Die Seele atmet, wo Stille beginnt
In manchen Momenten, wenn der Tag sich selbst nicht mehr erträgt, setzt sich eine Frau in einer kleinen Wohnung in Graz an den Küchentisch, schiebt den Laptop zur Seite, nimmt ein leeres Blatt und schreibt nur einen einzigen Satz:
„Ich bin müde, aber nicht vom Leben – ich bin müde davon, ständig jemand anderes zu sein.“
Sie heißt Judith, 38, Logopädin in einer Kinder-Rehaklinik am Rand der Stadt. Morgens um 6:40 Uhr steht sie bereits in der Straßenbahn, zwischen schweigenden Pendlern und dem metallischen Geruch von nassem Wintermantel. Ihre Kollegin nennt das „Grazer Schweigen“ – nicht unfreundlich, nur dicht. Judith trägt meistens einen dunkelolivfarbenen Wollmantel, darunter ein anthrazitfarbenes Rollkragenpullover aus feinem Merinowoll-Mix, die Ärmel ein Stück hochgeschoben, weil sie ständig mit den kleinen Händen der Kinder arbeitet und die Wärme der Heizkörper nicht mag.
Sie spürt seit etwa anderthalb Jahren, dass sie in einer Art Dauer-Übersetzung lebt. Sie übersetzt die Erwartungen der Eltern in beruhigende Sätze für die Kinder. Sie übersetzt die Ungeduld der Chefärztin in höfliche Dienstpläne. Sie übersetzt ihre eigene Erschöpfung in ein Lächeln, das gerade noch echt aussieht.
Und irgendwann fragt sie sich nicht mehr, wer sie eigentlich ist, sondern nur noch, wie lange sie diese Rolle noch spielen kann, bevor der Vorhang reißt.
Inhaltsverzeichnis
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Der Moment, in dem die Maske zu schwer wird
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Warum wir uns selbst am meisten verraten
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Die erste ehrliche Frage nach vielen Jahren
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Der Körper spricht, bevor der Verstand es merkt
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Die Kunst, Nein zu sagen, ohne sich zu rechtchtfertigen
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Stille als radikaler Akt der Selbstbehauptung
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Wenn das alte Ich klopft – und du endlich öffnest
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Rückkehr ins Eigene – keine Ankunft, sondern Wiedererkennen
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Ein neues Tempo finden, das keinem anderen mehr gehört
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Was bleibt, wenn alles Perfekte wegbricht
Judith beginnt an einem Januarmorgen damit, die Heizung zwei Grad herunterzudrehen. Nicht aus Sparsamkeit. Sondern weil sie plötzlich spürt, dass sie die Wärme nicht mehr braucht, um sich sicher zu fühlen. Die Kälte im Raum wird zu einer Art Gefährtin. Sie setzt sich mit einer Tasse ungesüßten Kräutertees (Salbei-Minze, bitter und klar) ans Fenster und schaut hinaus auf die graue Fassade gegenüber, auf der jemand vor Jahren in Schablonenschrift „Atme“ gesprüht hat. Die Farbe blättert ab. Das passt.
Sie merkt, dass sie seit Jahren nicht mehr richtig geschwiegen hat. Nicht das höfliche Schweigen im Aufzug. Nicht das taktische Schweigen in Besprechungen. Sondern echtes, absichtsloses Schweigen. Das, bei dem man hört, wie das Blut in den Ohren rauscht und wie der eigene Atem klingt, wenn niemand Applaus erwartet.
An diesem Morgen nimmt sie sich vor, einen ganzen Tag lang nichts zu erklären. Keine Rechtfertigung. Kein „eigentlich wollte ich…“. Kein „sorry, aber…“.
Sie sagt nur das Nötigste. Und zwar wortwörtlich.
„Kannst du heute die 9-Uhr-Gruppe übernehmen?“ „Ja.“
„Hast du die Unterlagen für die Teambesprechung?“ „Nein.“
„Geht’s dir gut?“ „Nein.“
Das erste Mal, dass sie das einfach sagt. Ohne abzumildern. Ohne Lächeln hinterherzuschicken. Ohne „…aber es wird schon“.
Die Kollegin schaut sie an, als hätte Judith plötzlich eine andere Sprache gesprochen. Dann nickt sie nur und geht weiter. Kein Drama. Keine Nachfrage. Nur ein kleines, fast unsichtbares Innehalten.
Judith spürt zum ersten Mal seit langer Zeit, dass sie nicht zusammenbricht, wenn sie nicht mehr alles glattbügelt.
Der Körper lügt nicht
Etwa drei Wochen später passiert etwas, das sie später „den Nacken-Moment“ nennen wird.
Sie sitzt in der Mittagspause im Pausenraum. Um sie herum wird über die neue Chefin gesprochen, über Dienstplan-Chaos, über eine Mutter, die gestern wieder geweint hat. Judith hört zu, nickt, macht mit dem üblichen „Mhm, ja genau“-Geräusch.
Plötzlich spürt sie, wie sich ihr Nacken zusammenzieht – nicht schmerzhaft, sondern wie eine alte, vertraute Rüstung, die sich selbstständig macht. Die Schultern gehen hoch, der Kopf sinkt leicht nach vorn, die Kiefermuskulatur spannt sich an. Sie kennt diese Haltung. Es ist die „Ich halte alles aus“-Haltung, die sie seit der Ausbildung trainiert hat.
In diesem Augenblick tut sie etwas, das sie noch nie getan hat:
Sie legt beide Hände flach auf den Tisch, atmet einmal sehr tief ein – und lässt die Schultern bewusst nach unten fallen.
Laut.
Das Geräusch, das ihre Schultern machen, als sie sich entspannen, ist für sie ohrenbetäubend. Niemand sonst scheint es zu hören. Aber für Judith klingt es wie das Brechen von altem Eis.
Sie bleibt so sitzen. Hände auf dem Tisch. Schultern unten. Blick geradeaus.
Und sagt nichts mehr.
Nicht einmal „Mhm“.
Zum ersten Mal seit Jahren sitzt sie einfach da – und ist da.
Der Körper hat gesprochen, bevor der Verstand es formulieren konnte: Ich will nicht mehr mitmachen bei diesem Spiel.
Die Sehnsucht nach einem Leben ohne Übersetzung
In den folgenden Monaten beginnt Judith, kleine Experimente zu machen.
Sie lässt E-Mails unbeantwortet, die nicht wirklich wichtig sind. Sie sagt in der Teambesprechung: „Ich mache das nicht mit“, als eine neue Verpflichtung verteilt werden soll. Sie geht samstags nicht mehr einkaufen, sondern bleibt zu Hause und liest ein Buch, das sie vor sieben Jahren angefangen und nie beendet hat.
Jedes Mal, wenn sie „Nein“ sagt oder einfach nichts sagt, spürt sie eine winzige, fast schüchterne Freude in der Brust – wie ein Kind, das zum ersten Mal merkt, dass es die Hand der Mutter loslassen darf, ohne dass der Himmel einstürzt.
Sie beginnt auch, sich selbst Fragen zu stellen, die sie früher für gefährlich gehalten hat:
Was würde ich tun, wenn niemand mich dafür loben würde? Was würde ich lassen, wenn niemand mich dafür bestrafen würde? Wem versuche ich eigentlich die ganze Zeit zu beweisen, dass ich genug bin?
Die Antworten kommen nicht sofort. Manchmal erst nach drei Tagen Schweigen. Manchmal erst, wenn sie nachts um 3:17 Uhr wach liegt und an die Decke starrt.
Ein Abend in Wien, der alles verändert
Im März fährt sie für ein Wochenendseminar nach Wien.
Sie sitzt abends allein im Café Diglas in der Wollzeile. Es regnet. Die Fenster sind beschlagen. Sie bestellt einen großen Schwarzen und einen Apfelstrudel, obwohl sie beides eigentlich nicht mehr isst. Heute will sie sich nicht disziplinieren.
Am Nebentisch sitzt ein Mann, vielleicht Mitte 50, dunkler Wollmantel, rote Wollsocken, die unter der Hose hervorschauen. Er liest die Wiener Zeitung und trinkt einen kleinen Braunen. Alle paar Minuten schaut er auf, mustert kurz den Raum – nicht aufdringlich, sondern wie jemand, der prüft, ob die Welt noch da ist.
Irgendwann treffen sich ihre Blicke.
Er nickt leicht.
Sie nickt zurück.
Kein Lächeln. Kein „schöner Abend heute“. Nur dieses winzige Nicken.
Und genau dieses Nicken fühlt sich für Judith plötzlich wie die ehrlichste Kommunikation seit Monaten an.
Später, als sie wieder im Hotelzimmer sitzt, schreibt sie in ihr Notizbuch:
„Ich glaube, ich habe heute zum ersten Mal erlebt, wie es sich anfühlt, gesehen zu werden, ohne dass ich etwas leisten musste.“
Die Rückkehr – anders
Zurück in Graz verändert sich etwas Grundlegendes.
Sie kündigt nicht ihren Job (noch nicht). Sie zieht nicht aus der Stadt (noch nicht). Sie kauft keine neue Wohnung am Land (noch nicht).
Stattdessen tut sie etwas viel Radikaleres:
Sie hört auf, sich selbst zu verraten – in den kleinen Dingen.
Sie trägt jetzt oft nur noch ein schlichtes schwarzes Sweatshirt und eine bequeme Hose, weil sie sich darin wohlfühlt. Sie antwortet auf WhatsApp-Nachrichten manchmal erst zwei Tage später – und schreibt einfach: „Hab’s jetzt erst gelesen. Mir geht’s gut. Dir?“ Sie sagt Kolleginnen und Kollegen: „Ich brauche heute Mittag Ruhe“, und geht dann tatsächlich spazieren, anstatt im Pausenraum zu sitzen und mitzulachen.
Und jedes Mal, wenn sie das tut, spürt sie, wie ein Stück der alten, unsichtbaren Rüstung abbricht.
Wenn das alte Ich anklopft
Manchmal – meistens nachts – kommt das alte Ich zurück.
Es flüstert: „Wenn du jetzt nicht mehr mitmachst, wirst du allein sein.“ „Wenn du nicht mehr lächelst, mögen dich die Leute nicht mehr.“ „Wenn du nicht mehr alles gibst, bist du undankbar.“
Dann atmet Judith bewusst langsam ein und aus und antwortet dem alten Ich:
„Ich weiß. Und trotzdem bleibe ich hier. Weil ich es satt habe, geliebt zu werden für etwas, das ich nicht bin.“
Das alte Ich wird nicht für immer verschwinden. Aber es wird leiser. Jahr für Jahr leiser.
Ein neues Tempo
Judith läuft jetzt oft frühmorgens durch den Stadtpark. Nicht als Sport. Sondern weil sie den Kies unter den Schuhen spüren will. Weil sie hören will, wie die Krähen sich gegenseitig zurufen. Weil sie merken will, dass sie atmet – und dass das genug ist.
Sie trinkt wieder mehr türkischen Tee, so wie früher bei ihrer Großmutter. Sie hört plötzlich wieder Lieder von AnnenMayKantereit, die sie mit 22 geliebt hat. Sie weint manchmal ohne Grund – und findet das nicht mehr peinlich.
Sie lebt jetzt in einem Tempo, das keinem anderen mehr gehört.
Was bleibt
Am Ende bleibt nicht die große Befreiungsgeschichte. Kein Hollywood-Moment, in dem alles gut wird.
Was bleibt, ist eine leise, hartnäckige Übereinkunft mit sich selbst:
Ich darf hier sein. Auch wenn ich nicht immer lächle. Auch wenn ich nicht immer verstehe. Auch wenn ich manchmal schweige, wenn alle reden.
Ich darf einfach hier sein.
Und das – so stellt Judith fest – ist vielleicht das Schwierigste und zugleich das Schönste, was ein Mensch lernen kann.
Hat dir der Text nahegegangen? Dann schreib mir doch in den Kommentaren: Welchen kleinen Satz hast du heute schon nicht mehr gesagt – und wie hat sich das angefühlt?
Ich lese jedes Wort.
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg
Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook
Willkommen auf meiner Seite – und in deiner Erfolgsgeschichte.

Alles, was du liebst, wird vergehen.
Menschen. Momente. Gefühle.
Auch du.
Niemand sagt dir das gern ins Gesicht.
Aber dein Leben ist kein unendlicher Raum.
Es ist ein Countdown.
Rein rechnerisch hast du etwa 625.000 bis 700.000 Stunden auf dieser Welt.
Nicht mehr. Nicht weniger.
Ein Großteil davon verschwindet im Schlaf.
Ein weiterer Teil in Terminen, Pflichten, Ablenkung.
Und plötzlich stehst du da und denkst:
Wo ist all die Zeit geblieben?
Das Licht wird nicht langsam dunkler.
Es geht einfach aus.
Genau deshalb ist Zeit das Wertvollste, was du besitzt –
und gleichzeitig das, was die meisten Menschen am achtlosesten verlieren.
Alles, was du liebst, ist endlich.
Darum ist „später“ eine gefährliche Lüge.
Nicht irgendwann.
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Nicht wenn du mehr Zeit hast.
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„Ich renne meiner Zeit nicht mehr hinterher.
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Und dann kommt der Satz, den niemand je hören wollte –
aber fast jeder irgendwann fühlt:
Eines Tages wachst du auf –
und es gibt kein ‚später‘ mehr für das,
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Wenn du begreifst, dass du nur dieses eine Leben hast,
willst du nicht länger funktionieren.
Du willst fühlen.
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Jede einzelne.
