Balance finden, ohne sich zu verlieren
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Balance finden, ohne sich zu verlieren

In einer kleinen Wohnung hoch über den Dächern von Graz, wo der Schnee manchmal bis März liegen bleibt und die Mur im Tal wie ein müdes Tier atmet, sitzt eine Frau namens Lene Hofstätter um kurz nach sieben Uhr abends am Küchentisch. Sie ist 34, Sozialpädagogin in einer Jugendwohngruppe, und vor ihr steht eine halb volle Tasse Schwarztee mit Milch, die schon kalt geworden ist. Das Licht der Straßenlaterne fällt schräg durch die Jalousie und zeichnet Streifen auf ihre Hände. Die Hände liegen still. Zu still.

Sie hat heute wieder einmal bis halb sieben gearbeitet, weil ein Junge aus der Gruppe einen Rückfall hatte und niemand sonst Zeit hatte, mit ihm zu reden. Danach ist sie mit dem Rad durch den leichten Schneefall nach Hause gefahren, die Wangen nass, die Gedanken laut. Jetzt sitzt sie da und spürt, wie sich etwas in ihr zusammenzieht – nicht Schmerz, nicht Wut, sondern eine Art müde Leere, die sagt: So kann es nicht ewig weitergehen.

Lene ist nicht die Einzige.

In Hamburg-Altona sitzt zeitgleich ein Mann namens Thore Bengtsson, 41, Schichtleiter in einem Logistikzentrum am Hafen. Er trägt noch die graue Arbeitsjacke mit den Reflektorstreifen, obwohl er seit einer Stunde zu Hause ist. Auf dem Tisch liegt sein Handy, Display nach unten. Es blinkt alle paar Minuten. Seine Frau ist mit den Kindern bei den Großeltern, das Haus ist still bis auf das Summen des Kühlschranks und das ferne Dröhnen eines Containerschiffs auf der Elbe. Thore starrt auf die Tischplatte und denkt: Wenn ich jetzt noch eine Runde joggen gehe, habe ich wenigstens etwas für mich getan. Er bleibt sitzen.

In Lausanne, am nördlichen Ufer des Lac Léman, läuft gerade eine Frau namens Maëlle Dupont, 29, Übersetzerin für eine internationale NGO, barfuß über das Parkett ihrer Altbauwohnung. Sie hat den ganzen Tag Französisch, Englisch und Deutsch zwischen zwei Konferenzen hin- und hergeschoben. Jetzt ist es 20:14 Uhr. Auf dem Esstisch steht ein Glas Rotwein vom Lavaux, das sie noch nicht angerührt hat. Stattdessen scrollt sie durch Fotos von Wanderungen, die sie vor drei Jahren gemacht hat – Bilder, auf denen sie lacht und die Wangen gerötet sind. Sie denkt: Wann habe ich das letzte Mal wirklich gelacht, ohne dass es auf einem Foto dokumentiert werden musste?

Drei Menschen, drei Städte, drei Länder, ein Gefühl.

Die Waage kippt.

Man nennt es Work-Life-Balance, als wäre es eine mathematische Gleichung, die man irgendwann löst. 50 : 50. Fertig. In Wirklichkeit ist es eher ein Tanz auf einem Seil, bei dem man ständig die Arme ausbreitet, schwankt, nachjustiert – und manchmal trotzdem fällt.

Lene, Thore und Maëlle fallen nicht dramatisch. Sie fallen leise. In kleinen Raten. Eine Überstunde hier, ein abgesagtes Wochenende da, eine Sportstunde, die ausfällt, weil man zu erschöpft ist, um sich aufzuraffen, ein Buch, das man seit Monaten nicht mehr aufgeschlagen hat, ein Freund, den man nur noch per Sprachnachricht wahrnimmt. Irgendwann merkt man: Das Leben passiert, aber nicht mit einem. Es passiert neben einem.

Und dann kommt der Moment, in dem man sich fragt: Wie komme ich wieder zurück auf dieses Seil – ohne abzustürzen?

Der erste Schritt ist brutal ehrlich

Lene hat es eines Abends gemacht. Sie nahm ein Blatt Papier, einen schwarzen Fineliner und schrieb drei Spalten:

• Was ich tue, weil ich es tun muss • Was ich tue, weil ich glaube, dass andere es von mir erwarten • Was ich tue, weil es mich lebendig macht

In die erste Spalte kamen: Schichtpläne erstellen, Elterngespräche führen, Berichte schreiben, E-Mails bis 22 Uhr beantworten.

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In die zweite: Immer erreichbar sein, nie Nein sagen, die Kollegin vertreten, die gerade im Burnout ist, weil „sie es ja auch für mich tun würde“.

In die dritte Spalte: nichts.

Sie starrte auf das leere Feld und spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Es war, als hätte jemand das Licht in ihr ausgeschaltet und vergessen, es wieder anzumachen.

Thore machte es anders. Er nahm sein Handy, ging in die Notizen-App und tippte ohne Punkt und Komma:

ich will nicht mehr nach hause kommen und nur noch duschen essen schlafen wiederholen ich will wieder der vater sein der mit den kindern bautürme aus bauklötzen macht bis alles umfällt und alle lachen ich will wieder der mann sein der mit seiner frau auf der couch liegt und serien schaut und sich dabei berührt ohne etwas zu sagen ich will wieder atmen

Er las den Text zweimal durch, dann löschte er ihn. Aber etwas blieb hängen.

Maëlle ging einen anderen Weg. Sie nahm sich einen Samstag, fuhr mit dem Zug nach Montreux, setzte sich ans Seeufer, zog die Schuhe aus und ließ die Zehen ins kalte Wasser hängen. Sie fragte sich laut: „Was würde die 19-jährige Maëlle jetzt von mir denken?“ Die Antwort kam sofort und scharf: Du bist eine sehr teure Maschine geworden.

Drei verschiedene Wege. Derselbe Ausgangspunkt: die Erkenntnis, dass das, was man tut, nicht mehr das ist, was man ist.

Warum wir die Balance verlieren – ohne es zu merken

Es beginnt meist harmlos.

Man sagt Ja, weil man helfen will. Man bleibt länger, weil man Verantwortung spürt. Man nimmt die Extra-Aufgabe, weil man aufsteigen möchte. Man schiebt das Hobby zur Seite, weil „später ist auch noch Zeit“. Man verschiebt das Treffen mit Freunden, weil man müde ist. Man verschiebt es wieder. Und wieder.

Irgendwann ist das Leben ein einziges Verschieben.

Das Gehirn gewöhnt sich daran. Es lernt, dass Leistung wichtiger ist als Erholung, dass Anerkennung von außen wichtiger ist als Frieden im Inneren. Es lernt, dass Müdigkeit ein normaler Zustand ist.

Und dann, irgendwann, wird die Müdigkeit chronisch.

Man wacht auf und fühlt sich bereits erschöpft. Man lacht, aber es klingt hohl. Man sitzt mit Menschen zusammen und ist gleichzeitig woanders. Man schaut auf die Uhr und denkt: Noch sieben Stunden, dann habe ich Feierabend. Man zählt die Stunden bis zum Wochenende – und verbringt das Wochenende damit, sich zu erholen von der Woche, die man überlebt hat.

Das ist der Punkt, an dem die Balance nicht mehr wackelt. Sie liegt am Boden.

Der Unterschied zwischen Pause und Erholung

Eine Pause ist, wenn man die Augen schließt und fünf Minuten nichts tut.

Erholung ist, wenn man fünf Minuten lang wirklich nichts tut – und dabei spürt, wie sich etwas in einem löst.

Die meisten Menschen machen Pausen. Wenige machen Erholung.

Lene hat angefangen, jeden Abend um 21 Uhr das Handy in den Flugmodus zu schalten und es in die Küche zu legen. Nicht in den anderen Raum – in die Küche. So weit weg, dass sie aufstehen müsste, um es zu holen. Sie liest jetzt wieder. Keine Fachliteratur. Romane. Gedichte. Manchmal nur zehn Seiten. Aber sie liest. Und beim Lesen merkt sie, wie sich ihre Schultern senken.

Thore hat sich einen alten Rucksack geschnappt, den er seit der Schulzeit nicht mehr benutzt hat, und geht jeden zweiten Sonntagmorgen allein wandern. Kein Ziel. Keine Uhr. Nur er, der Weg und der Wind. Er kommt nach Hause, riecht nach Wald und ist stiller als sonst – aber ein gutes Still.

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Maëlle hat angefangen, jeden Morgen zwanzig Minuten zu schreiben. Keine To-do-Liste. Keine E-Mails. Einfach alles, was in ihr hochkommt. Manchmal ist es wütend. Manchmal traurig. Manchmal albern. Aber es kommt raus. Und danach fühlt sich der Tag leichter an.

Kleine Rituale. Große Wirkung.

Die Kunst, Grenzen zu ziehen – ohne sich schuldig zu fühlen

Der größte Feind der Balance ist das schlechte Gewissen.

Man sagt Nein und denkt sofort: Bin ich egoistisch? Man geht pünktlich und denkt: Die anderen schaffen ja auch mehr. Man nimmt sich Zeit für sich und denkt: Eigentlich könnte ich noch schnell die E-Mails checken.

Das schlechte Gewissen ist wie ein kleiner Wachhund, der bellt, sobald man sich selbst etwas Gutes tut.

Lene hat sich einen Satz beigebracht, den sie sich vorsagt, wenn das schlechte Gewissen anfängt zu bellen:

„Ich bin nicht für die Erschöpfung anderer verantwortlich.“

Thore hat sich einen anderen Satz antrainiert:

„Wenn ich leer bin, kann ich niemanden füllen.“

Maëlle sagt sich:

„Mein Wert hängt nicht von meiner Verfügbarkeit ab.“

Drei Sätze. Drei Menschen. Eine Wahrheit: Grenzen sind kein Egoismus. Grenzen sind Selbsterhalt.

Wie man die Waage wieder ins Lot bringt – praktisch

Es gibt keine Einheitslösung. Aber es gibt Prinzipien, die fast immer funktionieren.

  1. Inventur machen. Schreib eine Woche lang jeden Abend auf: Was habe ich heute getan, das Energie gegeben hat? Was hat Energie geraubt? Nach sieben Tagen siehst du Muster.
  2. Den Tag in Zonen teilen. Morgen = Fokuszeit (wichtigste Aufgaben zuerst). Mittag = kurze echte Pause (kein Handy, kein Scrollen). Nachmittag = Arbeitszeit mit klarer Deadline. Abend = Zeit für das, was dich lebendig macht (auch wenn es nur 30 Minuten sind).
  3. Ein klares Feierabend-Ritual schaffen. Lene zieht sich um, macht Tee, setzt sich fünf Minuten ans Fenster und schaut hinaus. Thore geht duschen und zieht danach bewusst etwas an, das nichts mit Arbeit zu tun hat. Maëlle zündet eine Kerze an und liest laut ein Gedicht.
  4. Einmal pro Woche etwas tun, das keinen Zweck hat. Spazieren ohne Ziel. Malen. Tanzen in der Küche. Singen unter der Dusche. Einfach weil es sich gut anfühlt.
  5. Menschen um sich haben, die das verstehen. Nicht alle. Aber ein, zwei. Die nicht sagen: „Du musst doch mal Gas geben.“ Sondern: „Gut, dass du dir Zeit nimmst.“

Die Balance ist kein Zustand. Sie ist eine Bewegung.

Man wird sie nie endgültig erreichen. Man übt sie. Tag für Tag.

Manchmal wackelt das Seil stärker. Manchmal steht man wieder fest.

Aber man lernt, die Arme auszubreiten.

Man lernt, zu atmen.

Man lernt, dass es okay ist, nicht immer alles zu können.

Und manchmal, ganz selten, steht man mittendrin im Sturm – und merkt: Ich falle nicht.

Ich halte.

Über mich – Andreas Schulze

Ich bin Andreas Schulze, Schriftsteller und Autor zu persönlicher Entwicklung, Motivation und Bewusstsein. Seit über vier Jahrzehnten untersuche ich, was Menschen antreibt und wie persönliches Wachstum entsteht.

Meine Arbeit basiert auf praktischer Erfahrung und dem Austausch mit Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Seit mehr als 20 Jahren führe ich Interviews und Gespräche weltweit – heute meist digital über Plattformen wie Zoom oder Microsoft Teams.

Die Erkenntnisse daraus fließen in meine Bücher, Blogbeiträge und Coachings auf Erfolgsebook.com ein. Dabei geht es mir um klare, praktische Ansätze, die helfen, Denken und Entscheidungen bewusster zu gestalten.

Ich sehe meine Aufgabe darin, Erfahrungen und Beobachtungen so aufzubereiten, dass sie anderen mehr Klarheit, Selbstbestimmung und innere Stärke ermöglichen.

Meine Bücher findest du hier: Ebooks für deinen Erfolg

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Mein vollständiges Profil findest du hier: Über Mich & Erfolgsebook

Willkommen auf meiner Seite – und in deiner Erfolgsgeschichte.

Blog Bilder für schöne Bider (4572)

Alles, was du liebst, wird vergehen.
Menschen. Momente. Gefühle.
Auch du.

Niemand sagt dir das gern ins Gesicht.
Aber dein Leben ist kein unendlicher Raum.
Es ist ein Countdown.

Rein rechnerisch hast du etwa 625.000 bis 700.000 Stunden auf dieser Welt.
Nicht mehr. Nicht weniger.

Ein Großteil davon verschwindet im Schlaf.
Ein weiterer Teil in Terminen, Pflichten, Ablenkung.
Und plötzlich stehst du da und denkst:
Wo ist all die Zeit geblieben?

Das Licht wird nicht langsam dunkler.
Es geht einfach aus.

Genau deshalb ist Zeit das Wertvollste, was du besitzt –
und gleichzeitig das, was die meisten Menschen am achtlosesten verlieren.

Alles, was du liebst, ist endlich.
Darum ist „später“ eine gefährliche Lüge.
Nicht irgendwann.
Nicht wenn es ruhiger wird.
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Viele Leser sagen danach:

„Ich renne meiner Zeit nicht mehr hinterher.
Ich entscheide, wofür ich sie einsetze.“

Und dann kommt der Satz, den niemand je hören wollte –
aber fast jeder irgendwann fühlt:

Eines Tages wachst du auf –
und es gibt kein ‚später‘ mehr für das,
was dir wirklich wichtig war.

Wenn du begreifst, dass du nur dieses eine Leben hast,
willst du nicht länger funktionieren.
Du willst fühlen.
Erleben.
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