Erfüllung beginnt mit dem Lauschen.
In der Dämmerung von Hallstatt, wo der See noch schwarz ist und die ersten Lichter der Salzberg-Dörfer wie verlorene Sterne zittern, sitzt eine Frau namens Leni Hofer auf der hölzernen Bank vor dem kleinen Haus ihrer Großmutter. Sie trägt einen sandfarbenen Wollmantel über einem dunkelolivgrünen Rollkragenpullover, die Ärmel etwas zu lang, sodass sie die Hände darin verstecken kann. Vor ihr dampft ein Wiener Melange in einer dickwandigen Porzellantasse – viel zu viel Milchschaum, genau wie die Großmutter es immer machte. Leni lauscht.
Nicht dem Wind, nicht dem leisen Plätschern des Sees gegen die Pfähle, nicht einmal den entfernten Kirchenglocken von Obertraun. Sie lauscht dem Raum zwischen den Geräuschen. Dort, wo nichts mehr zu hören ist, fängt das Eigentliche an.
Du kennst dieses Gefühl vielleicht. Du stehst mitten in deinem Leben – Job, Beziehung, Terminkalender, Nachrichtenflut – und plötzlich ist da eine winzige, fast unhörbare Frage: Bin ich das wirklich? Lebe ich das, was ich werden wollte, oder nur das, was übrig blieb, nachdem ich alles andere ausgeschlossen habe? Die meisten Menschen überhören diese Frage. Sie drehen die Musik lauter, scrollen schneller, reden mehr. Leni hat aufgehört zu überhören.
Warum die meisten Menschen nie wirklich hören
Die meisten leben in einem Dauergeräusch aus Erwartungen, die nicht ihre eigenen sind. Ein Schweizer Neuropsychologe hat es einmal so formuliert: Der moderne Mensch ist permanent von außen beschallt – von anderen, von Algorithmen, von der eigenen Angst, nicht genug zu sein. Das innere Signal, die leise Stimme, die sagt „das hier passt nicht mehr zu mir“, wird dadurch auf unter 20 Dezibel gedrückt. Man muss schon sehr still werden, um es überhaupt wahrzunehmen.
Leni war früher Event-Managerin in Salzburg. 70-Stunden-Wochen, Dauerlächeln, PowerPoint-Präsentationen bis drei Uhr morgens, danach noch Feedback-Runden per Sprachnachricht. Eines Abends, nach einem besonders erfolgreichen Kongress, stand sie auf dem Balkon eines Hotels in Zell am See, hielt ein Glas Sekt in der Hand und merkte, dass sie nichts fühlte. Keinen Stolz. Keine Erschöpfung. Einfach nichts. Das war der Moment, in dem die Stille lauter wurde als alles andere.
Die Kunst, sich selbst wieder zu hören
Du musst nicht nach Hallstatt fahren, um zu lauschen. Aber du musst Räume schaffen, in denen das Außen leiser wird.
Hier eine kleine, sofort umsetzbare Sequenz, die ich selbst seit Jahren nutze und die auch Leni mittlerweile täglich macht:
- Setz dich fünf Minuten hin, ohne Handy in Reichweite.
- Schließe die Augen und atme nur durch die Nase – langsam ein, noch langsamer aus.
- Frage dich lautlos: „Was will gerade in mir sprechen?“
- Warte. Ohne zu bewerten. Ohne zu antworten. Einfach warten.
- Meistens kommt zuerst gar nichts. Das ist normal. Bleib trotzdem. Nach drei bis vier Tagen fängt die Stille an, zu reden.
Was passiert, wenn du wirklich hinhörst
In den letzten Jahren hat sich in der Persönlichkeitsentwicklung ein leiser, aber mächtiger Trend aus den USA und Teilen Skandinaviens nach Mitteleuropa geschlichen: Deep Listening oder Inneres Zeugenschaft. Es ist keine neue Meditationstechnik, sondern eine radikale Haltung: Du behandelst deine eigenen inneren Signale so respektvoll, als kämen sie von einem weisen Fremden, den du nicht unterbrechen darfst.
Eine Frau namens Mara Lindner, früher Stationsleiterin in einer Berliner Intensivstation, erzählte mir einmal in einem langen Gespräch am Telefon: „Ich habe zwölf Jahre lang jeden Piepton, jeden Alarm gehört – außer meinen eigenen.“ Nach einem Burnout hörte sie eines Morgens beim Spaziergang am Landwehrkanal plötzlich eine Stimme in sich, die sagte: „Ich will nicht mehr heilen. Ich will malen.“ Heute betreibt sie in Kreuzberg eine kleine Atelierwohnung und gibt Malkurse für Menschen, die sich selbst vergessen haben.
Tabelle: Die vier Ebenen des Lauschens
| Ebene | Was du hörst | Typisches Körpergefühl | Häufigste Blockade | Erster kleiner Schritt |
|---|---|---|---|---|
| Oberfläche | Gedanken, To-do-Liste, innere Kritik | Anspannung in Schultern und Kiefer | Gewohnheit, alles sofort bewerten zu müssen | 60 Sekunden nichts tun und nur atmen |
| Gefühlsebene | Emotionen, die du bisher weggedrückt hast | Wärme/Kälte im Brustkorb, Kloß im Hals | Angst vor dem, was hochkommt | Eine Emotion benennen, ohne sie zu lösen |
| Körpergedächtnis | Alte Versprechen, Scham, nicht gelebte Träume | Kribbeln in Händen/Füßen, Enge im Bauch | Glaubenssatz „Das ist doch schon zu spät“ | Hand auf die Stelle legen und „Ich höre dich“ sagen |
| Stille darunter | Das pure „Ich bin“ – jenseits von Rollen | Weite, Wärme, manchmal Tränen | Gewohnheit, immer etwas tun zu müssen | 10 Minuten nur Dasein, ohne Ziel |
Eine zweite Geschichte – diesmal aus dem Emmental
In Trub im Emmental lebt ein Mann namens Elias Gerber. Er ist Forstwirt mit Leib und Seele, trägt meistens eine dunkelgraue Fleecejacke über kariertem Hemd und hat Hände, die aussehen, als wären sie aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die Stämme, die er pflegt. Elias hat drei Jahre lang nicht mehr richtig geschlafen. Er hörte nachts immer nur die Motorsägen in seinem Kopf, die Termindichte, die Rechnungen, den Druck, den Hof am Laufen zu halten.
Eines Morgens, als er mit der ersten Morgensonne auf dem Kamm über dem Dorf stand, hörte er plötzlich nichts mehr. Keine innere Stimme. Keine Sorge. Nur den Wind in den Tannen und seinen eigenen Atem. In diesem Moment wusste er: Er musste etwas verändern – nicht den Hof, sondern die Art, wie er mit sich selbst spricht.
Er begann, jeden Abend zehn Minuten lang einfach nur zu sitzen und zu lauschen. Keine Musik. Kein Podcast. Nur er und die Stille. Nach sechs Wochen bemerkte er, dass er Entscheidungen anders traf: ruhiger, klarer, mutiger. Heute sagt er: „Ich habe gelernt, dass die Lösung meistens schon da ist, bevor ich sie suche. Ich musste nur aufhören, so laut zu denken.“
Aktueller Trend: „Audible Stillness“ aus Kalifornien
Seit etwa zwei Jahren breitet sich in Europa eine Praxis aus, die ursprünglich in stillen Küstenorten Nordkaliforniens entstand: Audible Stillness. Menschen treffen sich nicht zum Reden, sondern zum gemeinsamen Schweigen – oft in kleinen Gruppen von sechs bis zehn Personen. Man sitzt eine Stunde zusammen, lauscht dem Raum, den Atemzügen der anderen, dem Wind, den Vögeln. Danach gibt es genau fünf Minuten, in denen jeder genau einen Satz sagen darf – wenn er möchte. Der Rest bleibt ungesagt. Viele berichten, dass sie in dieser einen Stunde mehr über sich erfahren als in monatelanger Therapie.
Fragen & Antworten – was Leser wirklich wissen wollen
- Wie lange muss ich wirklich still sein, damit es wirkt? Schon 3–7 Minuten reichen oft, um den ersten inneren Impuls zu spüren. Wichtiger als Dauer ist Regelmäßigkeit.
- Was mache ich, wenn nur Sorgen hochkommen? Das ist ein gutes Zeichen. Die Sorgen sind nur die Türsteher. Wenn du sie nicht wegschiebst, sondern einfach wahrnimmst, verlieren sie meistens nach 2–3 Minuten an Kraft.
- Kann ich das auch im Alltag machen – z. B. in der Bahn? Ja. Augen schließen, auf den eigenen Atem oder auf die Vibrationen des Zuges lauschen. Die Kunst besteht darin, inmitten von Lärm eine innere Kammer der Stille zu bauen.
- Was, wenn ich Angst habe, dass ich nichts höre? Genau dieses „Nichts“ ist oft die erste Botschaft: Du bist nicht kaputt. Du bist nur überlagert. Bleib dran.
- Ist das nicht einfach nur Meditation? Nein. Meditation hat oft ein Ziel (Ruhe, Achtsamkeit, Leere). Lauschen hat kein Ziel. Es ist ein Akt der Ehrfurcht vor dem, was bereits da ist.
Und zum Schluss ein Satz von Rainer Maria Rilke
„Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.“
Du musst nicht alles auf einmal hören. Fang mit dem Kleinsten an. Mit dem Atemzug. Mit dem Herzschlag. Mit der Stille zwischen zwei Gedanken. Dort wohnt deine Erfüllung schon. Sie wartet nur darauf, dass du endlich still wirst und hinhörst.
Hat dich diese leise Reise berührt? Dann schreib mir in die Kommentare: Was war das Erste, das du heute wirklich gehört hast, als du für einen Moment still geworden bist? Ich lese jedes Wort.
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
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