ist ein Gefühl, kein ferner Gipfel

Der Wind kam von Norden, kalt und trocken, wie er es im Februar in weiten Teilen Niedersachsens tut. Er trug den Geruch von feuchtem Ackerboden und ferner Dieselheizung mit sich. Eine Frau Mitte vierzig – nennen wir sie Fenja – stand auf dem Deich bei Otterndorf, die Hände tief in den Taschen eines alten, dunkelolivgrünen Parkas vergraben. Vor ihr lag die Elbe, grau und schwer, fast reglos. Sie hatte keinen Kaffee dabei. Nur die nackte, schneidende Luft und das leise Schmatzen des Wassers gegen die Steine.

Fenja dachte nicht: „Ich muss glücklicher werden.“ Sie dachte auch nicht: „Wann kommt endlich der Sinn?“

Sie dachte gar nichts in ganzen Sätzen. Stattdessen spürte sie ein seltsames, fast peinliches Kribbeln hinter dem Brustbein – als hätte jemand eine sehr dünne, sehr kalte Nadel genau dorthin gesteckt, wo normalerweise die Selbstvorwürfe sitzen. Und dieses Kribbeln sagte nicht „Du bist gescheitert“. Es sagte etwas viel Unverschämteres:

Du bist schon da.

Und genau das machte ihr Angst.

Inhaltsverzeichnis

  • Die unsichtbare Gegenwart des Genug
  • Warum das Streben süchtig macht
  • Der Moment, in dem die Jagd endet
  • Kleine Tische – große Wahrheiten
  • Die Kunst, nicht mehr zu fragen „Bin ich jetzt glücklich?“
  • Wenn der Körper früher weiß als der Kopf
  • Norwegen als stille Metapher
  • Alltag in der Provinz: Drei unspektakuläre Szenen
  • Was bleibt, wenn das große Ziel wegfällt
  • Abschlussgedanke: Der Geschmack von Heute

Die unsichtbare Gegenwart des Genug

Die meisten Menschen leben in einem permanenten Minus. Nicht finanziell – existentiell.

Es gibt immer etwas, das noch fehlt: die richtige Partnerschaft, der endgültige berufliche Durchbruch, der Moment, in dem man endlich „angekommen“ ist, die Zahl auf der Waage, die man sich seit fünfzehn Jahren wünscht, die Anerkennung der Eltern, die nie kam, das Gefühl, wirklich geliebt zu werden, ohne Bedingungen.

Dieses chronische Defizit hat einen Namen: Zielorientierung als Lebensform. Man nennt es landläufig „ehrgeizig sein“, „sich Ziele setzen“, „am Ball bleiben“. In Wahrheit ist es eine sehr höfliche Form von Dauerpanik.

Fenja kannte diese Panik gut. Sie hatte als junge Frau in einer kleinen Werbeagentur in Bremen angefangen, später in Hamburg bei einem großen Verlag gearbeitet, dann als freie Texterin überlebt. Irgendwann war sie zurück aufs Land gezogen – nicht aus Romantik, sondern weil die Miete in der Stadt sie langsam auffraß. Jetzt schrieb sie Bedienungsanleitungen für Landmaschinen, übersetzte norwegische Krimis nebenbei und half ab und zu bei der Lokalzeitung aus. Auf dem Papier ein Rückschritt. In ihrem Körper fühlte es sich manchmal wie das erste Mal seit Jahren ehrlich an.

Warum das Streben süchtig macht

Das Gehirn belohnt Jagdverhalten stärker als Besitz. Dopamin wird nicht ausgeschüttet, wenn man etwas hat – sondern wenn man glaubt, man könne es bald haben. Deshalb fühlt sich der Weg zum Ziel oft lebendiger an als das Ziel selbst.

Man steht auf der Preisverleihung, hält die Trophäe, lächelt in Kameras – und zwei Tage später fragt man sich bereits: Und jetzt?

Das ist kein Charaktermangel. Das ist Neurochemie.

Wer das einmal verstanden hat, kann aufhören, sich dafür zu schämen. Fenja schämte sich lange. Sie dachte, sie sei einfach nicht dankbar genug. Bis sie eines Abends in einem alten Fischerhaus in Lofoten saß – ein Freund hatte sie für eine Woche mitgenommen – und begriff, dass sie nicht unglücklich war, weil ihr etwas fehlte. Sondern weil sie sich angewöhnt hatte, Glück nur als Kontrast zum Mangel wahrzunehmen.

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Draußen glitt ein Kajak lautlos über das schwarze Wasser. Die Berge standen wie Wächter. Kein Laut außer dem leisen Plätschern des Paddels. Und plötzlich war da dieses Gefühl:

Hier fehlt nichts. Und ich bin mittendrin.

Der Moment, in dem die Jagd endet

Erfüllung ist kein Ort. Sie ist ein Modus des Wahrnehmens.

Man kann sie nicht erreichen – man kann nur aufhören, wegzuschauen.

Das klingt nach Esoterik und fühlt sich für viele erst einmal wie Verrat an. Man hat schließlich jahrelang gelernt, dass Stillstand Tod ist, dass wer aufhört zu kämpfen, verliert.

Doch was, wenn der eigentliche Verlust darin besteht, das eigene Leben nur noch als Provisorium zu behandeln?

Fenja erzählte später von einem ganz banalen Moment. Sie saß auf der Terrasse ihres kleinen Hauses in Otterndorf. Es war Ende März, noch kalt, aber die Forsythien blühten schon gelb wie ein verspäteter Sonnenaufgang. Sie hielt einen Becher mit heißem Schwarztee (kein fancy Earl Grey, einfach Ostfriesentee mit Sahne und Kluntje).

Und für vielleicht sieben Sekunden passierte nichts. Kein Gedanke an die nächste Rechnung. Kein Vergleich mit der alten Kollegin, die jetzt in Berlin bei einer großen Agentur arbeitete. Kein innerer Vorwurf, dass sie mit 46 „eigentlich weiter sein müsste“.

Nur Tee. Wind. Forsythien. Der Geruch von Erde, die langsam aufwacht.

Sieben Sekunden. Das war alles.

Und doch war es das erste Mal seit vielen Jahren, dass sie sich nicht fragte, ob das reicht.

Kleine Tische – große Wahrheiten

Erfüllung passiert fast nie auf großen Bühnen.

Sie passiert an Küchentischen um 22:17 Uhr, wenn der Partner plötzlich lacht, weil man einen dämlichen Witz gemacht hat. Sie passiert in der Umkleide nach dem dritten erfolglosen Vorstellungsgespräch, wenn man sich im Spiegel ansieht und denkt: „Ich habe es versucht. Das allein ist schon viel.“ Sie passiert auf einer Parkbank in Graz, wenn man merkt, dass man zum ersten Mal seit Monaten keine Lust hat, das Handy zu checken.

Eine Frau namens Runa – Kindergärtnerin in Klagenfurt – sagte einmal zu Fenja: „Ich hab aufgehört zu warten, dass das Leben anfängt. Es hat schon angefangen. Ich hab es nur lange übersehen.“

Die Kunst, nicht mehr zu fragen „Bin ich jetzt glücklich?“

Diese Frage ist eine Falle.

Sie unterstellt, Glück wäre ein Zustand, den man prüfen und bewerten kann – wie Fieber messen oder Tankfüllstand kontrollieren.

Sobald man fragt „Bin ich glücklich?“, tritt man aus dem Moment heraus und betrachtet ihn von außen. In dem Augenblick, in dem man sich selbst beobachtet, ist das Glück bereits weg.

Besser wäre: Darf ich gerade spüren, dass nichts fehlt?

Das ist eine andere Art von Frage. Sie verlangt keine Antwort in Worten. Sie verlangt Präsenz.

Wenn der Körper früher weiß als der Kopf

Fenja bemerkte es zuerst an Kleinigkeiten.

Ihre Schultern sanken nicht mehr automatisch hoch, wenn das Telefon klingelte. Sie atmete tiefer, ohne es zu wollen. Manchmal summte sie leise, während sie Geschirr spülte – ohne Musik im Hintergrund.

Der Körper lügt nicht. Er kann nicht „Ich bin erfüllt“ sagen, wenn es nicht stimmt. Aber er kann aufhören zu schreien.

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Norwegen – Stille Fjorde, laute Träume

Paddel im Kajak über spiegelglatte Fjorde, wo die Berge direkt in deine Seele zu flüstern scheinen. In der Weite erkennst du, wie nah du dir selbst sein kannst.

Das ist kein Reiseprospekt. Es ist eine Erinnerung daran, dass Erfüllung oft dort auftaucht, wo man aufgehört hat, etwas zu suchen.

Alltag in der Provinz: Drei unspektakuläre Szenen

  1. Ein Mann namens Thore (Bauelektriker in Cuxhaven) sitzt sonntags um 10:30 Uhr auf der Couch, die Katze auf dem Schoß, und liest ein Kinderbuch vor, obwohl seine Tochter längst 23 ist und in Hamburg studiert. Er liest laut, mit verstellter Stimme. Die Katze schnurrt. Er grinst dümmlich. Niemand applaudiert. Es ist perfekt.
  2. Eine Frau namens Liv (Verwaltungsfachangestellte im Landratsamt Stade) steht um 6:45 Uhr am Fenster, sieht den Nebel über den Feldern und denkt: „Heute werde ich nicht perfekt sein. Und das ist völlig in Ordnung.“ Dann macht sie sich einen Kaffee – Filterkaffee, keine fancy Bohne – und geht zur Arbeit. Der Tag wird mittelmäßig. Sie findet ihn trotzdem schön.
  3. Ein älterer Herr (ehemaliger Postbote aus Nordenham) sitzt auf einer Bank am Hafen, schaut den Möwen zu und denkt an nichts Bestimmtes. Neben ihm steht eine Thermoskanne mit Hagebuttentee. Er nippt. Die Möwen schreien. Er nickt ihnen zu, als wären sie alte Bekannte.

Das ist Erfüllung. Kein Feuerwerk. Keine Erleuchtung. Nur einverstanden sein mit dem, was gerade ist.

Was bleibt, wenn das große Ziel wegfällt

Man bleibt übrig.

Nicht als Projekt, nicht als Rohling, nicht als „work in progress“. Sondern als lebendiger, atmender, fehlerhafter, liebenswerter Mensch, der gerade hier ist.

Und das reicht.

Abschlussgedanke: Der Geschmack von Heute

Nimm einen Schluck Tee. Spür die Wärme in den Fingern. Hör das leise Ticken der Heizung. Sieh das Licht, das sich in der Tasse spiegelt.

Frage nicht: „Bin ich jetzt glücklich?“

Frage auch nicht: „Darf das genug sein?“

Lass stattdessen die Frage ganz weg.

Und schmecke einfach, was da ist.

Wenn du magst, schreib mir in den Kommentaren: Was war heute der winzigste Moment, in dem du gemerkt hast – nur für zwei, drei Sekunden –, dass eigentlich nichts fehlt?

Über mich – Andreas Schulze

Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.

Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.

Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.

Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.

Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg

Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook

Willkommen auf meiner Seite – und in deiner Erfolgsgeschichte.

Blog Bilder für schöne Bider (4572)

Alles, was du liebst, wird vergehen.
Menschen. Momente. Gefühle.
Auch du.

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Niemand sagt dir das gern ins Gesicht.
Aber dein Leben ist kein unendlicher Raum.
Es ist ein Countdown.

Rein rechnerisch hast du etwa 625.000 bis 700.000 Stunden auf dieser Welt.
Nicht mehr. Nicht weniger.

Ein Großteil davon verschwindet im Schlaf.
Ein weiterer Teil in Terminen, Pflichten, Ablenkung.
Und plötzlich stehst du da und denkst:
Wo ist all die Zeit geblieben?

Das Licht wird nicht langsam dunkler.
Es geht einfach aus.

Genau deshalb ist Zeit das Wertvollste, was du besitzt –
und gleichzeitig das, was die meisten Menschen am achtlosesten verlieren.

Alles, was du liebst, ist endlich.
Darum ist „später“ eine gefährliche Lüge.
Nicht irgendwann.
Nicht wenn es ruhiger wird.
Nicht wenn du mehr Zeit hast.

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Heute.
In diesem Moment.

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– warum Genuss ohne Richtung dich leer zurücklässt
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Viele Leser sagen danach:

„Ich renne meiner Zeit nicht mehr hinterher.
Ich entscheide, wofür ich sie einsetze.“

Und dann kommt der Satz, den niemand je hören wollte –
aber fast jeder irgendwann fühlt:

Eines Tages wachst du auf –
und es gibt kein ‚später‘ mehr für das,
was dir wirklich wichtig war.

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willst du nicht länger funktionieren.
Du willst fühlen.
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