Du bist nicht zu viel, nur zu lange still.

Du bist nicht zu viel, nur zu lange still.
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Du bist nicht zu viel, nur zu lange still.

Stell dir vor, du stehst in einem Raum voller Menschen, die alle sprechen – und deine Kehle fühlt sich an wie zugeschnürtes Leder. Dein Herz schlägt laut genug, dass du glaubst, die anderen müssten es hören. Aber du sagst nichts. Du lächelst nur dieses höfliche, kleine Lächeln, das du seit Jahren perfektioniert hast. Und während du schweigst, wächst in dir etwas Dunkles, Schweres, das du nicht benennen kannst. Bis du eines Tages merkst: Es ist nicht Schüchternheit. Es ist unterdrückte Lebendigkeit.

Du bist nicht zu viel. Du bist nur zu lange still gewesen.

Viele von uns – besonders die, die in harmoniebedürftigen Familien, in Leistungsdruck-Schulen oder in höflich-distanzierten Arbeitswelten groß geworden sind – haben gelernt, ihre Lautstärke zu dimmen. Nicht weil wir leise Menschen wären, sondern weil laut sein irgendwann bestraft wurde: mit Ablehnung, mit Spott, mit dem Satz „Jetzt übertreibst du aber“. Und so haben wir uns kleiner gemacht. Wort für Wort. Atemzug für Atemzug.

Die unsichtbare Strafe der Anpassung

Ingrid aus Flensburg, gelernte Orthopädietechnikerin, erzählte mir einmal in einem langen Wintergespräch bei Kerzenlicht: „Ich habe zwölf Jahre in derselben Praxis gearbeitet und nie um eine Gehaltserhöhung gebeten. Nicht weil ich sie nicht wollte – ich wollte sie so sehr, dass mir nachts schlecht wurde. Sondern weil ich dachte, wenn ich den Mund aufmache, gelte ich als gierig.“ Sie hat später gewechselt. In derselben Stadt, nur drei Straßen weiter, verdiente sie plötzlich 28 % mehr – einfach weil sie gefragt hat. Die Kollegen waren nicht sauer. Der Chef war nicht beleidigt. Die Welt ist nicht untergegangen. Nur ihr altes Ich war gestorben. Das stille, brave, immer-verständnisvolle Ich.

Das ist der Kern: Schweigen wird belohnt – bis es zur Strafe wird. Man bezahlt mit unterdrückter Wut, mit Erschöpfung, mit dem Gefühl, im eigenen Leben nur Statist zu sein.

Warum dein Schweigen süchtig macht

Es gibt einen biochemischen Grund, warum wir oft lieber schweigen, als zu sprechen. Wenn du deinen wahren Gedanken nicht aussprichst, bleibt der Cortisolspiegel zwar erhöht – aber du vermeidest den akuten Adrenalin-Schub der Konfrontation. Dein Nervensystem lernt: Schweigen = Sicherheit. Das Problem: Langfristig steigt das Grundrauschen an Anspannung. Chronischer Stress ohne Ventil. Und genau das führt zu dem Gefühl „Ich bin zu viel“, obwohl das Gegenteil stimmt: Du bist zu wenig sichtbar geworden.

Der Moment, in dem alles kippt

Stell dir vor, du sitzt in einem kleinen Lokal in Innsbruck. Draußen schneit es in dicken, lautlosen Flocken. Drinnen riecht es nach frischem Holz und dunklem Roggenbrot. Neben dir sitzt ein Mann namens Kilian, gelernter Steinmetz, der seit drei Jahren in der Restaurierung des Goldenen Daches arbeitet. Er trägt ein dunkelgraues Flanellhemd und spricht mit dieser ruhigen Sicherheit, die nur Menschen haben, die mit Hammer und Meißel gelernt haben, dass man Druck aushalten muss, um etwas Schönes zu schaffen.

Er sagt: „Weißt du, was mich früher am meisten fertiggemacht hat? Dass ich immer dachte, wenn ich sage, was ich wirklich will, dann zerbricht etwas. Bis ich gemerkt habe: Es zerbricht nur die Lüge.“

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An diesem Abend hast du zum ersten Mal seit Jahren laut gesagt: „Ich will nicht mehr diejenige sein, die immer versteht.“ Und nichts ist zerbrochen. Nur etwas in dir ist endlich angekommen.

Wie Schweigen zur Identität wird

Du kennst das Gefühl: Jemand fragt dich „Und was denkst du wirklich?“ – und statt zu antworten, hörst du dich sagen „Ach, ist doch egal“. Das ist kein Satz. Das ist ein Reflex. Ein Schutzpanzer aus Luft.

Viele Menschen, die später in Coachings oder Therapien kommen, beschreiben genau diesen Punkt als den schmerzhaftesten: zu erkennen, dass sie jahrelang eine Identität gepflegt haben, die gar nicht ihre war. Sie waren „die Ruhige“, „die Anspruchslose“, „die immer Zufriedene“. Und sie hatten keine Ahnung, wie viel Kraft es kostet, eine Rolle zu spielen, die zu klein ist.

Der aktuelle Trend, der gerade aus den USA und Kanada nach Mitteleuropa schwappt: „Reparenting the Silenced Inner Child“

Seit etwa zwei Jahren gewinnt eine sehr spezielle Form der inneren-Kind-Arbeit rasant an Popularität – vor allem in Online-Communities und bei jüngeren Therapeuten. Sie heißt in Fachkreisen „reparative voicing“ oder umgangssprachlich „dem stillen Kind eine Stimme geben“. Die Methode kombiniert somatische Experiencing mit gezieltem lauten Sprechen in sicheren Räumen. Menschen schreien, singen, fluchen, weinen – bewusst und dosiert – um das alte Nervensystem-Muster „Laut = gefährlich“ zu überschreiben. In Berlin, Graz und Basel entstehen gerade die ersten geschlossenen Gruppen dafür. Die Wartelisten sind lang.

Was passiert, wenn du endlich sprichst

  • Deine Schultern sinken nicht mehr automatisch nach unten, wenn jemand dich ansieht.
  • Du merkst, dass deine Meinung nicht nur existiert, sondern auch Gewicht hat.
  • Du hörst auf, dich für deine Bedürfnisse zu entschuldigen.
  • Und das Erstaunlichste: Die meisten Menschen finden dich nicht plötzlich „zu viel“. Sie finden dich endlich echt.

Praktische Tabelle: Dein Schweige-Muster entschlüsseln

Situation Was du fühlst Was du stattdessen sagst Was du wirklich sagen könntest Erster kleiner Schritt
Jemand unterbricht dich dauernd Wut & Kleinheit „Macht nichts“ „Ich war noch nicht fertig“ Hand leicht heben + „Moment bitte“ sagen
Du wirst übergangen (Bestellung, Meeting) Scham & Resignation Schweigen „Entschuldigung, ich wollte noch etwas sagen“ Blickkontakt halten + klar sprechen
Dein Partner / Chefin fragt nach Meinung Panik & Leere „Weiß nicht, wie du willst“ „Ich finde … und zwar weil …“ Mit „Ich“ beginnen statt mit „Man“
Du wirst gelobt Unbehagen „Ach, war doch nichts“ „Danke, das freut mich wirklich“ Das Lob einfach nur annehmen, ohne Abwiegeln
Du willst um etwas bitten Angst vor Ablehnung Schweigen oder Umweg „Ich hätte gerne …“ Den Satz vorher laut im Bad üben

Mini-Übung: Der 7-Sekunden-Regel-Test

Nächstes Mal, wenn du etwas sagen willst und spürst, wie sich dein Hals zuschnürt: Zähle innerlich langsam bis 7. Atme dabei tief in den Bauch. Dann sprich – egal wie klein der Satz ist. Nur 7 Sekunden halten. Das reicht oft schon, um den alten Reflex zu unterbrechen.

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Frage-Antwort-Runde – die häufigsten inneren Einwände

1. Aber wenn ich laut werde, finden mich die anderen anstrengend. Meistens finden sie dich erst anstrengend, wenn du monatelang alles in dich hineingefressen hast und dann plötzlich explodierst. Kontrolliertes, klares Sprechen wirkt fast immer erleichternd – auch auf die anderen.

2. Ich weiß gar nicht mehr, was ich wirklich denke. Das ist normal, wenn du jahrelang still warst. Fang klein an: Schreib jeden Abend drei Sätze auf, die mit „Ich will …“, „Ich mag nicht …“, „Ich finde …“ beginnen. Nach 2–3 Wochen hörst du deine eigene Stimme wieder klarer.

3. Ich will niemanden verletzen. Das ist edel. Und oft eine Falle. Die meisten Verletzungen entstehen durch unausgesprochene Wahrheit, nicht durch ehrliche Worte. Sag es freundlich, aber sag es.

4. Was, wenn ich mich lächerlich mache? Das Risiko besteht. Und es ist winzig im Vergleich zu dem Risiko, dein Leben lang unsichtbar zu bleiben.

5. Wo fange ich überhaupt an? Mit dem nächsten Satz, den du gerade verschluckst. Genau jetzt.

Ein Satz, der bleibt

„Du bist kein Fehler, der leiser gestellt werden muss. Du bist eine Stimme, die endlich gehört werden will.“

Wenn du magst, schreib mir in die Kommentare: Welchen einen Satz hast du heute schon wieder verschluckt – und wie würde er klingen, wenn du ihn endlich laut sagst?

Hat dich der Text berührt oder wütend oder erleichtert gemacht? Dann schreib mir gern deinen verschluckten Satz oder dein erstes kleines „Nein“ in die Kommentare – ich lese jedes Wort.

Über mich – Andreas Schulze

Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.

Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.

Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.

Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.

Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg

Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook

Willkommen auf meiner Seite – und in deiner Erfolgsgeschichte.

Blog Bilder für schöne Bider (4572)

Alles, was du liebst, wird vergehen.
Menschen. Momente. Gefühle.
Auch du.

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Niemand sagt dir das gern ins Gesicht.
Aber dein Leben ist kein unendlicher Raum.
Es ist ein Countdown.

Rein rechnerisch hast du etwa 625.000 bis 700.000 Stunden auf dieser Welt.
Nicht mehr. Nicht weniger.

Ein Großteil davon verschwindet im Schlaf.
Ein weiterer Teil in Terminen, Pflichten, Ablenkung.
Und plötzlich stehst du da und denkst:
Wo ist all die Zeit geblieben?

Das Licht wird nicht langsam dunkler.
Es geht einfach aus.

Genau deshalb ist Zeit das Wertvollste, was du besitzt –
und gleichzeitig das, was die meisten Menschen am achtlosesten verlieren.

Alles, was du liebst, ist endlich.
Darum ist „später“ eine gefährliche Lüge.
Nicht irgendwann.
Nicht wenn es ruhiger wird.
Nicht wenn du mehr Zeit hast.

Jetzt.
Heute.
In diesem Moment.

erfolgsebook.com existiert aus genau einem Grund:
Dir zu helfen, aus begrenzter Lebenszeit ein bewusstes Leben zu machen.

Nicht mit Druck.
Nicht mit leeren Parolen.
Sondern mit Klarheit.

Impulse, die dir zeigen:

– warum Genuss ohne Richtung dich leer zurücklässt
– warum Erfolg ohne Sinn dich trotzdem müde macht
– und wie aus bloßer Existenz ein Leben mit Tiefe wird

Keine Theorien.
Keine Motivationsfloskeln.
Sondern Gedanken, die dich dein Leben neu sehen lassen.

Viele Leser sagen danach:

„Ich renne meiner Zeit nicht mehr hinterher.
Ich entscheide, wofür ich sie einsetze.“

Und dann kommt der Satz, den niemand je hören wollte –
aber fast jeder irgendwann fühlt:

Eines Tages wachst du auf –
und es gibt kein ‚später‘ mehr für das,
was dir wirklich wichtig war.

Wenn du begreifst, dass du nur dieses eine Leben hast,
willst du nicht länger funktionieren.
Du willst fühlen.
Erleben.
Spuren hinterlassen – in deinem Herzen und in dem der Menschen, die du liebst.

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Sondern aus Respekt vor deiner Zeit.

Du kannst deine Stunden nicht vermehren.
Aber du kannst entscheiden,
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