Das Leben ist kurz; lass den Groll los
In einer kalten Dezembernacht in Bremen, als der Wind vom Weserufer heraufpfiff und die Lichter der Schlachte sich im schwarzen Wasser brachen wie zerbrochene Sterne, saß eine Frau namens Lene Mertens auf der Kaimauer. Sie trug einen dunkelgrauen Wollmantel, dessen Kragen sie hochgeschlagen hatte, bis er fast ihre Wangenknochen berührte. Ihre Hände, in fingerlosen Handschuhen aus weichem Leder, umklammerten einen Pappbecher mit heißem Glühwein, dessen Zimt- und Nelkenduft sich mit dem salzigen Flussgeruch mischte.
Lene war 37, Steuerberaterin in einer mittelständischen Kanzlei in der Überseestadt, und sie hatte gerade erfahren, dass ihr ehemaliger Chef – der Mann, der sie vor fünf Jahren wegen einer einzigen kritischen E-Mail vor versammelter Mannschaft gedemütigt hatte – nun Partner geworden war. Der Groll, den sie seit jenem Tag wie einen kleinen, scharfen Stein in der Brust getragen hatte, pulsierte plötzlich wieder heftig. Sie spürte ihn beim Atmen, beim Schlucken, beim Zusehen, wie ein Containerschiff langsam vorbeizog und das Wasser in trägen Wellen gegen die Kaimauer schlug.
Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, warum sie diesen Stein so lange behalten hatte. Er wog nichts und doch drückte er alles nieder: die Freude über den neuen Auftrag letzte Woche, das Lachen mit ihrer Nichte am Telefon, sogar den Geschmack des Glühweins, der eigentlich nach Weihnachten schmecken sollte.
Warum Groll so teuer ist
Groll ist eine Art unsichtbarer Mietvertrag, den man mit jemand anderem abschließt – nur zahlt man die Miete selbst. Jeden Tag ein Stück Lebenszeit, ein Stück Leichtigkeit, ein Stück Gegenwart. Man glaubt, man bestraft den anderen, dabei bestraft man vor allem die eigene Atmung, den eigenen Schlaf, die eigenen Abende am Fenster, an denen man eigentlich hätte träumen können.
In Innsbruck, tausend Kilometer südlich, saß zur selben Stunde ein Mann namens Elias Hofer auf der Terrasse einer kleinen Wohnung in der Mariahilfstraße. Er war 42, gelernter Orthopädietechniker, der inzwischen eine eigene kleine Werkstatt für maßgefertigte Prothesen führte. Vor vier Jahren hatte ihn seine damalige Lebensgefährtin verlassen – mit einer SMS, drei Tage bevor er ihr einen Heiratsantrag machen wollte. Der Satz „Ich kann so nicht weitermachen“ stand immer noch in seinem Kopf wie eine schlecht gesetzte Narbe.
Elias hatte jahrelang jeden neuen Partner, jede neue Kundin, jedes neue Lachen durch diesen einen Satz gefiltert. Er wartete darauf, wieder verlassen zu werden. Der Groll war zu einer Art Schutzschild geworden – nur dass Schilde nach innen drücken, wenn man sie zu lange trägt.
Der Moment, in dem es kippt
Es gibt diesen einen Augenblick, in dem man merkt, dass der Groll nicht mehr schützt, sondern stranguliert.
Bei Lene kam er, als sie den Glühweinbecher abstellte, aufstand und sich die Hände an den Mantel wischte. Der Wind drehte und trug den Klang eines Saxofons von der anderen Flussseite herüber – jemand übte in einem offenen Fenster. Es war kein schönes Stück, eher ein stotterndes, suchendes Blues-Fragment. Und genau dieses Unperfekte, dieses Tapfere darin ließ etwas in Lene zerbrechen.
Sie dachte: Wenn dieser Mensch da drüben trotz falscher Töne weiterspielt, warum halte ich dann an einem Fehler von vor fünf Jahren fest?
Bei Elias kam der Moment zwei Monate später. Er saß in seiner Werkstatt, es war schon dunkel, nur die Arbeitslampe brannte. Vor ihm lag der Abdruck eines Unterschenkels, den er für einen 19-jährigen Motorradfahrer anfertigte, der bei einem Unfall beide Unterschenkel verloren hatte. Der Junge hatte ihm beim Maßnehmen erzählt, er wolle wieder Rennen fahren – nicht trotz der Prothesen, sondern mit ihnen.
Elias schaute auf seine Hände, die den Gipsabdruck hielten, und dachte plötzlich: Dieser Junge hat weniger als ich und ist schon weiter.
Der Groll fiel nicht mit Pauken und Trompeten von ihm ab. Er löste sich einfach auf, wie Schnee, der auf warme Haut trifft.
Wie man den Stein zurückgibt
Es gibt keine große Zeremonie. Kein Brief, den man verbrennt, kein Gespräch, das alles klärt. Meistens geschieht es still.
Man kann anfangen, indem man sich fragt: Was genau will ich diesem Menschen eigentlich noch antun? Und dann ehrlich antworten: Ich will, dass er leidet. Dass er erkennt, was er angerichtet hat. Dass er sich schämt.
Und dann die nächste Frage: Hat er das in den letzten Jahren getan? Hat er sich bei mir entschuldigt? Hat er sich verändert? Hat er überhaupt noch an mich gedacht?
Meistens lautet die Antwort: Nein.
Dann kommt die entscheidende Erkenntnis: Ich halte einen Menschen fest, der mich längst losgelassen hat.
Das tut weh. Aber es ist ein sauberer Schmerz, kein fauliger.
Kleine Übungen für den Alltag
Man muss nicht sofort verzeihen. Verzeihen ist ein hohes Gut und kommt, wenn es kommt. Aber man kann den inneren Mietvertrag kündigen.
Eine Möglichkeit ist, jeden Abend vor dem Einschlafen drei Sätze aufzuschreiben:
- Heute habe ich wieder an … gedacht.
- Das hat mich … gekostet (Zeit, Freude, Energie).
- Ich gebe es zurück.
Man muss es nicht jemandem geben. Man gibt es einfach zurück ans Universum, an die Zeit, an die Vergangenheit. Man öffnet die Faust.
Eine andere Möglichkeit ist, das Bild des anderen Menschen bewusst kleiner zu machen. Nicht im Kopf verkleinern – das funktioniert nicht. Sondern real: weniger googeln, weniger alte Fotos ansehen, weniger Gespräche über ihn führen. Jedes Mal, wenn man den Namen nicht ausspricht, wird der Stein leichter.
Die Freiheit danach
Wenn der Groll geht, kommt Platz.
Platz für neue Menschen, die nicht mit alten Geschichten belastet sind. Platz für neue Abende, an denen man nicht mehr an alte Kränkungen denkt, sondern an den Geruch von frischem Brot aus der Bäckerei unten, an das Lachen der Kinder auf dem Spielplatz, an die Art, wie das Licht im Winter um 16 Uhr plötzlich golden wird.
Lene hat irgendwann angefangen, samstags in einem kleinen Chor in Schwachhausen zu singen. Sie singt nicht besonders gut, aber sie singt laut. Und jedes Mal, wenn die Stimmen sich erheben, spürt sie, wie etwas in ihr mitschwingt, das lange still war.
Elias hat eine neue Werkstatt eröffnet – größer, heller, mit Blick auf die Nordkette. Er bildet jetzt junge Menschen aus. Wenn er abends abschließt, bleibt er manchmal noch stehen und schaut den Bergen zu, wie sie im letzten Licht fast violett werden. Er denkt nicht mehr an die SMS von damals. Er denkt: Ich bin hier. Und das reicht.
Das Leben ist wirklich kurz
Es gibt Menschen, die sagen, man solle nie vergessen. Das stimmt so nicht. Man soll sich erinnern dürfen – aber man muss nicht jede Erinnerung mit Groll bezahlen.
Das Leben ist kurz. Nicht im dramatischen Sinn. Sondern im ganz alltäglichen: Man blinzelt, und das Kind, das gestern noch auf dem Schoß saß, zieht heute aus. Man blinzelt, und die Hände, die früher alles konnten, zittern beim Öffnen eines Glases. Man blinzelt, und der Mensch, den man geliebt hat, ist weg – oder man selbst.
Warum also die wenigen Jahre, die uns bleiben, mit einem alten Stein in der Brust vergeuden?
Lass ihn los.
Nicht für den anderen.
Für dich.
Am Ende des Tages bist du derjenige, der atmen muss.
Zitat
„Groll ist wie Gift trinken und darauf warten, dass der andere stirbt.“ – Nelson Mandela
Hat dir der Text etwas bewegt oder einen kleinen Stein leichter gemacht? Dann schreib mir gern in den Kommentaren: Welchen alten Groll hast du heute – und sei es nur für einen Moment – zurückgegeben? Deine Geschichte könnte genau die sein, die jemand anderen heute noch erreicht.
Über mich – Andreas Schulze
Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.
Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.
Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.
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Willkommen auf meiner Seite – und in deiner Erfolgsgeschichte.

Alles, was du liebst, wird vergehen.
Menschen. Momente. Gefühle.
Auch du.
Niemand sagt dir das gern ins Gesicht.
Aber dein Leben ist kein unendlicher Raum.
Es ist ein Countdown.
Rein rechnerisch hast du etwa 625.000 bis 700.000 Stunden auf dieser Welt.
Nicht mehr. Nicht weniger.
Ein Großteil davon verschwindet im Schlaf.
Ein weiterer Teil in Terminen, Pflichten, Ablenkung.
Und plötzlich stehst du da und denkst:
Wo ist all die Zeit geblieben?
Das Licht wird nicht langsam dunkler.
Es geht einfach aus.
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Alles, was du liebst, ist endlich.
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