Die Seele findet heim in stiller Nacht
In der Stunde, in der die meisten Menschen bereits schlafen oder sich mit dem blauen Licht des Handydisplays betäuben, sitzt eine Frau namens Hanna Korbin in einer kleinen Dachwohnung in Graz, Bezirk Lend, und hört dem Regen zu, der gegen die schrägen Scheiben schlägt wie ein ungeduldiger Liebhaber, der nicht hereingelassen werden will.
Sie trägt einen alten, dunkelolivfarbenen Wollpullover, der an den Ellenbogen schon fast durchgescheuert ist, darunter ein schwarzes Tanktop, dessen Träger dünn über die Schlüsselbeine rutschen. Die Haare hat sie mit einem abgegriffenen Haargummi zu einem lockeren Knoten gebunden; einzelne Strähnen fallen ihr ins Gesicht, wenn sie den Kopf neigt. Vor ihr steht ein Becher mit kalt gewordenem Schwarztee – kein fancy Earl Grey, sondern der einfache Beuteltee, den man in jedem österreichischen Supermarkt seit Jahrzehnten in der gleichen gelb-roten Packung kauft.
Hanna ist 38, Bibliothekarin in einer großen Universitätsbibliothek, und seit etwa vierzehn Monaten lebt sie in einem Zustand, den sie selbst „leise Abwesenheit“ nennt. Sie ist physisch da, antwortet höflich, lächelt an den richtigen Stellen, doch ein Teil von ihr ist fortgegangen – nicht weggezogen, nicht verreist, sondern einfach abwesend, wie ein Schlüssel, den man in die Hosentasche steckt und dann vergisst, dass er überhaupt existiert.
Inhaltsverzeichnis
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Die Stille, die niemand hört
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Der Moment, in dem das alte Leben zerbricht
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Was bleibt, wenn die Rolle wegfällt
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Der erste Blick nach innen
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Die Kunst, sich selbst nicht zu verraten
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Die Rückkehr – nicht als Heilung, sondern als Wiedererkennen
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Wenn die Seele wieder atmen darf
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Was wir wirklich nach Hause bringen
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Nachwort für die, die gerade nicht schlafen können
Die Stille, die niemand hört
Es gibt eine Stille, die lauter ist als jeder Schrei. Sie entsteht nicht durch Abwesenheit von Geräuschen, sondern durch Abwesenheit von Resonanz. Hanna spürt sie seit dem Tag, an dem sie nach achtzehn Jahren Beziehung die Wohnungstür hinter sich zuzog und in eine leerstehende Ein-Zimmer-Wohnung zog, deren Wände nach frischer Farbe und altem Nikotin rochen.
Sie erinnert sich genau an den Klang des Schlüssels, der im Schloss umgedreht wurde – nicht laut, nicht dramatisch, sondern mit jener kleinen, trockenen Endgültigkeit, mit der man eine Schublade schließt, die man nie wieder öffnen will.
In den ersten Wochen versuchte sie, die Leere mit Geräuschen zu füllen: Podcasts beim Kochen, Konzerte auf dem Smartphone beim Duschen, Hörbücher bis drei Uhr morgens. Doch die Stille kam immer wieder – besonders zwischen zwei und vier Uhr nachts, wenn selbst die Straßenbahnen in der Annenstraße Pause machen und nur noch der Regen oder der Wind durch die Ritzen pfeift.
Sie begann, diese Stunden zu fürchten. Und gleichzeitig zu suchen.
Der Moment, in dem das alte Leben zerbricht
Es war kein großer Knall. Keine fremde Frau im Bett, kein plötzlicher Kündigungsbrief, kein Autounfall. Es war ein Dienstagabend im Spätherbst. Sie saßen in der Küche der Altbauwohnung in der Nähe des Jakominiplatzes, aßen überbackene Nudeln, tranken Rotwein aus dem Tetrapack, weil sie nie teuren Wein kaufen wollten, „weil wir ja keine Snobs sind“.
Er sagte plötzlich, ohne Vorwarnung, ohne Streit vorher: „Ich glaube, ich kann das nicht mehr.“
Nicht „uns“, nicht „dich“ – „das“. Als wäre ihre gemeinsame Zeit ein Kleidungsstück geworden, das man ausgezogen und in den Schrank gehängt hat, weil es nicht mehr passt.
Hanna fragte nicht einmal „Warum?“. Sie nickte nur, langsam, als hätte sie es schon lange gewusst, aber die Worte noch nicht hören wollen.
Was bleibt, wenn die Rolle wegfällt
Die nächsten Monate waren wie das Aufräumen nach einem langen Fest, bei dem alle schon gegangen sind. Sie packte seine Sachen in Kisten, fand Dinge, von denen sie nicht einmal wusste, dass sie existierten: ein altes Konzertticket von 2009 (Die Toten Hosen, Wien Stadthalle), einen Schlüsselanhänger mit einem winzigen Eiffelturm, den er von einem Schüleraustausch mitgebracht hatte, ein Foto von ihnen beiden vor dem Grazer Uhrturm, auf dem sie beide so jung aussahen, dass es wehtat.
Sie behielt nichts davon. Nicht aus Trotz, sondern weil sie spürte, dass jedes Erinnerungsstück eine kleine Ankerkette war, die sie weiter nach unten zog.
Wenn die Rolle der Partnerin wegfällt, die Rolle derjenigen, die immer weiß, wo die Ersatz-Glühbirnen sind, die immer die Steuererklärung zuerst macht, die immer lacht, wenn er einen schlechten Witz erzählt – was bleibt dann?
Zuerst nur Schweigen. Dann, ganz langsam, ein leises, fremdes Flüstern: Wer bin ich eigentlich, wenn mich niemand mehr braucht?
Der erste Blick nach innen
Eines Nachts – es war Ende Februar, die Heizung klopfte wie ein ungeduldiger Herzschlag – setzte sie sich mit einem Notizbuch an den kleinen Holztisch und schrieb den ersten Satz, den sie je wirklich für sich allein schrieb:
„Ich habe Angst, dass in mir gar nichts ist.“
Sie starrte den Satz an, als wäre er von jemand anderem geschrieben worden. Dann schrieb sie weiter, ohne Punkt und Komma, einfach alles, was hochkam:
dass ich nur aus Reaktionen bestehe dass ich nur nett bin, weil Streit anstrengend ist dass ich nur fleißig bin, weil faul sein bestraft wird dass ich nur lächle, weil Weinen peinlich ist dass ich vielleicht gar keine eigene Stimme habe
Sie schrieb bis halb fünf. Dann schlief sie am Tisch ein, die Wange auf dem karierten Papier, und träumte zum ersten Mal seit Monaten ohne Angst.
Die Kunst, sich selbst nicht zu verraten
Von da an änderte sich etwas, fast unmerklich.
Sie begann, kleine Akte des Widerstands gegen die automatische Nettigkeit zu setzen.
Sie sagte zum ersten Mal „Nein“ zu einer Kollegin, die sie schon wieder bitten wollte, deren Spätschicht zu übernehmen.
Sie kaufte sich ein Paar dunkelrote Lederschuhe mit kleinem Absatz – nicht weil sie sie brauchte, sondern weil sie sie schön fand.
Sie ging allein ins Kino und weinte bei einem französischen Film so laut, dass die Frau zwei Sitze weiter ihr Taschentuch herüberreichte, ohne ein Wort zu sagen.
Sie begann, sich selbst kleine Briefe zu schreiben. Keine positiven Affirmationen, keine „Du bist genug“-Phrasen. Sondern ehrliche, manchmal harte Sätze:
„Du hast heute wieder Ja gesagt, obwohl dein Magen sich zusammenzog. Warum tust du das noch?“ „Du hast Angst vor dem Alleinsein, aber du hast noch viel mehr Angst davor, wieder in eine Beziehung zu rennen, nur um nicht allein zu sein.“ „Vielleicht bist du gar nicht kaputt. Vielleicht warst du nur lange Zeit unsichtbar für dich selbst.“
Die Rückkehr – nicht als Heilung, sondern als Wiedererkennen
Es gab keinen Moment der großen Erleuchtung. Keinen Sonnenaufgang auf einem Berggipfel, keine plötzliche Liebe, die alles heilt.
Es gab stattdessen Dienstagabende, an denen sie allein aß und es sich gut anfühlte.
Es gab Spaziergänge durch den Stadtpark im Winter, wenn die Enten auf dem zugefrorenen Teich wie schwarze Scherenschnitte wirkten und sie zum ersten Mal seit Jahren keine Angst hatte, dass jemand sie für komisch halten könnte, weil sie einfach nur dasaß und zusah.
Es gab Nächte, in denen sie wach lag und sich nicht mehr fragte „Was fehlt mir?“, sondern „Was will ich wirklich?“
Und manchmal – ganz selten – kam die Antwort leise und klar: „Ich will mich nicht mehr verstecken.“
Wenn die Seele wieder atmen darf
Eines Morgens im März stand sie früh auf, kochte sich einen starken türkischen Kaffee in dem kleinen Kupferköfferchen, das sie vor Jahren in Belgrad gekauft hatte, und setzte sich ans offene Fenster.
Die Luft roch nach nassem Asphalt und den ersten Forsythien. Ein Mann mit einem hellgrauen Mantel und einer Aktentasche ging unten vorbei, ohne sie zu bemerken. Eine Frau schob einen Kinderwagen, summte leise ein Lied, das Hanna aus ihrer eigenen Kindheit kannte.
In diesem Moment spürte sie es zum ersten Mal wirklich: Sie war nicht mehr abwesend. Sie war hier. Ganz.
Was wir wirklich nach Hause bringen
Wir bringen keine großen Siege nach Hause. Keine Trophäen, keine perfekten Beziehungen, keine makellosen Lebensläufe.
Wir bringen die kleinen, unscheinbaren Dinge mit, die niemand sieht:
die Bereitschaft, einmal nicht zu lächeln, wenn es nicht ehrlich ist die Fähigkeit, eine Nacht lang zu weinen, ohne sich dafür zu schämen die Stille, die man nicht mehr fürchten muss die Stimme, die man endlich wieder hört
Und manchmal – wenn wir sehr viel Glück haben – bringen wir uns selbst mit nach Hause.
Hat dir der Text etwas berührt oder in dir nachgehallt? Dann schreib mir gern in die Kommentare: Welcher kleine Satz hat sich heute bei dir festgesetzt – und was macht er mit dir? Teil ihn mit jemandem, der gerade in seiner eigenen stillen Nacht sitzt.
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg
Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook
Willkommen auf meiner Seite – und in deiner Erfolgsgeschichte.

Alles, was du liebst, wird vergehen.
Menschen. Momente. Gefühle.
Auch du.
Niemand sagt dir das gern ins Gesicht.
Aber dein Leben ist kein unendlicher Raum.
Es ist ein Countdown.
Rein rechnerisch hast du etwa 625.000 bis 700.000 Stunden auf dieser Welt.
Nicht mehr. Nicht weniger.
Ein Großteil davon verschwindet im Schlaf.
Ein weiterer Teil in Terminen, Pflichten, Ablenkung.
Und plötzlich stehst du da und denkst:
Wo ist all die Zeit geblieben?
Das Licht wird nicht langsam dunkler.
Es geht einfach aus.
Genau deshalb ist Zeit das Wertvollste, was du besitzt –
und gleichzeitig das, was die meisten Menschen am achtlosesten verlieren.
Alles, was du liebst, ist endlich.
Darum ist „später“ eine gefährliche Lüge.
Nicht irgendwann.
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Nicht wenn du mehr Zeit hast.
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Heute.
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Viele Leser sagen danach:
„Ich renne meiner Zeit nicht mehr hinterher.
Ich entscheide, wofür ich sie einsetze.“
Und dann kommt der Satz, den niemand je hören wollte –
aber fast jeder irgendwann fühlt:
Eines Tages wachst du auf –
und es gibt kein ‚später‘ mehr für das,
was dir wirklich wichtig war.
Wenn du begreifst, dass du nur dieses eine Leben hast,
willst du nicht länger funktionieren.
Du willst fühlen.
Erleben.
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