Die Kunst des Loslassens und Überwindens
Stell dir vor, du stehst am Rand eines Abgrunds. Nicht aus Stein, sondern aus allem, was du einmal warst. Der Wind riecht nach altem Papier, nach verbrannten Briefen und nach dem salzigen Geschmack von Tränen, die du nie geweint hast. Deine Finger umklammern noch immer das Seil – jenes dünne, schon ausgefranste Seil aus Gewohnheiten, alten Versprechen, dem Satz „aber ich habe doch so viel investiert“, aus der Angst, ohne all das gar nichts mehr zu sein. Und genau in diesem Moment, in dem der Abgrund dich anstarrt und du ihn, passiert das Entscheidende: Du entscheidest dich, nicht zu springen – sondern loszulassen.
Loslassen ist keine sanfte Kunst. Es ist ein chirurgischer Schnitt ohne Betäubung.
Du spürst jeden Millimeter, in dem die Klinge durch alte Identitäten geht. Und doch: Erst wenn das Seil durchtrennt ist, merkst du, dass du gar nicht gefallen bist. Du schwebst. Weil das, was du für Halt gehalten hast, in Wirklichkeit das Einzige war, was dich nach unten zog.
Was wirklich geschieht, wenn du loslässt
Der erste Atemzug danach fühlt sich falsch an. Zu leicht. Zu leer. Die Lunge weiß nicht mehr, wie man ohne Gewicht atmet. Viele Menschen kehren genau hier um. Sie greifen nach dem abgeschnittenen Seil-Ende, knoteten es notdürftig wieder zusammen und nennen das dann „Realismus“ oder „Verantwortung“. Aber wer einmal wirklich losgelassen hat, weiß: Dieser Moment der Leere ist der kostbarste Rohstoff des ganzen Prozesses.
In diesem Schwebezustand entsteht Platz. Platz für etwas, das du vorher nicht einmal erahnen konntest.
Die unsichtbare Mechanik des Festhaltens
Du hältst fest, weil dein Nervensystem über Jahrzehnte trainiert wurde, Unsicherheit = Tod zu übersetzen. Das ist kein Charaktermangel. Das ist Biologie. Der dorsale Vagusast deines Parasympathikus schreit „Gefahr!“, sobald Kontrolle schwindet. Gleichzeitig produziert dein präfrontaler Cortex die hübschen rationalen Lügen: „Wenn ich jetzt loslasse, verliere ich alles.“
Aber die Wahrheit ist banal und grausam zugleich: Du verlierst nichts, was wirklich deins war. Du verlierst nur die Illusion, dass es dich definiert.
Geschichte einer Frau aus Flensburg
Sie hieß Fenja Petersen und arbeitete als Zollbeamtin im Hafen. Zwölf Jahre lang hatte sie jeden Morgen um 5:40 Uhr denselben Weg genommen – immer dieselbe Jacke (dunkeloliv, wasserabweisend), immer dieselbe Playlist (10 Songs, nie verändert), immer dieselbe innere Ansage: „Irgendwann wird es leichter.“ Eines Morgens, als der Nebel so dick über der Förde lag, dass man die Kräne kaum sah, stand sie plötzlich vor ihrem eigenen Spind und konnte die Tür nicht öffnen. Ihre Hand zitterte. Nicht vor Kälte. Vor Erkenntnis.
Sie fragte sich zum ersten Mal laut: „Warum tue ich das eigentlich noch?“ Die Antwort kam nicht aus dem Kopf. Sie kam aus dem Solarplexus – ein heißer, scharfer Stich. „Weil ich Angst habe, dass danach nichts kommt.“
An diesem Tag reichte sie ihren Urlaub ein. Nicht für eine Woche. Sondern unbefristet. Sie packte nur einen Rucksack, einen alten vietnamesischen Laternen-Bausatz, den sie vor Jahren auf einem Flohmarkt gekauft hatte, und fuhr nach Vietnam. Nicht als Touristin. Als jemand, der sich selbst abgeschrieben hatte und nun wissen wollte, ob man sich wiederfinden kann.
Vietnam – Drachenbucht und Laternen
Sie segelte durch die smaragdgrünen Wasser der Halong-Bucht, wo Kalksteinfelsen wie Drachen aus dem Meer ragen. Tagsüber schwieg sie meist. Nachts, wenn die anderen schliefen, saß sie auf dem Deck, die Knie angezogen, und starrte auf das schwarze Wasser, das sich wie Quecksilber bewegte. In Hoi An lernte sie bei einer älteren Frau namens Lan, wie man Laternen baut. Bambusstreifen biegen, Seidenpapier aufspannen, Kerze einfügen. Jede Laterne ein kleines Geständnis.
Als ihre eigene Laterne fertig war – zartrosa, mit winzigen Kranichen – ließ sie sie in der Nacht mit Hunderten anderen auf dem Fluss treiben. Sie sah zu, wie ihr Licht langsam davonschwamm, zwischen all den anderen Lichtern verschwand. Und zum ersten Mal seit Jahren weinte sie nicht aus Schmerz, sondern aus Erleichterung. Das Loslassen hatte endlich ein Bild bekommen.
Der Unterschied zwischen Loslassen und Aufgeben
Viele verwechseln beides. Aufgeben ist, wenn du die Augen schließt und sagst: „Es hat keinen Sinn mehr.“ Loslassen ist, wenn du die Augen öffnest und sagst: „Es hatte nur diesen Sinn – und jetzt darf etwas Neues beginnen.“
Tabelle: Die Anatomie des Festhaltens vs. des Loslassens
| Aspekt | Festhalten | Loslassen |
|---|---|---|
| Körperliche Empfindung | Enge Brust, hoher Puls, verspannte Schultern | Wärme im Bauch, tiefer Atem, plötzlich leichte Arme |
| Häufigster Gedanke | „Wenn ich loslasse, verliere ich alles“ | „Was, wenn ich dadurch erst alles gewinne?“ |
| Emotionale Grundfarbe | Angst in allen Grautönen | Trauer, die in Neugier übergeht |
| Zeitgefühl | Stillstand, ewige Wiederholung | Plötzliche Weite, Zeit dehnt sich |
| Beziehung zur Identität | „Ich bin das, was ich halte“ | „Ich bin größer als alles, was ich je gehalten habe“ |
| Energiehaushalt | Verbraucht sich im Kampf gegen die Realität | Wird frei für Kreativität und Präsenz |
Eine Frage-Antwort-Runde aus der Praxis
1. Wie merke ich, dass ich etwas loslassen sollte? Wenn der Gedanke daran dich nicht mehr inspiriert, sondern nur noch erschöpft. Wenn du dich für dieselbe Entscheidung rechtfertigen musst, die du vor drei Jahren noch stolz getroffen hast.
2. Was mache ich mit der riesigen Leere danach? Du widerstehst dem Reflex, sie sofort wieder zu füllen. Du sitzt darin. Trinkst Tee. Schaust aus dem Fenster. Lässt sie atmen. Die Leere ist kein Feind – sie ist der Raum, in dem das Neue Form annimmt.
3. Kann man Loslassen üben, ohne alles zu verlieren? Ja. Beginne klein. Wirf heute Abend ein Kleidungsstück weg, das du seit drei Jahren nicht mehr getragen hast, aber „vielleicht irgendwann“. Spüre, wie dein Nervensystem kurz Panik meldet – und dann merkt, dass nichts Schlimmes passiert.
4. Was ist der größte Mythos über Loslassen? Dass man danach sofort glücklich ist. Meistens ist man erst einmal traurig, verwirrt, orientierungslos. Das ist kein Rückschlag. Das ist der Preis für Ehrlichkeit.
5. Gibt es etwas, das man nie loslassen sollte? Die Fähigkeit, wieder loszulassen. Und Mitgefühl mit dir selbst, während du stolperst.
Ein aktueller Trend aus Fernost, der gerade nach Europa kommt
Silent Walks mit Laternen-Meditation. Menschen gehen in der Dämmerung schweigend durch Parks oder Wälder, jeder trägt eine kleine batteriebetriebene oder echte Kerzenlaterne. Kein Sprechen. Kein Handy. Nur Schritte, Atem und das sanfte Schaukeln des Lichts. Ursprünglich aus koreanischen und japanischen Achtsamkeitstempeln, inzwischen breitet sich das Format in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus – oft organisiert von jungen Therapeuten und Achtsamkeits-Coaches. Es ist eine physische Metapher für Loslassen: Du trägst dein Licht, aber du klammerst dich nicht daran fest.
Abschließendes Zitat
„Man muss das Ufer verlassen, um den Ozean zu entdecken.“ – Khalil Gibran
Hat dich dieser Text berührt oder an etwas erinnert, das du schon lange loslassen wolltest? Schreib es gern in die Kommentare – ich lese jedes Wort und antworte von Herzen. Manchmal hilft es schon, wenn man es nur einmal laut ausspricht.
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
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