Die Opferrolle hinter dir lassen

Aus der Opferrolle in die Selbstwirksamkeit

Die Opferrolle hinter dir lassen

Es gibt diese Momente, in denen jemand morgens vor dem Bildschirm sitzt und wartet. Nicht auf eine Nachricht, nicht auf einen Anruf. Einfach auf etwas. Auf eine Entscheidung, die von oben kommt. Auf eine Veränderung, die jemand anders herbeiführen soll. Auf den einen Satz, der die Situation endlich klärt.

Der Bildschirm bleibt still.

Und der Tag beginnt mit demselben Gedanken, der schon gestern da war: Ich kann nichts tun. Ich sitze das aus. Irgendwann wird sich etwas ergeben.

Das ist keine Faulheit. Es ist auch keine Dummheit. Es ist ein Zustand, der sich leise einrichtet, oft ohne dass jemand ihn bewusst wählt.

Zwischen Warten und blindem Aktionismus

Menschen in beruflicher Unsicherheit geraten häufig in eines von zwei Extremen. Das erste ist die Lähmung. Der Alltag läuft weiter, die Aufgaben werden erledigt, aber innerlich ist da ein Stillstand. Man wartet auf ein Signal, auf eine Restrukturierung, auf eine Entscheidung, die das eigene Schicksal betrifft, ohne dass man selbst daran beteiligt ist.

Das zweite Extrem ist der blinde Aktionismus. Plötzlich werden Bewerbungen geschrieben, Kurse gebucht, Kontakte aktiviert. Nicht aus Klarheit, sondern aus dem Impuls heraus, der Ohnmacht zu entkommen. Der Karrierecoach Bernd Slaghuis warnt vor genau diesem Muster: Wer aus akuter Erschöpfung heraus überstürzt handelt, läuft Gefahr, eher auf der Flucht aus dem Alten zu sein als auf einem bewussten Weg zu einem neuen Ziel.

Beide Reaktionen haben eines gemeinsam: Sie entstehen aus dem Gefühl, keine Wahl zu haben. Die eine Form erstarrt, die andere rennt. Aber keine von beiden fragt: Was will ich eigentlich?

Was unter der Opferrolle liegt

Die Opferrolle ist verführerisch, weil sie entlastet. Wer die Ursache für die eigene Misere bei anderen sieht – beim Chef, bei den Kollegen, bei der Firma, bei den Umständen –, muss sich nicht mit der eigenen Beteiligung beschäftigen. Der Blick geht nach außen, und das entlastet für einen Moment.

Doch diese Entlastung hat einen Preis. Martin Wehrle bringt es auf den Punkt: Wer sich als Opfer definiert, „tut sich keinen Gefallen damit. Zudem verleugnet er einen Teil der Wirklichkeit, den er unbedingt zur Kenntnis nehmen sollte.“ Die entscheidende Frage, die oft ausbleibt, lautet nicht: Wer hat mir das angetan? Sondern: Wie bin ich in dieser Situation gelandet – und was kann ich jetzt tun?

Das ist unbequem. Es bedeutet nicht, Unrecht zu rechtfertigen oder strukturelle Probleme zu leugnen. Es bedeutet, den eigenen Anteil nicht aus dem Blick zu verlieren. Denn nur dort, wo ein eigener Anteil liegt, gibt es auch eine eigene Handlungsmöglichkeit.

Aus der Opferrolle in die Selbstwirksamkeit
Aus der Opferrolle in die Selbstwirksamkeit

Die leise Verschiebung des Maßstabs

Es gibt einen Moment, in dem die Opferrolle kippt – oft nicht durch ein großes Ereignis, sondern durch eine kleine Verschiebung im Denken. Ein Mensch beginnt, sich nicht mehr zu fragen, was andere für ihn tun müssten, sondern was er selbst für sich tun kann. Nicht im Sinne von Selbstoptimierung, sondern im Sinne von Selbstverantwortung.

Das kann so aussehen, dass jemand nach Wochen des Wartens einen Satz sagt wie: Ich weiß noch nicht, wohin ich will. Aber ich weiß, dass ich nicht länger nur sitzen und hoffen will.

Es kann bedeuten, dass jemand aufhört, den perfekten Plan zu suchen, und stattdessen einen kleinen Schritt macht. Einen Schritt, der nicht alles löst, aber der die Erstarrung durchbricht.

Arbeitspsychologin Simone Kauffeld rät in solchen Phasen zu kleinen Schritten, gerade wenn noch Unsicherheit besteht und man noch nicht genau weiß, was man will. Der erste Schritt muss nicht der richtige sein. Er muss nur ein Schritt sein.

Innere Unabhängigkeit entsteht nicht durch Sicherheit

Es liegt eine stille Hoffnung in dem Gedanken, dass man zuerst Sicherheit braucht, um dann frei zu sein. Dass man erst den sicheren Job, die sichere Perspektive, die sichere Entscheidung haben muss, bevor man aufhören kann, sich als Opfer der Umstände zu fühlen.

Diese Reihenfolge stimmt nicht.

Innere Unabhängigkeit entsteht nicht durch äußere Sicherheit. Sie entsteht durch die Erfahrung, dass man selbst handlungsfähig ist – auch unter unsicheren Bedingungen. Das Gefühl von Autonomie bedeutet, sich selbst als Quelle des eigenen Handelns wahrzunehmen, nicht als Empfänger von Entscheidungen anderer.

Das ist der eigentliche Wendepunkt. Nicht die Frage: Wie bekomme ich die Unsicherheit weg? Sondern die Frage: Wie kann ich mich selbst in dieser Unsicherheit als handelnden Menschen erleben?

Vielleicht beginnt das mit einer Entscheidung, die klein genug ist, um sie heute zu treffen. Vielleicht mit einem Gespräch, das man zu lange vermieden hat. Vielleicht mit dem Eingeständnis, dass man selbst eine Wahl hat – auch wenn diese Wahl darin besteht, sich bewusst gegen etwas zu entscheiden.

Der Mut zur eigenen Entscheidung

Es gibt eine Einsamkeit in der eigenverantwortlichen Neuausrichtung. Wer aufhört, die Schuld bei anderen zu suchen, verliert eine bequeme Erklärung. Wer anfängt, selbst zu entscheiden, trägt das Risiko der Entscheidung.

Aber in dieser Einsamkeit liegt auch eine Freiheit, die keine äußere Umstrukturierung geben kann. Die Freiheit zu sagen: Ich weiß nicht, was kommt. Aber ich weiß, dass ich es mitgestalten kann.

Das ist der Punkt, an dem die Opferrolle nicht mehr gebraucht wird. Nicht, weil die Umstände plötzlich fair wären. Sondern weil die eigene Handlungsfähigkeit wichtiger geworden ist als die alte Erklärung, warum alles so schwer ist.

Dein Impuls für heute

Nimm dir fünf Minuten und ein Blatt Papier. Schreibe eine Situation auf, in der du dich in den letzten Wochen ohnmächtig oder wartend gefühlt hast. Dann schreibe – ohne nachzudenken und ohne Bewertung – zwei Sätze dazu:

„Mein Anteil daran ist …“ und „Ein kleiner Schritt, den ich heute gehen kann, ist …“

Der zweite Satz muss nicht groß sein. Er muss nicht die Lösung sein. Er muss nur eine Bewegung sein, die von dir ausgeht.

Wenn du magst, schreibe den kleinen Schritt auf einen separaten Zettel und lege ihn dorthin, wo du ihn morgen früh siehst.

Der erste Schritt aus der Ohnmacht ist nicht der Weg zum Ziel. Er ist der Beweis, dass du wieder gehst.

Du kannst die Umstände nicht kontrollieren. Aber du kannst aufhören, dich von ihnen kontrollieren zu lassen.

Weiterführende Lektüre

Der Gedanke, dass Sicherheit nicht die Voraussetzung für Handeln ist, sondern oft das Ergebnis davon, zieht sich durch diesen Beitrag. Genau hier setzt DIE NEUE UNSICHERHEIT DER ARBEIT an. Das Ebook begleitet dich dabei, die eigene berufliche Situation neu zu vermessen, alte Sicherheitsannahmen zu hinterfragen und aus der Lähmung oder dem blinden Aktionismus in eine eigenverantwortliche Neuausrichtung zu finden. Es ist keine Sammlung von Rezepten, sondern ein Werkzeug zur persönlichen Standortbestimmung – für alle, die den Mut zu eigenen Entscheidungen nicht länger aufschieben wollen.

DIE NEUE UNSICHERHEIT DER ARBEIT

Siehe auch  Drei Quellen unzerstörbarer innerer Stärke enthüllen sich

Comments are closed, but trackbacks and pingbacks are open.