Dein Kampf gilt deiner verborgenen Geschichte
Lesedauer 7 Minuten

Dein Kampf gilt deiner verborgenen Geschichte

Inhaltsverzeichnis

  1. Flensburg – Die engen Gassen

  2. Der Hafen und die Kaimauer

  3. Gerüche von Salz, Teer und Diesel

  4. Der Wollmantel

  5. Wahrnehmung und Stimmung

Niemand schaut dich länger als zwei Sekunden an. Die Menschen hier bewegen sich zielgerichtet: ein Mann mit oranger Warnweste schiebt eine Sackkarre voller Kisten Richtung Lagerhalle, eine Frau in anthrazitfarbenem Trenchcoat und kniehohen Stiefeln telefoniert hastig, während sie mit schnellen Schritten Richtung Schiffahrtsmuseum eilt. Du hörst Bruchstücke: „…die neue Charge kommt erst Montag…“, „…der Norweger will den Preis drücken…“.

Und du?

Du stehst da und fragst dich seit etwa achtzehn Monaten, warum du eigentlich noch hier bist.

Nicht geographisch. Sondern in diesem Leben, das sich wie ein zu eng genähtes Jackett anfühlt. Jeder Atemzug spannt den Stoff über der Brust ein bisschen mehr.

Die erste Lüge, die wir uns erzählen

Die meisten Menschen glauben, ihr größter Kampf sei äußerlich.

Der Chef, der sie klein hält. Die Hypothek, die jeden Monat 1.780 € frisst. Der Partner, der sich emotional entfernt hat wie ein Schiff, das langsam aus dem Hafen gleitet. Die Kinder, die plötzlich größer sind und andere Musik hören. Der Körper, der nicht mehr so will wie früher.

Das ist alles real. Das tut weh. Das kostet Kraft.

Aber es ist nicht der entscheidende Kampf.

Der entscheidende Kampf findet in der unsichtbaren Kammer statt, die du seit deiner Kindheit mit dir herumträgst: deiner Geschichte über dich selbst.

Du hast sie nicht bewusst geschrieben. Sie wurde dir diktiert – von Lehrern, die dich „zu langsam“ nannten, von Vätern, die „Jungs weinen nicht“ sagten, von Müttern, die meinten „du musst es allen recht machen“, von Klassenkameraden, die dich zum ersten Mal ausgelacht haben, als du vorne etwas nicht wusstest, von der ersten großen Liebe, die sagte „du bist zu viel / zu wenig / zu laut / zu still“, von Bewerbungsgesprächen, in denen man dich höflich aussortierte, von Chefs, die dich übersahen, von Freunden, die plötzlich keine Zeit mehr hatten.

Jedes dieser Ereignisse war ein kleiner Hammerschlag auf denselben Amboss: Du bist nicht genug. Du musst dich anstrengen, um geliebt zu werden. Wenn du scheiterst, bist du wertlos. Wenn du erfolgreich bist, darfst du dich trotzdem nicht freuen, sonst bist du arrogant.

Und das Ergebnis? Eine unsichtbare Vertragsschrift, die du mit dir selbst unterschrieben hast, ohne je die Klauseln wirklich gelesen zu haben.

Wie sich die Geschichte physisch anfühlt

Stell dir vor, du sitzt in einem kleinen Café in Husum, Ende Oktober. Draußen peitscht der Wind Graupelschauer gegen die Scheibe. Drinnen riecht es nach frisch gemahlenem Kaffee und nach dem nassen Mantel des Mannes am Nachbartisch.

Du bestellst einen doppelten Espresso. Die Tasse ist heiß. Du hältst sie mit beiden Händen. Die Wärme tut gut.

Und plötzlich merkst du, wie sich dein Brustkorb zusammenzieht – nicht dramatisch, nicht wie in Filmen, sondern ganz leise, wie wenn jemand langsam eine Schraubzwinge anzieht.

Das ist sie. Deine Geschichte. Sie sitzt genau dort, wo das Zwerchfell auf die Rippen trifft. Sie atmet mit dir. Wenn du „eigentlich bin ich nicht der Typ für…“ denkst, atmet sie ein. Wenn du „das schaffe ich sowieso nicht“ denkst, zieht sie sich enger.

Manche nennen es Selbstzweifel. Andere nennen es innere Kritik. Wieder andere nennen es „mein Schatten“.

Ich nenne es einfach: deine verborgene Geschichte.

Sie ist mächtiger als jeder Chef, jede Rechnung, jede vergangene Liebe. Weil sie dir sagt, wer du bist, bevor du überhaupt den Mund aufmachst.

Der Moment, in dem die Geschichte sichtbar wird

Es gibt diese Augenblicke, in denen der Schleier für Sekunden reißt.

Vielleicht war es bei dir so:

Du stehst in der Küche in Kiel, es ist 22:47 Uhr, die Kinder schlafen endlich. Du öffnest den Kühlschrank, starrst hinein, schließt ihn wieder, ohne etwas genommen zu haben. Dann setzt du dich an den Küchentisch, legst die Stirn auf die kühle Tischplatte und denkst ganz klar und kalt:

„Ich habe es satt, so zu leben.“

Nicht „ich habe es satt, so wenig Geld zu haben“. Nicht „ich habe es satt, dass er/sie mich nicht sieht“.

Sondern: „Ich habe es satt, diese Version von mir zu sein.“

Das ist der Augenblick, in dem die Geschichte zum ersten Mal ihren Namen bekommt. Vorher war sie einfach die Luft, die du geatmet hast. Jetzt ist sie ein Gegenüber.

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Madagaskar – wo Träume wachsen wie Baobabs

Stell dir vor, du stehst im Nebelwald von Andasibe-Mantadia. Die Luft ist feucht und schwer, riecht nach Moos, nach Erde nach Regen, nach etwas, das älter ist als du. Lemuren rufen in den Wipfeln – hohe, klagende Laute, die sich wie ein fremdes Lied anhören.

Du kletterst über die scharfen, nadeligen Tsingy de Bemaraha, graue Kalksteinformationen, die wie erstarrte Wellen aussehen. Jeder Tritt muss sitzen. Jeder Griff muss halten.

Und während du dort oben stehst, den Wind im Gesicht, die Sonne, die durch den Dunst bricht, passiert etwas Seltsames: Du fühlst dich plötzlich wieder wie das Kind, das du einmal warst. Das Kind, das stundenlang Ameisenstraßen beobachtete, das sich fragte, warum Wolken so schnell ziehen, das keine Angst vor Höhe hatte, weil es noch nicht wusste, dass man fallen kann.

In Madagaskar wachsen Träume wie Baobabs – langsam, knorrig, über Jahrzehnte, aber unzerstörbar.

Und genau das ist der Punkt.

Deine Geschichte hat dich lehrten zu fallen. Sie hat dir beigebracht, dass Träume gefährlich sind. Dass Wünsche bestraft werden. Dass du dich klein machen musst, um nicht aufzufallen.

Aber das Kind in dir weiß das nicht.

Es weiß nur: Ich will sehen. Ich will wissen. Ich will hoch.

Der zweite Kampf – die Geschichte umschreiben

Umschreiben klingt nach schöner Metapher. Ist es nicht.

Es ist Knochenarbeit.

Weil die alte Geschichte in deinem Nervensystem gespeichert ist. Nicht nur in deinem Kopf. In deiner Haltung, in deiner Atmung, in der Art, wie deine Schultern sich hochziehen, wenn jemand Lob ausspricht, in dem leichten Ekel, den du spürst, wenn du um etwas bitten musst, in dem inneren Zucken, wenn jemand sagt „du hast das wirklich gut gemacht“.

Eine neue Geschichte schreiben heißt also nicht nur, neue Sätze zu denken. Es heißt, einen neuen Körper zu bewohnen.

Das klingt esoterisch. Ist es nicht.

Wenn du dich das nächste Mal dabei ertappst, wie du „eigentlich bin ich nicht der Typ für Führungspositionen“ denkst – halte inne. Spür, wo dieser Satz in deinem Körper sitzt. Meistens ist es die Kehle, die sich zuschnürt, oder der Solarplexus, der sich zusammenzieht, oder die Schultern, die nach vorne fallen.

Dann tu etwas Körperliches, das der alten Geschichte widerspricht:

Atme sehr langsam in den Bauch – länger aus als ein. Richte die Wirbelsäule auf, als würdest du von einem Faden am Hinterkopf nach oben gezogen. Sag laut (oder flüsternd, wenn Menschen in der Nähe sind): „Ich entscheide, wer ich jetzt bin.“

Das ist kein Zauberspruch. Das ist ein neurophysiologischer Interventionsversuch. Du unterbrichst das automatische Feuern der alten neuronalen Bahnen.

Und dann schreibst du – wirklich mit Stift auf Papier – einen einzigen Satz, der wahr ist und der alten Geschichte widerspricht.

Nicht „ich bin großartig und alle lieben mich“. Das glaubst du nicht.

Sondern etwas Kleines, Verteidigbares:

„Ich habe heute Morgen aufgestanden, obwohl ich keine Lust hatte.“ „Ich habe in dem Meeting meine Meinung gesagt, auch wenn meine Stimme gezittert hat.“ „Ich habe meinem Kind zugehört, wirklich zugehört, obwohl ich müde war.“

Kleine, unbestreitbare Siege.

Jeden Tag einer.

Nach drei Wochen hast du 21 Sätze. Nach drei Monaten hast du 90 Sätze. Irgendwann wiegt die neue Geschichte schwerer als die alte.

Der Preis der alten Geschichte

Man zahlt immer.

Die alte Geschichte kostet dich:

  • Chancen, die du nicht ergreifst, weil „das sowieso nichts für mich ist“
  • Nähe, die du nicht zulässt, weil „wenn sie mich wirklich kennen, gehen sie“
  • Freude, die du dir verbietest, weil „wer bin ich, dass ich glücklich sein darf“
  • Geld, das du nicht verdienst, weil du dich unter Wert verkaufst
  • Jahre, die du in einem Leben verbringst, das sich nicht wie deins anfühlt

Der Preis ist hoch.

Und das Schlimmste: Die meisten zahlen ihn stillschweigend weiter, bis sie 55, 60, 65 sind – und dann plötzlich merken, dass die Zeit nicht mehr zurückkommt.

Ein anderer Blick auf Erfolg

Erfolg ist nicht, wenn du endlich die alte Geschichte los bist.

Erfolg ist, wenn du merkst, dass du eine neue Geschichte schreiben kannst – und zwar jeden verdammten Tag wieder.

Du wirst nie fertig sein. Die alte Geschichte wird immer mal wieder aus dem Keller kommen, sich auf deine Brust setzen und flüstern: „Weißt du noch, wie du damals…“

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Dann wirst du sie ansehen – nicht mit Hass, nicht mit Verachtung, sondern mit einer Art müder Zärtlichkeit – und sagen:

„Ja. Ich weiß. Aber heute entscheide ich anders.“

Und dann stehst du auf, gehst in die Küche, kochst dir einen starken Kaffee, schaust aus dem Fenster auf die Förde, auf die Möwen, auf die Fähre nach Dänemark, und fühlst zum ersten Mal seit langer Zeit so etwas wie: Das hier ist mein Leben. Und ich bin derjenige, der es erzählt.

Was jetzt zu tun ist

Du musst nicht alles auf einmal ändern.

Fang mit einem winzigen Satz an, den du heute Abend vor dem Schlafengehen aufschreibst.

Ein Satz, der wahr ist. Ein Satz, der der alten Geschichte widerspricht.

Nur einer.

Morgen machst du den nächsten.

In einem Jahr hast du 365 kleine, unzerstörbare Beweise, dass du nicht mehr die Person bist, für die du dich früher gehalten hast.

Und dann, irgendwann, wirst du in einer kalten Winternacht in Flensburg oder Husum oder Travemünde stehen, den Mantelkragen hochgeschlagen, die Hände in den Taschen, und du wirst lächeln – nicht weil alles perfekt ist, sondern weil du weißt:

Der wichtigste Kampf habe ich schon gewonnen.

Nicht gegen andere. Gegen die Geschichte, die mir erzählt hat, wer ich bin.

Ich habe sie umgeschrieben.

Und ich schreibe weiter.

Hat dir der Beitrag gefallen? Dann schreib mir doch in den Kommentaren: Welchen einen kleinen Satz hast du heute für dich neu formuliert – und wie hat sich das angefühlt? Teil den Text gerne mit jemandem, der gerade glaubt, seine Geschichte wäre bereits zu Ende geschrieben.

Über mich – Andreas Schulze

Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.

Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.

Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.

Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.

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